https://www.faz.net/-gzn-a38nl

Eintracht-Torwarttrainer : „Es hätte viel mehr Irritationen geben können“

  • -Aktualisiert am

Training mit Kamera: Jan Zimmermann arbeitet präzise und reflektiert. Bild: Jan Huebner

Von einem Tag auf den anderen wurde Jan Zimmermann vom Torwart zum Torwarttrainer der Eintracht. Im Interview spricht er über Autorität und Veränderung, Nationalkeeper Kevin Trapp, Brustgurte und harte Schüsse.

          5 Min.

          Herr Zimmermann, wenn ich Kevin Trapp fragen würde, ob und wie Sie sich nach Ihrem Wechsel vom Mitspieler zum Torwarttrainer verändert haben, was würde er mir antworten?

          Ich hoffe, er würde sagen, dass ich mich im Großen und Ganzen nicht verändert habe. Wahrscheinlich wird er sagen, dass ich ihn ab und zu hart fordere.

          Und Frederik Rönnow?

          Als Torhüter war ich für Freddy seine Bezugsperson in der Mannschaft. Wir hatten sehr viel Kontakt. Von einem auf den anderen Tag ist dann auch der private Kontakt durch die Veränderung quasi auf null zurückgegangen. Trotzdem glaube ich, dass er sagen würde, dass ich mich als Mensch nicht verändert habe.

          Wie empfinden Sie es?

          Natürlich musst du dich in deinem Auftreten verändern, wenn du Trainer wirst, weil der Umgang ein ganz anderer ist. Wir sitzen in der Kabine nicht mehr nebeneinander, ich sitze jetzt im Trainerbüro. Ich bin dafür verantwortlich, dass die Jungs gesund bleiben, dass sie gut trainieren und dass sie im Spiel gut performen. Meine neue Rolle beinhaltet eine neue Denkweise. Aber meine Persönlichkeit hat sich nicht geändert. Ich mache Dinge nie aus Kalkül oder Berechnung heraus.

          Haben Sie als Mitglied des Trainerstabes Cheftrainer Adi Hütter von einer neuen Seite kennengelernt?

          Durch den größeren Kontakt und die geringere Distanz zu ihm kenne ich ihn jetzt als Menschen viel näher. Seinen Humor bekommt man als Spieler nicht so mit wie als Kollege, der mit ihm im Büro zusammensitzt. Adi hat wie unser gesamtes Trainerteam einen unglaublichen Erfahrungsvorsprung, den mache ich mir zu nutzen.

          Wie lernen Sie dazu?

          Ich analysiere mich selbst und reflektiere, was ich mache. Ich telefoniere mit anderen Torwarttrainern. Ich schaue mir das Training anderer Torhüter an, Videos dazu findet man überall. Alles, was ich in Erfahrung bringen kann, sauge ich auf.

          Im Januar wurden Sie plötzlich anstelle von „Moppes“ Petz Torwarttrainer. Wie lief der Übergang damals ab?

          Ganz ehrlich: Ich war Torwart. Und am nächsten Tag war ich Torwarttrainer. Ein paar Tage später habe ich mit Moppes telefoniert. Bis heute haben wir ein gutes Verhältnis. Er hat mir auch sofort angeboten, mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, wenn ich Unterstützung brauche.

          Kam der Zeitpunkt des Positionswechsels für Sie überraschend?

          Ja, auf jeden Fall. Alles andere wäre für mich auch nicht in Frage gekommen, hinter dem Rücken von Moppes irgendetwas zu machen. Ich saß dann abends mit meiner Frau auf der Couch und habe gesagt: Du, ich bin morgen Torwarttrainer von Eintracht Frankfurt. Und das erfüllt mich mit unglaublichem Stolz. Ich bin jetzt in meinem Traumjob. Ich habe mich fortgebildet und meine bisherigen Lizenzen alle gemacht, um an diesen Punkt zu kommen. Ich hatte davor gelernt, während des Spiels mitzuschreiben. Banale Sachen muss man vorher schon mal gemacht haben, denn wenn der Tag X kommt, an dem ich unten sitze, habe ich keine Zeit mehr zum Üben. Du musst auf Anhieb funktionieren. Du kannst dann nicht vor dem deutschen Nationaltorhüter stehen und ihm etwas anbieten, was für ihn keinen Sinn machen würde.

