https://www.faz.net/-gzn-9sfjt

Eintracht Frankfurt : Altes Spiel, neuer Glanz

Bis hierhin und nicht weiter – ein vor Tatendrang sprühender Filip Kostic zeigt dem Leverkusener Mitchell Weiser Grenzen auf. Bild: Imago

Rennen, schießen, grätschen: Filip Kostics Leistung gegen Leverkusen erinnert an spektakulärste Momente der vergangenen Spielzeit. Trainer Hütter spricht sogar von der besten Halbzeit der Saison.

          3 Min.

          Nach zwanzig Minuten hatte Peter Bosz genug gesehen. Er schickte die ersten Reservisten zum Aufwärmen, um frühzeitig personell nachzubessern. Was sich direkt vor seinen Augen auf der linken Angriffsseite der Eintracht abspielte, war eine ausgesprochen einseitige Angelegenheit – zu Ungunsten der Leverkusener, die von einer Verlegenheit in die nächste stürzten. Filip Kostic machte sich als treibende Frankfurter Offensivkraft ein Vergnügen daraus, Mitchell Weiser nach allen Regeln der Fußball-Kunst zu düpieren. „Wir waren von Anfang nicht gut“, stellte Bosz später fest, ohne den Stab über seinem von Kostics Elan überforderten Abwehrspieler zu brechen. „Alle anderen war genauso schlecht wie Mitchell.“

          Bei seinem Pendant auf Seiten des Siegers wurde in der Analyse des achten Spieltags Kostics schwungvolles Auftreten mit einem ungleich freudvolleren Tonfall beschrieben: „Filip hat Weiser an die Wand gespielt“, hob Adi Hütter anerkennend hervor, „er war für unseren 2:0-Vorsprung verantwortlich.“ Die Tore dazu schoss Gonçalo Paciência, der beim Führungstreffer zunächst Weiser und Aleksandar Dragovic überrumpelte (4.) und dann Keeper Lukas Hradecky versetzte. Anschließend übernahm er auch vom Strafstoßpunkt Verantwortung, nachdem Dragovic einen Kostic-Schuss im Strafraum mit den Händen abgewehrt hatte (16.). Für den Portugiesen waren es die Saisontreffer vier und fünf, die zum Vorrücken auf den achten Tabellenplatz beitrugen, genau wie der tadellose Frederik Rönnow, der die Stürmer der Werkself durch seine Paraden entnervte (siehe Seite 24). Bas Dost unterstrich zudem mit dem Alleingang zum Endstand (80.), bei dem er, umringt von einem Bayer-Trio, im Fallen der Kugel den entscheidenden Kick verpasste, dass die Erwartungen an ihn als Goalgetter zurecht nicht klein sind.

          Kostic, das Schwungrad im Mittelfeld-Maschinenraum, ging dagegen bei allem Bemühen im Abschluss leer aus. Mitte der ersten Halbzeit sah es kurz so aus, als trage auch er sich in die Torschützenliste ein, doch der Referee verweigerte der Aktion wegen einer Abseitsstellung die Anerkennung. Seine Leistung war jedoch auch so über jeden Zweifel erhaben. Der 26-Jährige, dessen Wirkungskreis sich nicht einengen ließ, als er es mit dem für Weiser eingewechselten Karim Bellarabi zu tun bekam, lieferte drei Torvorlagen und die Statistik wies mit 71 Ball-Aktionen den höchsten Wert aller Frankfurter auf. Für seinen Trainer machten „Herz und Leidenschaft“ an diesem Abend den Unterschied aus: „Ich finde, die erste Hälfte war die beste Halbzeit der Saison.“ Phasenweise habe das Geschehen auch ihn an die „alte Eintracht“ der vorigen Runde erinnert, deren Dynamik viele Konkurrenten nicht gewachsen waren. „Wir können mit unserem Saisonstart grundsätzlich zufrieden sein, der war besser als im letzten Jahr“, sagte Hütter. Sein Team habe „Bayer den Schneid abgekauft und guten Fußball“ gespielt.

