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Eintracht-Vorstandschef Bruchhagen : „Die Ansprüche passen nicht zur Realität“

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Freude bei den Frankfurter Jungs: Die Eintracht beim Saisonfinale 2013, das ihnen den Einzug in die Europa League ermöglicht hat. Bild: Wonge Bergmann

Im Interview spricht Eintracht Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen über die Zukunft des Vereins, die Trainersuche und sein persönliches Verhältnis zu Armin Veh.

          7 Min.

          Welchen Typ Trainer favorisieren Sie bei der Suche nach einem Nachfolger für Armin Veh?

          Ach, wissen Sie, wenn Thomas Schneider beim VfB Stuttgart Erfolg gehabt hätte, dann gäbe es einen Schrei nach einem jungen Trainer für die Eintracht. Und da es nicht so war, hieß es zuletzt, wir brauchen einen routinierten Mann. Die öffentliche Einschätzung von Trainern ist für mich nicht entscheidend. Es geht darum, wie er die vorhandene Mannschaft analysiert und welche eigenen Ideen er einbringt.

          Wovon lassen Sie sich bei der Wahl leiten?

          Vom Gefühl, von Gesprächen und Gesprächsinhalten. Aber es gibt ja keinen Kandidaten, den ich nicht beurteilen könnte – mal abgesehen von den wenigen, die ich nur per Handschlag kenne. Wenn mir zum Beispiel einer André Breitenreiter vom SC Paderborn empfehlen möchte, dann kann ich sagen: Den habe ich 1993 schon als Spieler von Hannover 96 zum Hamburger SV geholt, den kenne ich ganz gut. Das ist der Vorteil der frühen Geburt.

          Ist es anspruchsvoller, einen Trainer zu verpflichten als einen Spieler?

          Auch eine Trainerverpflichtung ist ein normaler Vorgang. Es wird halt immer nur eine Riesenschau darum gemacht.

          Sie sind ein Anhänger von Einjahresverträgen bei Trainern. Gilt diese Linie auch für die nächste Saison?

          Nicht unbedingt. In den zehn Jahren vor meinem Beginn hier hatte die Eintracht vierzehn Trainer, und deshalb gab es bei mir nur Einjahresverträge. Aber inzwischen traue ich dem Verein zu, auch einen Dreijahresvertrag abzuschließen – einfach, weil er eine ganz andere Stabilität hat als früher.

          Wie meinen Sie das?

          Der Verein ist solide aufgestellt: Vorstand, Aufsichtsrat, Sportliche Leitung – das ist eine Linie. Es gab zum Beispiel keine Differenzen zwischen mir und Armin Veh, nicht im Ansatz. Es gab die gleiche Art der Betrachtung, auch die gleiche Ironie. Wir verstehen uns vom ersten Tag an ausgezeichnet.

          Empfinden Sie es als Niederlage, dass Sie Veh nicht halten konnten?

          Nein, da konnte ich nichts machen. Ich wusste gleich, dass ich seine Gründe zu respektieren hatte.

          War er ein Glücksfall für den Klub?

          Er hat uns ohne Zweifel gutgetan, und ich hätte ihn gerne länger bei uns gesehen. Wie er die Mannschaft nach dem Abstieg geformt hat, ist aller Ehren wert.

          Wie haben Sie beide sich zusammengerauft, oder waren alle Reibereien von beiden Seiten jeweils Berechnung?

          Er macht immer mal spöttische Bemerkungen, das kann er wunderbar. Er hat einen eigenen Humor, der von Ironie geprägt ist, ich habe meinen. Aber Ihr Eindruck ist falsch, es gab nicht einen wirklichen Konflikt, der an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Unser Umgang war jederzeit intensiv und absolut professionell auf der sportlichen Ebene. Eine private Freundschaft hat es bei mir nur einmal gegeben, mit Hermann Gerland in Bielefeld. Und als ich ihn entlassen musste, war es ein ganz schwerer Moment für beide. Auch bei Friedhelm Funkel, der fünf Jahre in Frankfurt war, gab es das deswegen nicht. Freundschaften entwickeln sich heute für mich immer nach einer Zusammenarbeit. Aber das A und O bleibt in der Trainerfrage so oder so immer die Kontinuität. Es würde mir zum Beispiel nie passieren, dass ich über einen Trainer, für den ich mich einmal entschieden habe, etwas Negatives sage, nicht einmal in der vertrautesten Runde. Der Trainer genießt immer höchste Autorität.