          Konnten Sie den Schalter tatsächlich in so kurzer Zeit umlegen?

          Natürlich habe ich mich als Torwarttrainer zunächst nicht so verhalten, wie ich das heute mache. Es gab keinen Cut wie bei einer Sommerpause. Innerhalb von wenigen Stunden stand dann der Ex-Mitspieler als Chef vor seinen alten Kollegen. Diese neue Konstellation war auch für die Torhüter nicht leicht, die die Situation aber toll angenommen haben. Sie hätten auch ganz anders reagieren können – getreu dem Motto: Gestern haben wir noch gemeinsam trainiert und heute sagt er mir dann, was ich machen soll. Es hätte viel mehr Komplikationen und Irritationen geben können. Der Prozess ist jedoch hervorragend abgelaufen.

          Wie leben Sie Autorität vor?

          Wenn ich Autorität bewusst zeigen oder ausleben muss, wäre an meinem Führungsstil etwas verkehrt. Da wir in einer Gruppe zusammenarbeiten, muss ich gewisse Leitplanken aufstellen. Ich möchte mit meiner Arbeit überzeugen. Ich nehme die Torhüter immer mit ins Boot. Es ist immer ein Miteinander. Jeder Spieler hat bei mir das Recht, bei einer Übung zu sagen, hey, bei diesem Ablauf habe ich mich unwohl gefühlt. Das gute Verhältnis zu meinen Jungs ist mir sehr wichtig.

          Ist das Torhütertraining unter Ihnen moderner geworden?

          Mit dem Begriff modern tue ich mich schwer. Aber ja, ich habe meine Philosophie und meine Elemente mit eingebracht. Ich habe viele Sachen neu eingeführt, auch die Torhüter trainieren jetzt mit Brustgurt und Datenchip.

          Kennen Sie als Torwarttrainer Trapp und Rönnow jetzt besser?

          Definitiv, ja. Meine Analyse der Torhüter ist als Torwarttrainer viel genauer. Als Mitspieler hatte ich nicht die Zeit, immer so genau hinzuschauen. Und wenn ein Torwarttrainer dem Torhüter etwas sagt, hört dieser genau hin. Sagt ihm hingegen ein Mitspieler etwas, nimmt er das vielleicht nicht immer zu hundert Prozent an.

          Wo ist Kevin Trapp unter Ihrer Anleitung besser geworden?

          Ich bin nicht der Typ, der sich jetzt hinstellt und sagt, ich habe ihn in diesem oder jenem Punkt besser gemacht. Kevin hat im athletischen Bereich, in der torwartspezifischen Ausdauer, extrem gearbeitet. Er hat mir in unseren Testspielen und im Länderspiel gegen Spanien von seiner Präsenz her, von seinem Eins-gegen-eins-Verhalten, vom Offensivspiel, wie er sich seitlich anbietet und den Ball fordert, sehr gut gefallen. Wir haben an seinem Positionsspiel im Offensivspiel sehr viel gearbeitet. Ich glaube, wenn man Kevin und Manuel Neuer nebeneinanderstellt und lässt beide das Passspiel rechts, links sowie den Flugball machen, braucht sich Kevin von der reinen Technik her nicht zu verstecken.

          Sie haben Kevin Trapp als „Trainingstier“, als „total verbissen“ bezeichnet. Müssen Sie ihn gelegentlich bremsen?

