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Eintracht Frankfurt : Krankenakte Chris

m Auf und Ab zu Hause: Chris ist mal Leitwolf, oft aber auch Leidtragender nach Verletzungen. Bild: DPA

Diesmal ist es ein entzündeter Nerv an der Wirbelsäule, der den Eintracht-Kapitän außer Gefecht setzt. In Belek ist der Brasilianer dabei, „weil ich das Mannschaftsgefühl vermisst habe“.

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          Die Situation ist alles andere als neu. Aber sie ist ihm aufs Neue äußerst unangenehm. Während die Kollegen der Frankfurter Eintracht in der Mittagssonne den Ball kreisen lassen, schwitzt Chris, ihr Kapitän, im Fitnessraum des Hotels vor sich hin. Wann und wie er ins gemeinschaftliche Training zurückkehren kann, über diesen Gedanken zerbricht sich der Brasilianer nicht den Kopf: „Ich steige erst dann wieder ein, wenn ich richtig fit bin.“ Und das kann dauern, daran haben die vielen Ärzte, die er seit Monaten konsultierte, keinen Zweifel gelassen. Während der Vorbereitungswoche in Belek wollte Chris dennoch unbedingt dabei sein, weil er „das Mannschaftsgefühl vermisst hat“.

          Der Zweiunddreißigjährige ist der beste Teamplayer, den die Eintracht in ihren Reihen weiß. In den fast acht Jahren, die seit seinem Wechsel vom FC St. Pauli vergangen sind, waren jedoch in zahlreichen Reha-Phasen auch immer wieder seine Qualitäten als Einzelkämpfer gefragt. Verletzt war Chris so ziemlich an jeder Stelle, an der ein Fußballprofi empfindlich ist. Besonders schwer wogen dabei ein Schulterbruch, ein Innenbandriss und ein Bandscheibenvorfall. Nun ist es seit Herbst abermals der Rücken, der ihm Probleme bereitet: ein entzündeter Nerv an der Wirbelsäule setzt ihn außer Gefecht. „Man kann das Pech oder Schicksal nennen“, sagte er im Quartier an der türkischen Riviera nachdenklich, „ich weiß nur, dass es schwer zu verarbeiten und traurig ist“. Er selbst habe sich mit dem abermaligen Rückschlag mittlerweile arrangiert, „weil ich mental stark bin“. Vor allem sein christlicher Glaube und die Unterstützung von Ehefrau Bianca hätten ihm geholfen, die trüben Gedanken beiseite zu schieben, nachdem er anfangs nur im Bett liegen konnte, weil die Schmerzen so groß waren. Seinen einjährigen Sohn Enzo kann er erst seit kurzem mit den Armen wieder hoch heben. „Es war kein Leben, das Spaß gemacht hat.“ Als besonders unangenehm hat er die Behandlung bei einem Orthopädiespezialisten in Erinnerung, der ihn in einer neunzigminütigen Sitzung mit Hilfe von vier computergesteuerten Spritzen zumindest soweit therapierte, dass er nicht mehr den ganzen Tag flach liegen musste: „Die Metallspitzen direkt zwischen den Knochen zu spüren, war das Fürchterlichste, was man sich nur vorstellen kann.“ Zugezogen hat er sich die Blessur bei einem Zusammenstoß mit Oka Nikolov beim 3:0-Sieg in Kaiserslautern; der Eintracht-Torwart sprang ihm bei einer Abwehraktion mit dem Knie ins Kreuz, „und ich habe sofort gespürt, da ist was Schlimmes passiert“. Trotzdem lief er in der nächsten Partie gegen Schalke auf, konnte anschließend aber nicht einmal mehr in den Bus einsteigen. Seitdem ist er komplett außen vor und wird von Michael Skibbe vermisst. „Einen wie ihn“, unterstrich der Trainer, „können wir nicht ersetzen, Chris fehlt hinten und vorne.“ Er hoffe sehr, dass es mit einem Comeback in der für die Eintracht am 16. Januar mit dem Heimspiel gegen Hannover startenden Rückrunde klappe, „doch diese Verletzung ist so außergewöhnlich, da kann niemand eine Prognose wagen“. Chris fühlt sich zwar schon „fast wieder bei hundert Prozent“. Seine Aussage relativierte sich allerdings kurz darauf durch die Einschätzung, „dass mein Köper noch lange nicht so weit ist“.

          „Gott hat es so gewollt“

          Der asketisch lebende Südamerikaner, der in seiner Karriere kein Gramm zuviel auf den Rippen hatte, wiegt noch 78 Kilo. Sein Körperfettanteil überstieg nur in Ausnahmefällen die für Freizeitathleten kaum erreichbare Zehn-Prozent-Marke; dementsprechend haben ihn die Zwangspause und der Verzicht auf die regelmäßige Arbeit auf dem Rasen fast ausschließlich Muskelmasse gekostet. „Arme, Oberschenkel, Waden“, sagt Chris, „alles ist dünner geworden. Und die Kraft ist einfach weg.“ Für ein Fußball-Schwergewicht wie ihn, dessen körperbetontes Zweikampfspiel von einer ausgeprägten Physis lebt, besteht also viel Nachholbedarf, ehe er die Defensive wieder organisieren kann. „Ich weiß aber, dass ich das Niveau, das ich hatte, wieder erreiche“, blickte der Pechvogel voraus, schließlich sei er schon „so oft wieder aufgestanden“, als er scheinbar geschlagen am Boden lag. „Wahrscheinlich würde ich heute mit einem internationalen Verein in der Champions League und in der Nationalmannschaft spielen, wenn die vielen Sachen nicht gewesen wären“, spekulierte er, nachdem er kurz über die Frage nach verpassten Chancen in seiner Karriere nachgedacht hat.

          2008 schlug er ein Angebot vom VfL Wolfsburg aus, der in der folgenden Saison prompt Meister wurde. Abgehakt. Die Eintracht sei wohl so „etwas wie eine Fügung“ für ihn, sagte Chris, „meine Frau und ich denken, dass Gott es so gewollt hat, wie es gekommen ist“. Und trotz seiner persönlich unberechenbaren Ausgangslage sei die Aussicht für die Mannschaft 2011 ja ausgesprochen attraktiv. Es ist sein Traum, dass er das Team als Anführer demnächst in die Europa League geleitet. Einzige Bedingung: „Wenn alle gesund sind und bleiben, können wir es schaffen.“ Vor allem er.

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