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Frankfurt in der Krise : Sitzt das Problem bei der Eintracht viel tiefer?

  • -Aktualisiert am

Die große Ausnahme: Von der offensiven Wucht in Frankfurt ist fast nur noch Filip Kostic übriggeblieben. Bild: EPA

Eintracht Frankfurt steckt vor dem Start der Rückrunde in einer heftigen Krise. Die Plätze, die in die zweite Bundesliga führen, sind nah. Liegt der Niedergang nur an den Strapazen – oder ist da noch mehr?

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          Beim vielfältigen Jahresrückblick der Frankfurter Eintracht hat Martin Hinteregger in dieser Woche den Anfang gemacht. Und der Verteidiger, der in Stürmermanier mit seinen sechs Bundesliga-Toren eine neue Stärke entwickelt hat, schaute in eigener Sache auch nach vorne in das kommende Jahr. Frohgemut kündigte der österreichische Nationalspieler an, dass er in Zukunft bei seinem Torjubel „etwas ändern“ wolle, weil in dieser Saison „sicher noch der eine oder andere Treffer dazukommen“ werde.

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          Bei abermaliger Betrachtung seines Tores zum 4:1 gegen Bayern München (Endstand: 5:1) war Hinteregger aufgefallen, „dass ich eigentlich immer gleich jubele“. Das sei ihm davor nicht bewusst gewesen, habe er doch „nicht so viele Tore geschossen“, sagte der 27-Jährige. „Wie viel Freude man den Menschen mit einem Tor bereiten kann, ist einfach richtig cool.“ Der „geile Sieg“ gegen die Bayern werde „ewig in Erinnerung bleiben“, ist sich Hinteregger sicher. Die Leuchtkraft, die vom Triumph über den deutschen Meister Anfang November ausging, ist aber verblasst.

          Präsent ist zum Jahreswechsel vielmehr die veritable Krise, in der die Eintracht nun steckt. Der heftige Niedergang, der mit nur einem gewonnenen Punkt aus den vergangenen sieben Bundesliga-Spielen einem dramatischen Absturz gleichkommt, überschattet alles. Eine kurze Schwächephase im Laufe der Runde muss jeder Verein einkalkulieren, sie wird ihm auch zugestanden. Aber die Frankfurter beklagten zur Überraschung vieler einen Komplettausfall ihres Systems, der sie zur Strafe bis auf drei Punkte an den Relegationsrang 16 hat heranrücken lassen. Plötzlich steht im erfolgsverwöhnten Frankfurt Abstiegskampf auf der Agenda.

          Die Frage ist nun, ob der Substanzverlust bei der Mannschaft, die mit 31 Pflichtspielen seit dem 25. Juli ein kräftezehrendes Mammutprogramm zu absolvieren hatte, allein verantwortlich für das späte Straucheln in diesem Jahr ist. Fakt ist, dass der bevorzugt vorgeführte Frankfurter Fußball mit seiner Angriffswucht und Dominanz eine hervorragende Physis der Spieler voraussetzt. Ohne intensive Laufarbeit und die nötige Frische lässt sich das für das Publikum so attraktive Spielsystem von Trainer Adi Hütter nicht umsetzen. Oder muss sich die Eintracht eingestehen, womöglich auch ein strukturelles Problem zu haben? Nicht variabel genug aufgestellt zu sein, um sich den jeweiligen Anforderungen auf der zeitlichen Schiene eines Spieljahres anpassen und sie bewältigen zu können.

          Auffällig ist, dass sich der Kreis der Spieler, die auf dem Platz Tempo machen können, in der momentanen Zusammensetzung als zu klein herausgestellt hat. Filip Kostic, der 2019 stattliche 53 Spiele ansammelte, bildet an guten Tagen mit seiner Dribbelstärke und seinem unwiderstehlichen Zug zum gegnerischen Tor die große Ausnahme. Der Serbe ist nach den Abgängen von Luka Jovic, Ante Rebic und Sébastien Haller im Offensivspiel der einzig verbliebene Ausnahmespieler.

          Im Spiel nach vorne haben die Frankfurter in dieser Runde in ihrer Gesamtheit keine Fortschritte erzielt, ganz im Gegenteil. Als es angebracht war, die Probleme auch aus dem Mittelfeld heraus auf kluge Art mit spielerischen Mitteln zu lösen, stieß die Eintracht aufgrund fehlender individueller Qualität und der Formschwäche einiger Spieler an ihre Grenzen. Gegen kompakt auftretende Mannschaften mit zielgerichtetem Umschaltspiel standen die in ihren Möglichkeiten limitierten Frankfurter auf verlorenem Posten. Nur beim Verwerten von Standardsituationen waren die Hessen, die sich mit dem deutschen U-21-Nationalspieler Ragnar Ache von Sparta Rotterdam verstärken wollen, ligaweit unübertroffen – auch dank der Kopfballstärke von Hinteregger.

          Dessen Chef Hütter ist jetzt in besonderem Maße gefordert. Schon einmal, zu Beginn seiner Zeit in Frankfurt im Sommer 2018, hat der 49 Jahre alte Österreicher eine schwierige Situation in den Griff bekommen. Doch diesmal steht der Trainer vor einer größeren Herausforderung, die er so in seiner Trainerkarriere noch nicht zu meistern hatte. Der Druck, der auf dem Berner Meistertrainer lastet, hat in Frankfurt – vor einem Jahr freute sich die Eintracht über neun Punkte mehr – maximale Formen angenommen.

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          Vom 2. Januar an, wenn die Mannschaft ins Trainingslager nach Florida fliegt, bis zum ersten Rückrundenspieltag am 18. Januar in Hoffenheim muss es Hütter geschafft haben, dem Team neues Leben einzuhauchen. Er habe „wenigstens kurze Zeit wieder die Möglichkeit, im technisch-taktischen Bereich arbeiten zu können“, sagt er. Taktisch wolle er seinen Kader so vorbereiten, „dass wir wieder ein anderes Gesicht zeigen können“.

          Mit frischer Kraft auf zu neuen Ufern? Mit Spannung darf erwartet werden, wie die Mannschaft diesmal das gut einwöchige Trainingslager in den Vereinigten Staaten wegstecken wird. Vor einem Jahr, als das Vorbereitungsprogramm in der Winterpause nahezu identisch war, gewannen die Frankfurter zum Auftakt des neuen Jahres 3:1 gegen Freiburg. Trotzdem räumte damals der eine oder andere Eintracht-Profi ein, dass noch die Frische für den gewohnten Frankfurter Powerfußball gefehlt habe.

          Und heute? Heute stellt sich vor allem die Frage, wie der immense Kräfteverschleiß aus der ersten Saisonhälfte beim Start in das Jahr 2020 bei den Spielern nachwirken wird. Die Vereinsverantwortlichen vertrauen darauf, dass von Januar an „wieder angegriffen“ werde – so lautet die vorgegebene Marschrichtung von Sportvorstand Fredi Bobic. Martin Hinteregger, der agile Verteidiger mit der Stürmer-Gen, will sich mit Freude an das ausgegebene Ziel halten. Nur sein Torjubel soll dann neu anzuschauen sein.

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