          Vehs Abgang und seine nicht abgesprochene Bekanntgabe durch Sie sorgte für Unruhe. Haben Sie die Situation falsch eingeschätzt?

          Es war der richtige Zeitpunkt. Wir hatten das tolle Heimspiel gegen Porto und den Sieg gegen den VfB Stuttgart hinter uns, zudem stand eine Aufsichtsratssitzung an. Es war die Gelegenheit, klar Schiff zu machen. Grundsätzlich brauche ich auch niemanden zu fragen, wenn ich der Überzeugung bin, dass es angebracht ist, Stellung zu beziehen. Ich trage hier schließlich die Gesamtverantwortung. Aber heute weiß ich, dass die extreme Kritik bezüglich des Ablaufes berechtigt war. Der sportliche Erfolg zeigt seitdem im Übrigen, dass mein Handeln vom Zeitpunkt her nicht so falsch war.

          Das elfte Jahr seiner Amtszeit war aufgrund des Einzugs in die Europaleague seiner Mannschaft für Vorstandschef Heribert Bruchhagen ein besonderes.
          Das elfte Jahr seiner Amtszeit war aufgrund des Einzugs in die Europaleague seiner Mannschaft für Vorstandschef Heribert Bruchhagen ein besonderes. : Bild: Wonge Bergmann

          Als die Eintracht nach dem 3:3 gegen Porto aus der Europa League ausschied, sagten Sie hinterher prompt, dass die Fans auf ein vergleichbares Erlebnis Jahre werden warten müssen. Warum gießen Sie so gerne Wasser in den Wein?

          Wir haben sechs Jahre auf den internationalen Fußball warten müssen, und in der Tat befürchte ich, dass wir es schwer haben werden, die internationalen Erfolge des letzten Jahres kurzfristig zu wiederholen. Leider entfällt im nächsten Jahr auch die Chance im Pokal. Dennoch hofft man immer auf eine sportliche Überraschung.

          Auch dann nicht, wenn Sie entschlossen in den Kader investierten?

          Wir kaufen in einer finanziellen Größenordnung ein, in der man nie ganz sicher sein kann, ob neue Spieler wirklich besser sind als die, die schon da sind – ob sie nun zwei oder vier Millionen Euro kosten – oder gar nichts. Es ist schwer, bei unserem Niveau in der Mannschaft jemanden von außen zu holen und sicher zu sagen: Der wird uns verstärken.

          Wo liegt die Grenze nach oben bei den Transfersummen?

          Wir haben einen finanziellen Rahmen, und innerhalb dieses Rahmens müssen wir abwägen. Und wenn wir zum Beispiel Verträge von Spielern verlängern wollen, die 2015 auslaufen, bei Stefan Aigner etwa oder Carlos Zambrano, dann hat das natürlich Auswirkungen auf unsere Kaderplanung für die nächste Saison, weil solche Verlängerungen ihren Preis haben. Die Spieler werden ja nicht billiger, und das verändert die Substanz der Investitionen. Wir werden auch für die nächste Saison in unseren Mitteln eingeschränkt sein, aber das gilt ja für viele Vereine – nämlich für alle außerhalb der Champions League oder der Werksklubs.

          Obwohl die Ausschüttungen durch das Fernsehgeld gestiegen sind?

          Das sind sie, aber das gilt für alle anderen Klubs auch. Und weil wir zurzeit im Fernsehranking nur auf Platz 14 liegen, profitieren die 13 Vereine vor uns stärker als wir.

          Aber Aigner und Zambrano sollen länger bleiben?

          Ja, wir wollen verlängern. Aber natürlich wird der neue Trainer eine große Rolle bei der Konfiguration der Mannschaft spielen.

