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Eintracht Frankfurt : Frankfurter Lehrstück

Spaß am Spiel: Eintracht Frankfurt gegen die Hertha. Bild: AP

Beim lockeren 3:1 in Berlin ist die Eintracht mindestens eine Klasse besser als Hertha BSC. Kapitän Spycher sorgt schon vor der Partie für Zusammenhalt – und für Funkel bleibt nur Mitleid.

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          Die Schlüsselszene für diesen Sieg hat sich nicht in Berlin ereignet. Schon ein paar Tage vor dem Dienstflug in die Hauptstadt haben maßgebliche Köpfe der Frankfurter Eintracht den Grundstock für das 3:1 gelegt. Federführend an der Spitze: Kapitän Christoph Spycher. Der Schweizer, der schon nach der 1:2-Heimniederlage gegen Borussia Mönchengladbach beklagt hatte, „dass wir in einem Loch sind“, sah sich zum Handeln gezwungen. Als Spycher Mitte der Woche zur Tat schritt, handelte er autark und ohne Einflüsterer. Kein Trainer war dabei und auch kein Manager. Der 31 Jahre alte Eidgenosse trommelte die komplette Mannschaft zusammen und lud sie zum Abendessen ein. „Wir haben zusammen Champions League geschaut und uns auf die letzten vier Spiele eingestimmt“, sagte Spycher einem kleinen Reporterkreis nach dem Auswärtssieg in Berlin.

          Das Motiv für das Treffen unter Mannschaftskollegen: „Die ganze Mannschaft sollte wissen, um was es geht – vor allem in der Partie in Berlin. Es sollte allen bewusst sein, wie wichtig dieses Spiel ist.“ Spycher sah die Gefahr, dass nach der Niederlage gegen Gladbach ein weiterer Tiefschlag gegen die Hertha die sportliche Gesamtlage gefährden könnte. Dazu aber kam es nicht. „Schön, dass wir das Spiel gegen die Hertha tatsächlich gewonnen haben“, freute sich der Kapitän. „Damit ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer guten Ausgangslage gemacht. Weitere sollen folgen.“

          Dominieren nach Belieben

          Champions League gucken, um in der Bundesliga wieder auf Kurs zu kommen: Spychers Plan ist auch deshalb aufgegangen, weil die Eintracht bei ihrer Aufgabe in der Hauptstadt ungeahnt leichtes Spiel hatte. Es war erschreckend, in welcher Verfassung sich die Hertha präsentierte. Trainer Friedhelm Funkel verfügt zwar nominell über Stürmer, doch auf dem Platz traten sie nicht in Erscheinung. Die Eintracht-Defensive blieb mehr oder weniger beschäftigungslos, und dass Oka Nikolov den Berliner Ehrentreffer durch Adrian Ramos hinnehmen musste (81. Minute), war nur eine Randnotiz. Zu überlegen waren die Hessen, die durchaus mehr als die drei Tore durch Patrick Ochs (11.), Maik Franz (70.) und Alexander Meier (75.) hätten erzielen können. So bot sich Meier schon kurz nach der Führung die Chance zum 2:0 (18.).

          Die Eintracht, ein Klub aus dem Mittelmaß der Liga, dominierte die Hertha, den ersten Abstiegskandidaten, nach Belieben. Man konnte fast Mitleid haben mit den hilflosen Berlinern, zumal dort mit Friedhelm Funkel ein Trainer Dienst versieht, der auf fünf gute Jahre in Frankfurt zurückblicken kann. Doch Heribert Bruchhagen hielt nichts davon. „Mitleid? Nein“, sagte der Vorstandschef der Eintracht. „In der Bundesliga denkt jeder nur an sich selbst. Wir müssen sehen, dass wir selbst unsere Punkte holen. Ich habe oft in der Bundesliga Begegnungen mit ehemaligen Trainern. Da hätte ich viel zu tun, immer daran zu denken.“ Der Frankfurter Manager war denn auch froh, „dass wir die Hertha aus ihrer überaus großen Nervosität nicht entlassen haben. Für uns sind das drei Big Points gewesen.“

          Comeback von Ümit Korkmaz

          Fast alles hat gepasst an diesem trüben Novembernachmittag. Die Eintracht hat mit einer beherzten Leistung kühl die Chance genutzt, eine völlig verunsicherte und kaum mehr an sich glaubende Berliner Mannschaft gehörig auf Distanz zu halten. Ja, es war ein Klassenunterschied, der sich den 48.000 Zuschauern im kalten Olympiastadion offenbarte. „Bei uns“, sagte denn auch Innenverteidiger Marco Russ, „war das ganze Spiel über die Sicherheit da. Mir tut es leid für Friedhelm Funkel. Aber wir sind nach Berlin gekommen, um die drei Punkte zu holen.“

          Erfreulich bei diesem dritten Saisonsieg in der Fremde: das Comeback von Ümit Korkmaz. Der kleine Österreicher, dessen Stärken vor allem in seinen Dribblings liegen, findet mehr und mehr zu seiner alten Form zurück. Gab es zwischenzeitlich Zweifel an seiner Klasse und fand sich der Angreifer wochenlang nur auf der Auswechselbank wieder, gibt es nun für Trainer Michael Skibbe keine Argumente, nicht auf Korkmaz zurückzugreifen. Auf links sorgt der Wiener für reichlich Verwirrung beim Gegner, und auch die Hertha fand kaum Mittel, um den Linksfuß in seiner Sturm-und-Drang-Phase zu stoppen. Für einen wie Benjamin Köhler wird es zukünftig schwer sein, Stammkraft zu sein. Solange Korkmaz von Verletzungen verschont bleibt und die Leistung so ist, wie sie in Berlin gewesen ist, bleibt er erste Wahl.

          Weiter nachlegen gegen Mainz

          Zumindest wieder zweite Wahl könnte im Idealfall Stürmer Martin Fenin sein. Der Tscheche, vor einer Woche in München erfolgreich an beiden Leisten operiert, läuft schon wieder fleißig. Trainer Skibbe hat nun die Hoffnung geäußert, „dass er vielleicht für die letzten beiden Hinrundenspiele eine Alternative sein kann“. Auf das Nächste hat Skibbe schon in Berlin einen ersten zarten Blick geworfen. Für das Derby gegen den tabellarisch besser eingestuften FSV Mainz 05 erhofft sich der Eintracht-Trainer, „dass wir nachlegen“. Drei weitere Punkte würden für weitere Entlastung sorgen – und dafür, das angestrebte Saisonziel von zumindest 45 Punkten fest im Visier zu haben.

          Auch die Mannschaft scheint dies nach dem Erfolg von Berlin verinnerlicht zu haben. Das Abendessen und das Champions-League-Studium haben gefruchtet.

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