          „Jetzt ist es meine Lieblingsposition“

          Kostic rannte dabei an der Außenlinie hoch und runter, als würde er nach Kilometergeld honoriert. Mit der größte Applaus für seinen Einsatz brandete auf, als er Ende der ersten Halbzeit zu einer Grätsche auf Höhe des eigenen Strafraums ansetzte und damit Kai Havertz die Show vermasselte. „Wir haben Kostic nicht in den Griff bekommen“, bekannte hinterher der Leverkusener Kevin Volland. „Wenn der Filip nach vorne losgeht, dann geht mir und jedem im Stadion das Herz auf. Dann mache ich auch gerne hinter ihm zu“, meinte Eintracht-Verteidiger Martin Hinteregger. „Wie er sich durchsetzte, marschierte und seinen Körper einsetzte, das gefiel mir sehr gut“, sagte Hütter nach dem vierten Saisonsieg, der die Ausbeute auf 14 Punkte steigerte. Der Coach sprach davon, dass er schon vorab das Gefühl gewonnen habe, dass sich der Serbe nach der Rückkehr aus der Länderspielpause besonders auf diese Partie „gefreut“ habe. Zuletzt fehlten Kostics Darbietungen die mittlerweile mit ihm verbundene Vehemenz, was Spekulationen keimen ließ, dass ihm ein schwierigeres zweites Jahr in Frankfurt bevorstehen könnte.

          Beim von Hütter vom Angreifer in vorderster Reihe zum Antreiber aus der Abwehr umfunktionierten Profi handelt es sich ungeachtet der Dynamik, die er auf dem Rasen verkörpert, um einen im Grunde genommen zurückhaltenden Zeitgenossen, der mehr als viele andere für sich ein Wohlfühlambiente benötigt, um Leistung zu zeigen. „Alle haben damals gesagt, der kann nicht defensiv spielen, der ist Offensivspieler. Aber der Trainer und die Mannschaft haben an mich geglaubt. Und ich habe gezeigt, dass ich es kann. Jetzt ist es meine Lieblingsposition“, sagte Kostic kürzlich in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“.

          Darüber hinaus gab er zu erkennen, dass ihm der Abgang der Spezies Jovic (Real Madrid) und Rebic ( AC Mailand) zu schaffen machte, weil damit zwei Bezugspunkte verloren gingen. Für ihn selbst lagen im Sommer Angebote in der Größenordnung des Transfers von Sebastien Haller vor (50 Millionen Euro), doch Kostic wurde nach dem erfolgreichsten Jahr seiner Karriere mit sechs Treffern und elf Assists in der Bundesliga (sowie zwölf internationalen Einsätzen mit vier Toren und zwei Vorlagen) als unverkäuflich erklärt, verbunden mit der Feststellung an Kostic und seinen Berater, dass im kommenden Sommer die Sachlage neu bewertet wird. Die Messlatte hat der Leder eines vielversprechenden Eintracht-Teams durch seine Gala gegen Leverkusen wieder ein gutes Stück nach oben geschoben.

          Weitere Themen

          Börsenglocke zum Geburtstag Video-Seite öffnen

          F.A.Z. wird 70 : Börsenglocke zum Geburtstag

          Nein, die F.A.Z. geht nicht an die Börse. Dass Werner D'Inka, seine Mit-Herausgeber und die Geschäftsführer die Eröffnungsglocke auf dem Frankfurter Parkett läuten durften, war ein Geschenk der Deutschen Börse zum 70. Geburtstag.

          Die Eintracht sieht Rot

          0:1 in Freiburg : Die Eintracht sieht Rot

          Frankfurt verliert in Freiburg – und gleich zwei Eintracht-Spieler fliegen mit Roter Karte vom Platz. David Abraham leistet sich einen heftigen Aussetzer gegen SC-Trainer Christian Streich. Auch ein Freiburger erhält einen Platzverweis.

          Topmeldungen

          Altersvorsorge : Rentenpolitik ohne Kompass

          Die Koalition lobt die Grundrente als einen „sozialpolitischen Meilenstein“. Die Wahrheit ist: Die Grundrente wird weder das Vertrauen in den Generationenvertrag stärken, noch taugt sie als Konzept gegen Altersarmut.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.