          Können Sie es sich überhaupt leisten, gute Angebote für Spieler abzulehnen?

          Es gab in der Vergangenheit zig Angebote, aber weil Eintracht Frankfurt keine Schulden hatte, habe ich nie die Neigung verspürt, einen Stammspieler abzugeben. Warum sollten wir? Es wird zwar beklagt, dass wir in unserer Transferpolitik anders agieren als Mainz 05 zum Beispiel, dass wir keine größeren Summen erzielen, aber wir hatten nie das Ziel, einen Spieler abzugeben. Wir brauchten für die Finanzierung unserer Mannschaft nie einen Verkauf.

          Dabei bleibt es?

          Ja, dabei bleibt es. Warum sollten wir jemanden abgeben?

          Kann ein neuer Trainer sich an dem orientieren, was Veh hier erreicht hat?

          Dadurch, dass die Champions League bei den Einnahmen für eine derart große Spreizung sorgt, werden zehn Traditionsvereine in den nächsten Jahren immer in der Nähe der Abstiegsränge stecken. Die Spieleretats bewegen sich auf den Tabellenpositionen neun bis achtzehn zwischen 26 und 42 Millionen Euro, und selbst wenn man sich am oberen Ende bewegt, kann einem das keine Sicherheit geben.

          Aber Ausreißer nach oben sind doch immer noch möglich, wie in dieser Saison Mainz oder Augsburg zeigen.

          Sie hätten mich vor einem Jahr sicher auch gefragt: Was macht Hannover 96 besser als die Eintracht? Jetzt haben aber auch die große Probleme. Aktuell wird gefragt, was Borussia Mönchengladbach oder von mir aus auch Mainz besser machen – und nach unserem sechsten Platz in der vergangenen Saison wurden andere Vereine vermutlich auch gefragt, was die Eintracht besser macht als sie. Dem messe ich nicht so viel Bedeutung bei. Das sind Momentaufnahmen.

          Das heißt: Das Tabellenmittelfeld ist auf Dauer das höchste der Gefühle?

          Eintracht Frankfurt hat eine große Zukunft, daran besteht kein Zweifel. Nur, dazu müssen sich einige Rahmenbedingungen ändern, um den Erwartungen gerecht zu werden. Aus dem glamourösen Umfeld des Vereins und der Stadt erwachsen Ansprüche, die mit der Realität gegenwärtig nur schwer in Einklang zu bringen sind. Und wenn das Delta zwischen Erwartungen und Realität zu groß ist, gerät ein Verein in Schwierigkeiten. Siehe Hamburger SV.

          Was sind die Voraussetzungen für eine „große Zukunft“ der Eintracht?

          Es geht um die Namensrechte am Stadion, das Facility-Management in der Arena, das Catering, den Vermarktervertrag mit Sportfive, die Stadionmiete. Unser Spieleretat beläuft sich auf 32 Millionen Euro, im Ranking der TV-Gelder stehen wir zurzeit auf dem 14. Platz. Das setzt uns Grenzen. Die Eintracht weiß, was notwendig ist, und die Schritte sind eingeleitet, es dauert nur noch einige Jahre. Und es geht nicht schneller, wenn man plakative Forderungen an die Stadt in den Raum stellt.

          Wäre es nicht eine sinnvolle Möglichkeit, vermehrt auf die Jugend zu setzen, um eine Entwicklung aus eigenen Stücken zu beschleunigen? So wie es die Schalker machen, bei denen sich nach Julian Draxler auch Max Meyer etabliert hat.

          Die Schalker haben gerade einfach Glück mit ihren Talenten. Wir waren deutscher B-Jugend-Meister 2010. Wir haben danach Dudda, Hien, Wille, Kittel, Waldschmidt, Kempf und Stendera Profiverträge gegeben – aber es hat sich bislang noch nicht bei allen so ausgezahlt wie erhofft.

          Weil Veh nicht so sehr auf den Nachwuchs setzte?

