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Heimspiel gegen Union Berlin : Eintracht Frankfurt und der Stressfußball

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Daichi Kamada erlebte in der Europa League gegen Salzburg am Donnerstag eine Sternstunde. Bild: Klein

Daichi Kamada verleiht dem Spiel der Eintracht eine neue Finesse. Das war im Europapokal gegen Salzburg eindrucksvoll zu sehen. Nun, in der Bundesliga gegen Union Berlin, dürfte genau das gefragt sein.

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          Am Donnerstagabend hieß der gefeierte Held bei der Eintracht Daichi Kamada. Völlig zu Recht natürlich, hatte der Japaner doch zuvor mit seinen drei Toren den maßgeblichsten Teil zum furiosen 4:1-Erfolg im Europa-League-Spiel gegen RB Salzburg beigetragen. Adi Hütters Schachzug, den feinfüßigen Offensivspieler gegen defensiv anfällige Österreicher in die Startformation zu befördern, hatte sich ausgezahlt. Und nebenbei den Weg gezeichnet, den die Frankfurter nun auch in der Liga, etwa an diesem Montag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei DAZN) in der Bundesliga gegen Union Berlin, nehmen sollten: weg vom eher destruktiv geprägten Kraftfußball, hin zu einer etwas nachhaltigeren Spielanlage.

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          Denn das Projekt „Stabilität“, das Hütter nach der verheerenden Niederlagen-Serie am Ende der Hinrunde ausgerufen hatte, darf wohl spätestens nach dem mitreißenden Sieg über Salzburg als erfolgreich abgeschlossen gelten. Nach acht Niederlagen in den vergangenen zehn Pflichtspielen des Jahres 2019 verschrieb der Trainer seinen Spielern ein neues Defensivkonzept. Sogar sein lange so erfolgreich praktiziertes 5-4-1-System mit zwei offensiv ausgerichteten Außenbahnspielern opferte er hierfür. Stattdessen sollten eine Viererkette und ein massiv verdichtetes Mittelfeld-Zentrum der Eintracht mehr Sicherheit verleihen.

          Sieben Spiele haben die Frankfurter in diesem Jahr in Meisterschaft, DFB-Pokal und Europa League inzwischen bestritten. Fünf davon haben sie gewonnen, die einzige Niederlage beim Spitzenteam Borussia Dortmund war zudem verschmerzbar. Und auch wenn die Leistung der Mannschaft dabei längst nicht immer so überzeugend war wie nun gegen Salzburg oder zwei Wochen zuvor gegen den FC Augsburg (5:0), die Ergebnisse waren es letztlich eben schon. Eine Trendwende ist somit geschafft. Und bei einem Sieg gegen Union dürfte sich die Eintracht wohl endgültig wieder in Richtung der oberen Tabellenregionen orientieren.

          Um dort auch tatsächlich Ambitionen zur abermaligen Qualifikation für den Europapokal anmelden zu können, muss die Mannschaft in den kommenden Wochen nun aber auch spielerisch den nächsten Entwicklungsschritt machen. Bislang lebten die Frankfurter nämlich vor allem von ihrem unbändigen Kampfgeist, der wiedergewonnenen defensiven Kompaktheit und den genialen Momenten des unwiderstehlich dynamischen Filip Kostic. Selbst nach dem Spiel gegen Salzburg, das Hütter mit dem Prädikat „beste Saisonleistung“ versah, sprach unter anderen Sportdirektor Bruno Hübner von „Stressfußball“, mit dem die Eintracht ihren Gegner überrumpelt habe: unermüdliches Anlaufen, Fehler produzieren, zweite Bälle erobern und immer wieder blitzschnell umschalten. Winter-Neuzugang Stefan Ilsanker, als furchtloser Abräumer vor oder in der Abwehrkette selbst einer der Protagonisten dieses Spielstils, brachte es auf die simple Erfolgsformel „Einsatz, Willen, Herz“, die man „über 90 Minuten“ an den Tag gelegt habe.

          Keine Frage: Die Eintracht hat mit ebendiesen Tugenden in den vergangenen Jahren herausragende Erfolge erzielt. Zumindest waren sie der Grundstein, auf dem Ausnahmekönner wie in der Vorsaison das fulminante Offensivtrio Luka Jovic, Ante Rebic und Sebastien Haller ihre Qualitäten entfalten und ihre Mannschaft zu großen Siegen tragen konnten. Doch im aktuellen Kader besitzt eigentlich nur Kostic eine derart exponierte Klasse. Dem nach der Winterpause immerhin stark verbesserten Andre Silva etwa fehlt es zu oft an Tempo. Bei Mittelstürmer Bas Dost streikt zu oft der Körper. Die Mannschaft muss ihre Probleme deshalb noch mehr als bisher über das Kollektiv lösen. Das gelingt ihr in den ersten Spielen des Jahres einmal mehr herausragend. Dennoch hat die Eintracht am Ende der Hinrunde schon schmerzlich erfahren, was passiert, wenn die Kraft für dauerhaften Power-Fußball einmal ausgeht.

          Die Hereinnahme Kamadas hatte deshalb gegen Salzburg einen Effekt, der für die Frankfurter in den kommenden Wochen von enormer Bedeutung sein wird. Mit dem 23-Jährigen kam eine entscheidende Prise Spielkultur ins Spiel der Eintracht. „Einer, der Fußball spielen kann“, wie es Hütter formulierte. Zwar war es sicher nicht allein Kamadas Verdienst, dass die Spielanlage des Bundesliga-Zehnten dadurch wesentlich reifer wirkte als zuletzt. Doch ein wichtiger Impuls darf dem filigranen Offensivspieler eben doch zugeschrieben werden.

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          Profiteure davon waren letztlich unter anderem die jungen Außenverteidiger Evan Ndicka und Almamy Touré. Deren Aktionen gewannen nach anfänglichen Wacklern an Sicherheit, immer häufiger schalteten sie sich daraufhin auch ins Offensivspiel ein. Dass Toure letztlich Kamadas ersten, Ndicka dessen zweiten Treffer vorbereitete, war deshalb kaum Zufall. Gegen Aufsteiger Union Berlin sind sie gefordert, daran anzuknüpfen.

          Denn der nächste Gegner dürfte der Eintracht kaum den Gefallen tun, unvorsichtig ins offene Messer zu laufen. Die Partie wird demnach so etwas wie der erste Härtetest für das zarte Pflänzchen Spielkultur, das bei der Eintracht zuletzt blühte. Zumal ein weiterer wichtiger Faktor des Frankfurter „Stressfußballs“ am Montag fast vollständig ausgeschaltet ist. Die Unterstützung von den Rängen der Arena am Stadtwald wird nämlich verhaltener ausfallen als üblich. Aus Protest gegen Montagsspiele haben die Fans angekündigt, den Stehplatzbereich der Nordwestkurve leer zu lassen.

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