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Frankfurt mit Problemen : Kater statt Tiger bei der Eintracht

  • -Aktualisiert am

Zurück auf dem Boden der Tatsachen: Filip Kostic und die Eintracht enttäuschten gegen Union Berlin. Bild: Imago

Die Eintracht spielt in der Bundesliga beim 1:2 gegen Union 70 Minuten lang ohne Energie. Der dichte Terminkalender sorgt für ein mentales Problem. Und nun geht es in der Europa League nach Salzburg.

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          Trainer Adi Hütter war überzeugt, schon alles erklärt zu haben. Die Nachfrage, wieso es seinen Eintracht-Profis in dieser Rückrunde manchmal gelingt, in ihren erfolgversprechenden Wettkampfmodus zu kommen und manchmal nicht, traf bei ihm deshalb auf leichtes Unverständnis. Der 50 Jahre alte Österreicher wiederholte dann die Ursachen für die 1:2-Heimniederlage seiner Mannschaft gegen Union Berlin: zu langsam gespielt, nicht hinter die gegnerische Verteidigungslinie gekommen, weniger griffig in den Zweikämpfen als der Gegner gewesen, ungenügendes Pressing. Eine vollkommen zutreffende Analyse, aber keine Begründung für das Phänomen, dass seine Frankfurter sich manchmal wie Fußball-Tiger auf ihre Gegner stürzen – etwa zuletzt beim 4:1 in der Europa League gegen Salzburg – und dann wieder wie Hauskater wie in Düsseldorf oder eben wie die ersten 70 Minuten gegen den Aufsteiger in Berlin.

          Europa League
          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Was Hütter nicht einfiel oder was er sich verkniff, weil er sich dem Vorwurf des Jammerns nicht aussetzen wollte, benannte Makoto Hasebe: „Wenn man alle drei Tage spielt, dann ist es nicht leicht.“ Der 36 Jahre alte Fußball-Weise aus Japan mit der Erfahrung von 18 Profijahren und über 100 Länderspielen arbeitete den Gedanken nicht weiter aus, aber es ist nicht schwer zu erraten, was er meinte. Nach der erfolgreichen Aufbauzeit während der Winterpause sind die Eintrachtspieler Ende Februar zwar noch nicht am Ende ihrer physischen Kräfte. Aber nach den 56 Pflichtspielen 2019 haben sie sich in 2020 schon wieder achtmal beweisen müssen. Dass irgendwann eine mentale Ausgelaugtheit eintritt, dass die unbedingte Lust auf die nächste Auseinandersetzung verlorengeht oder zumindest nicht in jedem Spiel entsteht, ist nachvollziehbar. Und das Programm bleibt dicht. Am Donnerstag steht das Rückspiel in Salzburg an, am Sonntag die nächste Bundesligapartie bei Werder Bremen.

          Was geschieht, wenn zur psychischen Überlastung auch noch die physische kommt, war in der Endphase der vergangenen Saison und in den letzten Wochen der Hinrunde zu sehen – die Eintracht legte zwei lange Negativserien hin. Hütter zog die Lehren daraus und rotiert zu Beginn 2020 deutlich stärker als je zuvor, noch nie so konsequent wie in dieser Woche. Fünf neue Spieler standen im Vergleich zum Europa-League-Hinspiel am vergangenen Donnerstag in der Startformation. Mit Erik Durm und Dominik Kohr berief der Eintrachttrainer zwei Profis, die er in den vergangenen Monaten nicht oder kaum für die erste Elf berücksichtigt hatte.

          Durm bot zwar eine schwache Leistung, wie nach der langen Spielpause kaum anders zu erwarten, und Kohr brachte das Spiel der Eintracht zumindest nicht voran. Aber für die Zukunft war es dennoch die richtige Personalentscheidung. Zum einen bewahren sich die Geschonten ein bisschen länger ihre Frische, zum anderen könnte durch die Spielpraxis bei den Ergänzungsspielern ein Entwicklungsschritt zum Besseren ausgelöst werden. „An der Rotation lag es nicht“, legte sich Hütter jedenfalls fest.

          Durm war zwar an der Aktion beteiligt, die die Eintracht vollends „auf die schiefe Ebene brachte“, wie Hütter es formulierte. Aber die Hauptschuld traf den rechten Außenverteidiger sicher nicht, dass der Berliner Andersson in der 48. Minute das 1:0 erzielen konnte, nachdem ihm Christopher Lenz den Ball vorgelegt hatte. „Ein komplettes Missverständnis“, sagte Torwart Kevin Trapp, „fehlende Kommunikation“ nannte es Hütter, dass Lenz an den Ball gekommen war, obwohl Durm, David Abraham und Trapp besser als der Berliner postiert gewesen waren. Der Eintracht-Trainer erklärte: „Kevin zeigte an, dass er rauswill, die anderen blieben weg, der Gegner läuft durch, Kevin kommt zu spät. Eine völlige Fehleinschätzung von drei erfahrenen Spielern, dafür habe ich kein Verständnis.“ Das 2:0 für Union schoss die Eintracht dann sogar ganz allein. Nach einer missglückten Abwehr Trapps sprang der Ball Ndicka ans Bein und von dort ins Tor.

          „Kein Torwartfehler“, lautete überraschenderweise die Einschätzung Trapps, obwohl er den Ball nicht aus der Gefahrenzone gebracht hatte. Er meinte, dass er nicht besser hätte reagieren können. „Wenn ich beim 0:2 nicht hingehe, dann steht der Spieler dahinter und schiebt ihn rein.“

          In den letzten 20 Minuten bäumte sich die Eintracht auf, kam aber nur noch zum 1:2 durch ein Eigentor von Hübner. Andre Silva hatte es geistesgegenwärtig mit einem Hackentrick provoziert. Die Aufholjagd brach ab, auch weil die Mannschaft diesmal keine Zusatzenergie von den Rängen erhielt. „Vielleicht hätten wir den Ausgleich, vielleicht sogar den Siegtreffer geschafft, wenn wir nicht auf die leere Tribüne gespielt hätten.

          Weil die Unterstützung der Fans vielleicht ein paar mehr Prozent bei den Spielern auslöst“, sagte Hütter. Aber eine Mitschuld an der Niederlage mochten weder er noch die Spieler an die organisierte Fanszene richten, die aus Protest gegen die Montagsspiele der Bundesliga ihren Plätzen über die ganzen 90 Minuten auf der Stehplatztribüne ferngeblieben waren. „Ich weiß nicht, warum die Körperspannung gefehlt hat. Das nur auf die fehlenden Zuschauer zu reduziere wäre zu einfach. Man kann die Fans natürlich auch verstehen. Es darf keine Ausrede für das Spiel sein“, kommentierte Trapp. Trainer Hütter fand den Boykott „einfach nur schade“.

          Die Heimniederlage löst bei Hütter dennoch keine größere Beunruhigung für das Europa-League-Rückspiel in Salzburg aus. Er hatte schon unmittelbar nach dem 4:1 davor gewarnt, sich in der nächsten Runde zu wähnen. „Es hat sich nichts geändert“, sagte Hütter. „Wenn wir so spielen wie in den ersten 70 Minuten gegen Union oder in Düsseldorf, haben wir in Salzburg keine Chance. Wenn wir so spielen wie im Hinspiel oder gegen Leipzig, bin ich 100 Prozent überzeugt, dass wir weiterkommen werden.“

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