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Fan-Boykott am Montag : Frankfurter Protestkultur

  • -Aktualisiert am

Unterstützen wirklich alle Eintracht-Fans den Protest durch die leere Nordwestkurve im Stadion? Bild: dpa

Aus Protest gegen Spiele am Montag soll die Fankurve in Frankfurt gegen Union Berlin leer bleiben. Entschieden wurde das vom Führungszirkel der Fan-Zusammenschlüsse. Die anderen Zuschauer haben bei der Eintracht keine Stimme.

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          Die aktive Fanszene der Eintracht hat in der vergangenen Woche vor dem Anpfiff des Europa-League-Spiels gegen Salzburg ein Fanal gegen Rechtsradikalismus und Rassismus gesetzt. Als Zuschauer aus dem Block der Österreicher die Schweigeminute anlässlich der Gewalttat von Hanau störten, skandierte die Nordwestkurve: „Nazis raus.“ Wofür sie, unter anderem, vom jüdischen Turn- und Sportverband Makkabi Deutschland gelobt wurden, der darin einen „Meilenstein in der Bekämpfung von Rechtsextremismus“ sah. An diesem Montag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei DAZN) setzt die aktive Fanszene der Eintracht in der Nordwestkurve ein Zeichen gegen die ungeliebten Montagsspiele der Bundesliga. Der Block, in dem für 8000 Besucher Stehplätze vorhanden sind, wird in der Begegnung mit Union Berlin wie leergefegt sein.

          Die Aktion „leere Nordwestkurve“ wird von den maßgeblichen Gruppen der organisierten Fanszene – Fanklub-Vereinigung, Ultras – getragen. Sie fordern ihre Mitglieder auf, ins Stadion zu kommen, aber nicht ihre Kurve zu betreten. Zwar sind die meisten Dauerkartenbesitzer in der Nordwestkurve Mitglieder der organisierten Fanszene, aber es soll dennoch viele Fußballfreunde geben, die sich gerne das Spiel live ansehen würden. Unorganisierte und auch Organisierte, über deren Köpfe hinweg der Protest manifestiert wurde.

          Der Aktion „leere Nordwestkurve“ ging keine Urabstimmung voraus und kein Votum in Fan-Parlamenten, sondern sie ist eine Entscheidung des Führungszirkels der unterschiedlichen Fan-Zusammenschlüsse. Es wird interessant sein zu sehen, was an diesem Montag an den Eingängen zur Nordwestkurve geschieht, wenn Zuschauer ihr legitimes Zutrittsrecht wahrnehmen wollen: Werden sie daran gehindert werden, damit der Protest seine ganze Wucht entfaltet?

          Die Eintracht unterstützt die Protestaktion, indem sie zusätzliche Bildschirme in den Stadionumläufen aufstellt, das Museum während des Spiels offenlässt und jedem Kartenbesitzer der Nordwestkurve Ausweichplätze in anderen Blocks anbietet. Zum Teil deutlich teurere. Etwa 4500 Tickets sind verfügbar, da bisher erst 46.500 Karten im Vorverkauf abgesetzt wurden – was die Lage entspannt. Dennoch bleibt bei vielen gemäßigten Fans das schlechte Gefühl, sich wieder einmal Gruppen unterzuordnen, aus deren Reihen verschiedene Vergehen verübt worden sind. Vergehen, die zu Sanktionen führten und Fans zum Beispiel Auslandsfahrten nach Lüttich oder London kosteten.

          Doch diese Fans haben bei der Eintracht keine Stimme, nur die organisierte Fanszene mit den Ultras als Speerspitze. Es ist gut und alternativlos, mit diesen Gruppen zu kommunizieren. Aber ein zu enges Kungeln der Klubleitung mit ihnen und eine zu große Laxheit bei deren Fehlverhalten führt nur zu weiterer Selbsterhöhung und Selbstüberschätzung der Szene, die sich als Avantgarde der Fans sieht und in der sich manche gar als Herrscher im Stadion missverstehen.

          Makkabi-Präsident Alon Meyer schrieb in seiner Eloge an die Eintracht-Fans folgenden Satz: „Die Vermittlung von demokratischen Werten wie Toleranz, Fair Play und respektvolles Miteinander ist die große Stärke des Sports und ein essentieller Baustein zur Bekämpfung von Rechtsextremismus.“ Nicht nur zur Bekämpfung von Rechtsradikalismus. Sondern zur Wahrung der Rechte aller.

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