          Nein. Er stellt die Mannschaft auf, von der er annimmt, dass es die besten Spieler sind, um Erfolg zu haben. Die Jungs sind noch nicht gut genug geworden. Überhaupt haben wir seit zehn Jahren aus unserem Leistungszentrum – mit Ausnahme von Cenk Tosun, der heute in der Türkei im mittleren Segment spielt – leider keinen erstklassigen Stürmer rausbekommen.

          Ist es in diesem Zusammenhang nicht kontraproduktiv, die U23 abzumelden?

          Dieser Schritt ist gut überlegt worden. Und er ist überzeugend. Die AG hat ausdrücklich zugestimmt, weitere Bundesligavereine wie Schalke und Leverkusen werden ähnlich handeln. Seit Jahren gibt es bei uns niemanden, der aus der U23 den Sprung in den Profikader geschafft hat, weil das Leistungsniveau zu weit auseinanderklafft. Die Profispieler der Zukunft kristallisieren sich schon innerhalb der U19 heraus.

          Es fällt auf, dass seit dem Antritt von Bruno Hübner als Sportdirektor fast achtzig Spieler zur Eintracht kamen und gingen. Agiert der Klub nach dem Motto „Versuch und Irrtum“?

          Die Zahl ist zu hoch gegriffen. Doch das ist das Los von Vereinen, die wie wir im Mittelfeld der Liga anzutreffen sind. Es ist dem Umstand geschuldet, dass wir in der Preiskategorie, in der wir zuschlagen können, nur schwer einen Spieler finden, der uns auf Anhieb deutlich weiterbringt. Bei Bruno Hübner gibt es sicher eine hohe Fluktuation, an die ich mich auch erst gewöhnen musste, doch das Ergebnis stimmt.

          Kontinuität sieht anders aus.

          Wir sind aktuell ja nicht erfolglos. Wir haben in der Tat eine hohe Fluktuation, aber das Ergebnis ist kein schlechtes: Letzte Saison waren wir Sechster, und ich bin optimistisch, dass es diesmal zu Platz elf reichen wird.

          Welche Rolle spielt die WM bei der Kaderplanung für das nächste Jahr? Ist es so, dass viele Verträge erst nach dem Turnier in Brasilien abgeschlossen werden?

          Unsere Scouting-Abteilung wird in Brasilien vertreten sein, aber sicherlich nicht, um die großen Nationen zu beobachten.

          Gibt es ein Ziel, das Sie in Ihren letzten beiden Jahren bei der Eintracht noch erreichen möchten?

          Nein. Ich bin überzeugt, dass der Verein gut aufgestellt ist. Die Entscheidung über meinen Nachfolger ist wichtig, aber die treffe nicht ich, sondern trifft der Aufsichtsrat mit dem Vorsitzenden Wilhelm Bender. Er hat auch öffentlich seinen Wunsch geäußert, dass ich daran beteiligt sein soll. Aber diese Frage stellt sich jetzt nicht. Ich lege großen Wert darauf, dass das nicht vor Dezember 2015 entschieden wird. Ich halte es nicht für zielführend, es früher zu entscheiden. Aber es ist die Sache des Aufsichtsrates.

          Spüren Sie nach all den Jahren Verschleiß oder Müdigkeit?

          Nein. Aber die Distanz zu den Abläufen und Geschehnissen wird größer, man muss aufpassen, nicht in Routine zu verfallen. Da ich mich seit meinem fünften Lebensjahr – sehr zum Leidwesen meiner Eltern und meiner heutigen Familie – ununterbrochen nur mit Fußball beschäftige, habe ich allerdings ein großes Selbstvertrauen in das, was ich entscheide und was ich tue.

          Und 2016, im dann 67. Lebensjahr, ist beruflich tatsächlich Schluss?

          Ich gehe fest davon aus, dass ich nach 2016 nicht mehr im Profifußball tätig bin. Das heißt jedoch nicht, dass ich nicht in irgendeiner Form ehrenamtlich tätig sein werde.

          Das Gespräch führten Marc Heinrich, Peter Heß und Uwe Marx.

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