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Eintracht Frankfurt : Gespür und Gänsehaut

Voll im Soll: Eintracht Frankfurt gegen Hoffenheim. Bild: DPA

Beim 1:1 gegen Hoffenheim feiert Preuß ein gelungenes Kurz-Comeback, und die Eintracht ist knapp vor dem Ende der Hinrunde voll im Soll.

          3 Min.

          Christoph Preuß sprach hinterher von einem „Gänsehautmoment“. Das lag nicht daran, dass es kurz vor seiner Einwechslung in der kalten Fußball-Arena zu schneien begonnen hatte. In der Nachspielzeit der Partie zwischen der TSG Hoffenheim und der Eintracht war Assistenztrainer Edwin Boekamp noch einmal an der Linie entlang gespurtet, um aus dem Pulk der sich hinter dem gegnerischen Tor aufwärmenden Frankfurter Ersatzspieler einen Kandidaten herauszusuchen, der mithelfen sollte, das 1:1-Unentschieden über die Zeit zu retten. Dreimal musste der Helfer von Chefcoach Michael Skibbe mit dem Zeigefinger auf Preuß deuten, ehe der alte Mittelfeldspieler vergegenwärtigt hatte, dass tatsächlich er gemeint war. Kaum stand der Achtundzwanzigjährige auf dem Platz, pfiff Schiedsrichter Günter Perl die Partie auch schon ab. Keine 100 Sekunden konnte Preuß mitwirken, nur einmal war er überhaupt am Ball – und dennoch war er der Glücklichste unter lauter hoch zufriedenen Eintracht-Akteuren am frühen Samstagabend.

          Zwei Jahre lang hatte der ehemalige Juniorennationalspieler pausieren müssen. Zuletzt war der schon oft schwer verletzte Profi am 10. November 2007 in Dortmund in der Bundesliga aufgelaufen, ehe ihn ein Knorpelschaden im Knie außer Gefecht setzte – und ein Karriereende lange Zeit im Raum stand. Doch Preuß meisterte die Leidenszeit wie schon so viele schwierige Momente zuvor, als er wegen eines Meniskusschadens, einem Trümmerbruch des Nasenbeins und einer Risswunde im Oberschenkel ausfiel: er durchstand als Einzelkämpfer mit eisernem Willen die Rehaphase. Erinnerungen in Form von Muskelkater an sein Kurz-Comeback wird der körperlich beinahe wieder fast so fit wie in besten Tagen wirkende Preuß an dieses Wochenende nicht zurückbehalten – dafür war Ernstfall zu kurz. „Schön war‘s trotzdem“, sagte der Mann mit den schütteren blonden Haaren, der in der Umkleidekabine von allen Kollegen auf die Schulter geklopft bekam.

          Man war zufrieden

          „Der Trainer hat das richtige Gespür bewiesen“, lobte Heribert Bruchhagen, der Vorstandsvorsitzende seinen ersten Angestellten für dessen Fingerspitzengefühl: Für Preuß sei dieses Erlebnis die richtige Motivation, weiter hart an sich zu arbeiten. „Das war kein Weihnachtsgeschenk“, meinte dagegen Skibbe, der sich schon oft gegen den Ruf verwehrte, er sei ein Freund der Spieler. „Die Einwechslungs hat sich Christoph einfach verdient.“ Wenn er gesund bleibe, werde der in der defensive flexible Rückkehrer im weiteren Rundenverlauf zu einer „echten Alternative“. „Eine tolle Geschichte ist das“, sagte auch Pirmin Schwegler, der mit seinem Ausgleich in der 61. Minute dazu beitrug, dass vor dem finalen Vorrundenauftritt beim Tabellenzehnten allenthalben Zufriedenheit herrscht. Der schmächtige Schweizer, der als ständiger Antreiber die Hoffenheimer Verteidigung mürbe machte und mit 106 Ballkontakte der überragende Akteur vor 30 000 Zuschauern war, glich mit einem abgefälschten Heber aus 18 Metern den Führungstreffer von Sejad Salihovic durch einen zweifelhaften Elfmeter (9. Minute) aus. Selim Teber, der an alter Wirkungsstätte durch ungewohnte Tatkraft überzeugte, hatte in Augen des strengen Schiedsrichters Günter Perl den Strafstoß verursacht, indem er Vedad Ibisvic durch eine ungestüme Berührung zu Fall brachte. Dass es eine falsche Entscheidung war, wie alle Eintracht-Spieler sofort reklamierten und auch die Fernsehbilder belegten, war auf Frankfurter Seite ohnehin nicht mehr der Rede wert.

          Vielmehr war man zufrieden, dass der Referee im Sechzehnmeterraum ein Handspiel von Marco Russ übersah (72.), das einen Strafstoß hätte nach sich ziehen müssen. Typischer Fall von ausgleichender (Un-)Gerechtigkeit also.

          Voll im Soll

          Von einem „hochverdienten Punkt“, sprach Bruchhagen zu Recht. Die Eintracht war in allen Belangen die bessere Mannschaft an diesem Nachmittag: sie lag in der Statitik unter anderem bei Ballbesitz (62 Prozent), gewonnenen Zweikämpfen (60) und gelungenen Pässen (79) vorne. „Wenn wir noch etwas kaltschnäuziger sind, dann fahren wir drei Punkte ein“, meinte Patrick Ochs – und niemand konnte ihm widersprechen. Die Breite des Kaders, so Bruchhagen, „hat sich heute ausgezahlt“. So kam der in dieser Spielzeit bis dahin verschmähte Benjamin Köhler zum Zuge, indem er für Kapitän Christoph Spycher einsprang, der wegen einer Rückenverletzung kurzfristig passen musste.

          U 20-Nationalspieler Sebastian Jung, der von Skibbe bislang konsequent außen vor gelassen wurde, feierte rechts in der Viererkette für den gesperrten Maik Franz sein Saisondebüt in der Startelf. Beide Außenverteidiger erfüllten ihren Verteidigungsauftrag zur allgemeinen Frankfurter Zufriedenheit und später kam sogar der 18 Jahre alte Jungprofi Marcel Titsch-Rivero zu seinem allerersten Einsatz bei den Profis. Er hatte sogleich den Siegtreffer auf dem Fuß, doch zögerte er bei einem Konter in der 88. Minute eine Sekunde zu lang, „ob er flanken oder schießen sollte“, wie Skibbe feststellte; so blockte Boris Vukcevic den Schuss im letzten Moment ab. Von einer „richtig reifen Vorstellung“ sprach Skibbe trotz des Schönheitsfehlers, dass bei einer besseren Chancenverwertung sogar noch mehr drin gewesen wäre, dennoch: „Das war sehr guter Fußball.“

          23 Punkte nach 16 Spieltagen, dazu noch ein Heimspiel – die Eintracht, die am Ende auf 46 Zähler kommen möchte, liegt voll im Soll. Mit einem Sieg gegen Wolfsburg kann sie nun die beste Hinrunden-Bilanz seit 1993/94 erreichen. Damals kamen die Frankfurter – nach der alten Zwei-Punkte-Regel – auf 24 Zähler und wurden Herbstmeister. So weit ist es bei allem berechtigten Optimismus noch lange nicht.

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