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Eintracht Frankfurt : Ohne Linie

Kann seine Talente nicht halten: Eintracht Frankfurt-Vorstandschef Heribert Bruchhagen (r) verabschiedet Spieler Sebastian Rode. Bild: dpa

Die Frankfurter haben eine der schwierigsten Phasen der letzten Zeit zu überstehen, geben aber bei Trainersuche, Kaderplanung und interner Abstimmung oft keine gute Figur ab. Eine Verwunderung.

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          Was will Heribert Bruchhagen – und welche Rolle spielt er ?

          Der erste Mann im Verein interpretiert seine Führungsaufgabe neuerdings ausgesprochen eigentümlich. Er trägt damit seinen Teil zur Unruhe bei. Mit seiner nicht abgesprochenen Äußerung Anfang März, dass Veh die Eintracht in diesem Sommer verlassen wird, brachte er zu diesem Zeitpunkt den Klub in die Bredouille: Damit war das Thema öffentlich, ohne dass intern ein fertiger Plan existiert hätte, wie die Chefcoach-Stelle von Juli an besetzt werden soll; mehr als lose Gespräche mit dem seinerzeitigen Favoriten für die Nachfolge, Roger Schmidt, gab es zu Frühlingsanfang noch nicht. Vielmehr gab es im Aufsichtsrat und in Kreisen einflussreicher Sponsoren die Absicht, Veh am Dienstag nach dem Sonntagabend-Spiel gegen Stuttgart zu einem Essen einzuladen – und ihn dabei mit einem deutlich aufgestockten finanziellen Angebot doch noch zur Fortsetzung seines Engagements zu bewegen. Dieser Plan hatte sich mit Bruchhagens Vorpreschen in der Nacht zum Montag erledigt. Veh lehnte danach sämtliche Vorstöße, mit denen er hätte umgestimmt werden sollen, kategorisch ab.

          Uwe Marx
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Marc Heinrich
          Sportredakteur.
          Peter Heß
          Sportredakteur.

          Mitte April sagte Bruchhagen, er erwarte, dass das Casting der Eintracht mit mehr Ruhe und Zurückhaltung betrieben werde. Doch seitdem äußerte sich auch der Vorstandschef regelmäßig zur Suche. So ließ er bei einem Fernsehauftritt im „Hessischen Rundfunk“ wissen, dass er schon seit Dezember von Vehs Abgang gewusst habe. Bei anderer Gelegenheit merkte er an, dass es Aufgabe von Bruno Hübner sei, geeignete Kandidaten zu finden und dem Vorstand vorzuschlagen: „Wir segnen im Vorstand zuvor den Rahmen ab – und ich unterschreibe dann alles“, sagte er im Gespräch mit dem Online-Portal „Transfermarkt.de“. Mit dem Sportdirektor kam es wiederholt zu Meinungsverschiedenheiten. Zuletzt, als die Zeitschrift „Sport-Bild“, bei der ein langjähriger Weggefährte Bruchhagens Chefredakteur ist, als Erste Anfang Mai vermeldete, dass die Eintracht mit Roberto Di Matteo verhandelt. Bruchhagen sagte dieser Zeitung, dass eine Trainerverpflichtung für ihn ein „normaler Vorgang“ sei. Es werde „halt immer nur eine Riesenschau darum gemacht“. Aktuell auch durch sein Zutun. Dass drei Kandidaten – Di Matteo, Fink, Schuster – seit langem wie auf Abruf bereitstehen, bestätigt und kommentiert werden, macht die Eintracht aktuell zu einem Unikum in der Liga.

          Gibt es ein Konzept bei der Kaderplanung – und wenn ja, welches?

          Dass Spieler einer gewissen Qualität nicht zu halten sind, ist Schicksal, also nicht zu ändern. Deshalb wird die Eintracht, deren Gesicht vor allem von Manager Hübner modelliert wird, in der kommenden Saison ohne Schwegler und Rode, sehr wahrscheinlich auch ohne Jung und – je nach Investitionsbereitschaft – ohne Joselu und Barnetta auskommen müssen. In den Schattenbereichen des Kaders aber gibt es Fälle, die weniger schicksalhaft sind – und die Fragen aufwerfen: Warum wird im Winter ein kurz zuvor verpflichteter Spieler wie Marvin Bakalorz weggeschickt und einer wie Tobias Weis geholt? Bakalorz schaffte beim SC Paderborn den Durchbruch und stieg mit seinem Klub in die Bundesliga auf, für den ausgeliehenen Weis gibt es in der nächsten Saison vermutlich keine Verwendung mehr. Oder: Wie soll der von Mainz 05 verpflichtete David Kinsombi an die Profimannschaft herangeführt werden, wenn die Frankfurter U23 abgeschafft wird? Und wie will man einen dritten Torwart nach Frankfurt locken? Aykut Özer möchte den Verein verlassen, weil er als Mann hinter Kevin Trapp und Felix Wiedwald ohne U23 praktisch beschäftigungslos ist – eine Konstellation, die für jeden Spieler mit Ehrgeiz unzumutbar sein müsste.

