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Eintracht und Gramlich : Ein ganz später Anfang

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Trainer Paul Oßwald und Präsident Rudi Gramlich (rechts) nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft 1959. Bild: Picture-Alliance

Warum erst jetzt? Viel zu lang hat es gedauert, bis Eintracht Frankfurt verstanden hat, von wem es sich lange führen ließ. Jahrzehnte huldigte sie ihrem Ehrenpräsidenten, ehe sich nicht mehr ignorieren ließ, wes Geistes Kind Rudolf Gramlich war.

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          Warum erst jetzt? Diese Frage drängt sich auf fast 75 Jahre nach dem Ende des Krieges. Ein Menschenalter lang hat es gedauert, bis Eintracht Frankfurt verstanden hat, von wem es sich lange führen ließ. Jahrzehnte huldigte sie ihrem Ehrenpräsidenten, ehe sich nicht mehr ignorieren ließ, wes Geistes Kind Rudolf Gramlich war. Nein, die Rolle des früheren Nationalspielers im Verein und im Dritten Reich ist nicht erst seit ein paar Tagen bekannt. Seine menschenverachtende Ideologie ließ sich 2007, als diese Gesellschaft sich längst für restlos aufgeklärt und konsequent hielt, nachlesen.

          Aber es dauerte noch einmal 13 Jahre nach Veröffentlichung der unmissverständlichen Hinweise zum Leben des Nazis und SS-Mannes im Buch „Wir Juddebube“, ehe die (neue) Führung der Eintracht hinschaute und reagierte. Für viele der Überlebenden, die entehrt, ausgestoßen, verprügelt, vertrieben, deportiert, verhaftet, gefoltert, deren Frauen, Kinder, Männer, Eltern ermordet wurden, kommt dieses Signal zu spät.

          Wenn es in dieser beispiellos grausamen Geschichte eine zweite Chance gibt, so hat sie die Eintracht am Sonntag genutzt; zu einem wichtigen Zeitpunkt. Immer häufiger wagen es Rassisten und Antisemiten, ihre abscheulichen Vorstellungen unters Volk zu bringen, nicht nur in den in diesen Fällen asozialen Medien. Der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, Knigge, schilderte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von einem erschreckenden Wandel: Habe man früher mit Holocaust-Leugnern zu kämpfen gehabt, treffe man heute auf Holocaust-Befürworter. Also auf Mitbürger des 21. Jahrhunderts mit einer Ideologie von SS-Männern im Kopf, wie sie Gramlich leitete.

          Vor diesem Hintergrund erscheint der Schritt der Eintracht nicht als das Ende eines unverzeihlich verschleppten Aufarbeitungsprozesses, sondern auch als ein Anfang. Als ein Versuch, der Rückkehr Ewiggestriger, ihrer wachsenden Zahl, ihren vielen Sympathisanten mit einer unmissverständlichen Haltung entgegenzutreten. Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist in direktem Zusammenhang mit der Aufforderung von Präsident Fischer Ende 2017 an Mitglieder oder Wähler der AfD zu sehen, aus dem Verein auszutreten. Weil Werte des Klubs, in der Satzung fixiert, nicht vereinbar seien mit den Hass-Parolen jener braunen Spitzenpolitiker, denen AfDler folgen.

          Die Eintracht hält sich nicht mehr raus, sie mischt sich ein, sie übernimmt Verantwortung. Das wirkt. Der Deutsche Fußball-Bund beeilte sich am Freitag mit der Erklärung, über seinen Fall Gramlich (Ehrenmitglied) hinaus weitere Würdenträger überprüfen zu wollen. Andere Vereine und Verbände werden kaum zurückbleiben können, wenn sie etwas für die Zukunft tun wollen. So rückt ein Wahlfrankfurter wieder in den Fokus: Josef Neckermann. NSDAP-Mitglied, direkter Profiteur der Arisierung von Unternehmen, hochdekorierter Reiter und Funktionär in der Bundesrepublik. Er sitzt hoch zu Ross in der Hall of Fame des deutschen Sports.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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