          Ich glaube, dass es Kevin selbst weiß, dass er sich manchmal zu viele Gedanken über zu viel macht. Er würde am liebsten an jedem freien Tag trainieren. Kevin weiß aber, dass Regeneration sehr wichtig ist. Man darf nicht vergessen, dass die Jungs auch mental extrem unter Stress stehen. Deshalb habe ich ihm schon des Öfteren befohlen, einen Tag lang keine Hanteln in die Hand zu nehmen, keinen Lauf zu machen und keine Handschuhe anzuziehen. Belastung, Anspannung, Entspannung während eines Spiels – das sind alles wichtige Punkte. Kein Mensch kann sich 90 Minuten lang durchgehend auf ganz hohem Niveau konzentrieren.

          Frederik Rönnow könnte die Eintracht noch verlassen, weil er bei einem anderen Verein Stammtorhüter sein möchte. Und bei Trapp hieß es, er könnte zum Verkaufskandidat werden, wenn die Eintracht ein wirtschaftlich lukratives Angebot von einem anderen Klub bekäme. Verdrängen Sie diese Nebengeräusche als Torwarttrainer?

          Selbstverständlich möchte ich wissen, was an Gerüchten oder Verlautbarungen dran ist. Wir haben das Verhältnis zueinander, die Dinge direkt in einem Vier-Augen-Gespräch ansprechen zu können. Grundsätzlich bin ich sehr entspannt, da es in jeder Transferperiode zu Vereinswechseln kommen kann. Freddy hat ganz klar kommuniziert, wie er seine Situation sieht. Als Torwarttrainer fände ich es super, wenn er bliebe, sind wir auf beiden Positionen topbesetzt.

          Könnte die Eintracht den Wechsel von Trapp verkraften?

          Es wäre schwierig, Kevin ist unsere Nummer eins. Aber wir hätten mit Freddy einen extrem starken Torwart hintendran.

          Was sind die drei Hauptkomponenten, wenn Sie sich für einen Torhüter für dessen Verpflichtung stark machen?

          Ich kann es auf den Punkt bringen: Für mich ist ein Torhüter gut, wenn der Abwehrspieler sich auf dem Platz umdreht und beruhigt ist. Wenn sein Puls unten bleibt und er froh ist, dass ein Torwart mit großer Qualität und Ausstrahlung hinter ihm steht. Es geht über das Gefühl. Vermittelt ihm dieser Torwart Sicherheit. Das ist für mich ausschlaggebend.

          Wo hat Sie Petz weitergebracht?

          Er hat in jedes Training gnadenlos die Spielkonsequenz hineingebracht. Wir mussten uns wie im Spiel verhalten. Ließ man seinen Schuss abprallen, hat er ihn ohne Pardon ins Tor geknallt. Von seiner Einstellung habe ich viel mitgenommen.

          Haben Sie auch seinen harten Schuss?

          „Moppes“ hat einen überragenden Schuss. Um mich mit ihm zu messen, brauche ich noch ein paar Jahre. Aber ich kann zumindest treffen, wenn ich das möchte. So weit bin ich schon.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Hauptsache, der Riesling fließt

          Die Weinernte dieses Jahr wird wohl unterdurchschnittlich, aber besser als letztes Jahr. Wie die Erntemengen schwankt auch der Geschmack der deutschen Weintrinker – einer Sorte aber bleiben sie seit Jahren treu.
          Aufgebracht: Wieder haben Frauen in Warschau gegen die Verschärfung des Abtreibungsverbots demonstriert.

          Abtreibungsgesetz in Polen : „Die Revolution ist eine Frau“

          In Polen demonstrieren Tausende seit Tagen gegen das verschärfte Abtreibungsgesetz. Der Protest reicht sogar bis in die Gottesdienste. Welche Lager stehen einander hier gegenüber?
          Anis Mohamed Youssef Ferchichi, bekannt als Rapper Bushido, im Gerichtssaal im August.

          Bushido im Abou-Chaker-Prozess : „Ich habe meine Frau geschlagen“

          Beim Prozess gegen Arafat Abou-Chaker wird Bushido vor Gericht persönlich: Er habe im Streit zwischen Abou-Chaker und seiner Frau die „dümmste Entscheidung“ seines Lebens getroffen. Auch den anschließenden Tiefpunkt schildert er.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.