          Hübner sagt, er setze – was die prominenten Leerstellen im Kader betrifft – auf das Ende der WM, denn da werde Bewegung in den Markt kommen. Vereine kaufen und verkaufen, da erwartet er offenbar Gelegenheiten für die Eintracht. Das kann man routiniert-gelassen nennen – oder „Prinzip Hoffnung“. Die langfristige Beobachtung von Spielern wäre natürlich auch eine Idee. Aber Hübner wird den Kader schon zusammenbekommen: Kaufen, verkaufen, leihen, verleihen – an Tempo auf diesem Gebiet mangelt es ihm nicht.

          Was soll das eigentlich sein – die Eintracht-Philosophie?

          Wann immer es um den Nachfolger von Veh geht, wird Kontinuität versprochen, dann ist von „Veh-Fußball“ die Rede, der auch zukünftig hier gespielt werden soll, von offensivem, mutigem Fußball, der als eine Art sportliche DNA der Eintracht von jedem neuen Trainer eingefordert wird, wie es Hübner am Dienstag auch gegenüber der „Frankfurter Rundschau“ formulierte. Das klingt anspruchsvoll und so, als schicke die Eintracht jeden gleich nach Hause, der anders spielen lassen will. Nur: Offensive, Mut, schnelles Spiel – das schreibt sich jeder Verein der Fußball-Bundesliga auf die Fahnen, das macht noch keine eigene Idee aus. Etwas anderes wäre ja auch seltsam. Da müsste man, statt Selbstverständlichkeiten als großartige Idee auszugeben, schon etwas präziser werden und vor allem den Kader erkennbar danach ausrichten – wovon die Frankfurter weit entfernt sind. Der Mainzer Manager Christian Heidel hat kürzlich in einem klugen Interview erläutert, was es bedeutet, wenn ein Verein über Jahre hinweg eine klare Linie verfolgt und auch der Trainer genau danach ausgesucht wird: dass in Mainz keiner sein Konzept vorstellen dürfe, sondern dass der Verein entscheide, wer zu seinem Konzept passe. In Frankfurt klingt das jetzt mit großem Ernst genau so – ohne annähernd so überzeugend zu sein.

          Wie funktioniert die Scouting-Abteilung?

          Ein heikles Thema. Spötter behaupten – überhaupt nicht. Das Prinzip bei Spielertransfers ist das gleiche wie bei der Trainersuche: Sportdirektor Hübner schleppt Kandidaten an, die seiner Meinung nach sportlich und finanziell zur Eintracht passen, Vorstandschef Bruchhagen sagt ja oder nein, selbstverständlich wird vorher der aktuelle Trainer um seine Meinung gebeten. Da auch ein fleißiger Sportdirektor nicht alles alleine machen kann, wird eine Scouting-Abteilung benötigt, die zumindest bei der Vorauswahl behilflich ist. Die tragenden Figuren der Abteilung, Chefscout Bernd Hölzenbein und Ralf Weber, sind Eintracht-Ikonen, Vertraute von Bruchhagen und waren schon lange vor Hübner in Amt und Würden. Der Sportdirektor und die Scouts sind in den drei Jahren ihrer gemeinsamen Arbeit für die Eintracht nicht gerade zu einer Einheit verschmolzen. Ralf Weber zog kürzlich die Konsequenz und hat seinen Vertrag gekündigt. Bernd Hölzenbein wirkt an seinem sehr aufgeräumten Schreibtisch auch nicht immer glücklich. In der Gesamtgruppe Spielerakquise sind in der Vergangenheit so häufig verschiedene Meinungen aufeinandergeprallt, dass Narben zurückgeblieben sind – und gegenseitige Vorbehalte. Immerhin die Arbeit des Video-Analysten Marcel Daum wird allgemein geschätzt.

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