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Eintracht Frankfurt : Endzeitstimmung

Baustelle Eintracht:Um Christoph Daum ist es kurz vor dem Saisonfinale einsam geworden. Bild: dpa

Eintracht-Trainer Daum geht trotz allem mit „Gelassenheit und Freude“ an die finale Aufgabe in Dortmund heran. Die Frankfurter Serienverlierer haben stark an Anziehungskraft verloren.

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          Klub der Wunder. Über diese Schlagzeile wurde unlängst im Eintracht-Museum diskutiert. Erst 1999 die Rettung in letzter Minute gegen den 1. FC Kaiserslautern, dann 2003 der Aufstieg in der Nachspielzeit gegen Reutlingen: Der Titel damals war schnell gefunden. Ob er ein weiteres Mal Konjunktur hat?

          Die Frankfurter Eintracht liegt am Boden. Sportlich droht nach 1996, 2001 und 2004 der vierte Abstieg aus der ersten Bundesliga. Selbst Christoph Daum, seit sieben Wochen Trainer der Hessen, mag kaum an ein neuerliches Happy End glauben. Trotzig sagt er vor dem letzten Saisonauftritt an diesem Samstag bei Meister Borussia Dortmund: „Für uns spricht eigentlich nur die Erkenntnis, dass der Ball rund und im Fußball nichts unmöglich ist.“ Daum, 57 Jahre alt, ist in seiner langen Karriere noch niemals abgestiegen. „Sollte es zum Abstieg kommen, werde ich das selbstkritisch einordnen und die Lehren daraus ziehen, um noch besser zu werden“, sagte er vor seinem vermutlich letzten Auftritt mit den Frankfurtern. Zehn Kameras filmten jedes Wort, jede Mimik. Der Coach, der während seiner Zeit am Main wie kein Zweiter polarisiert und aufgewühlt hat, bekräftigte: „Ich bin gerne hier. Es hat sich alles gelohnt.“

          Noch gibt sich niemand geschlagen

          Nun also ist dieser 14. Mai gekommen. Meisterstimmung, Feierstimmung, Finalstimmung im mit 80 000 Besuchern ausverkauften Borussia-Park. Und mittendrin die Eintracht, bei der sich zuletzt Endzeitstimmung breit gemacht hat. Übertragen wird die Begegnung der beiden ungleichen Gegner von nicht weniger als vierzig Kameras. Die Deutsche Fußball Liga teilte mit, es handele sich bei der Produktion um die „technisch aufwendigste Übertragung der bald fünfzigjährigen Bundesliga-Geschichte“. Zuschauer in 196 Ländern können sich demnach ein Bild davon machen, wie die Mannschaft mit dem schlechtesten Angriff (Frankfurt) der beste Abwehr der Liga (Dortmund) beikommen möchte. Große personelle Änderungen sind laut Daum nicht zu erwarten. Er vertraue dem Kader, der beim 0:2 gegen Köln unlängst so enttäuschte, hinzu komme lediglich Sebastian Rode, dessen Rot-Sperre abgelaufen ist.

          Seit der Entlassung des ehemaligen Trainers Michael Skibbe wartet die Eintracht auf den zweiten Rückrundensieg; knapp zwei Monate sind seit jenem 2:1 gegen den schon als Absteiger feststehenden FC St. Pauli vergangen. Ob die Hessen den Hamburgern in die zweite Liga folgen? Solange rechnerisch noch ein Funken Hoffnung vorhanden ist, gibt sich niemand geschlagen. Vorstandschef Heribert Bruchhagen, der sich bald von seinem Zusatzjob als Manager und Sportlicher Leiter verabschieden muss, setzt darauf, „dass sich bei den Spielern angesichts der relativen Ausweglosigkeit vielleicht ein anderes Selbstbewusstsein entwickelt“.

          Tzavellas und Franz können nicht spielen, wollen die Mannschaft aber moralisch unterstützen

          Bei zwei Profis, die gar nicht spielen können, sind die Sinne schon geschärft. Linksverteidiger Georgios Tzavellas, in den vergangenen Wochen wegen seines Kreuzbandrisses zur Behandlung in der griechischen Heimat gewesen, ist von Athen zurück nach Frankfurt geflogen. Er wird ebenso wie Verteidigerkollege Maik Franz nach Dortmund fahren, um ganz nah bei der Mannschaft zu sein und sie moralisch zu unterstützen. Das Abschlusstraining am Freitagnachmittag, mutmaßlich das finale unter Daums Regie, verlief wesentlich unspektakulärer als sein im Fernsehen live gesendeter Einstand.

          Etwa fünfzig Fans standen vor dem mit Planen abgesperrten Rasenplatz an der Wintersporthalle und diskutierten sich in der Sonne die Köpfe heiß, warum es mit der Eintracht seit der Winterpause so unaufhaltsam bergab ging. Auf einen gemeinsamen Nenner ließen sich ihre in aufgeregtem Ton vorgetragenen Plädoyers nicht bringen. Als Daum und die Profis, durch das abgeschlossene Tor schritten, um sich zu duschen, ehe sie in den abfahrbereiten Teambus stiegen, konnten sie weitgehend unbehelligt durch die überschaubare Menschenmasse marschieren.

          „Gefühl der Gelassenheit und Freude“

          Das bis vor kurzem so große Verlangen nach Erinnerungsfotos oder Autogrammen hielt sich in Grenzen, die Serienverlierer haben stark an Anziehungskraft verloren. Daum sagte, er gehe mit dem „Gefühl der Gelassenheit und Freude“ an die Aufgabe heran. Er habe der Mannschaft in vielen Einzelgesprächen zu vermitteln versucht, dass die „für den Einzelnen sehr belastende Situation nur gemeinsam als Team gelöst werden kann“. Er wiederholte seinen zuletzt schon so oft formulierten und bislang nie in Erfüllung gegangenen Wunsch, „dass sich die Mannschaft für die gute Arbeit belohnt und den Sieg einfährt, der vorher auch schon möglich gewesen wäre“ – und viele Sorgen und Nöte verhindert hätte.

          Das „Aktivieren aller Kräfte“, so Daum, sei nötig, um einen Punkt zu ergattern, nur wenn „Glück und Cleverness hinzukommen, können drei daraus werden“. Was er als Mutmacher wertete: Zum Ende der Hinrunde am 18. Dezember sei es den Frankfurtern gelungen, der Borussia beim 1:0 die erste Auswärtsniederlage zuzufügen. „Klar, dass so etwas im Kopf haften bleibt“, meinte Daum. Dass der schmeichelhafte Sieg den Klub zur völlig irrigen Annahme verleitete, dass der seinerzeitige Aufstieg auf den siebten Platz internationale Perspektiven aufzeige und der Kampf gegen den Abstieg früh abgehakt werden könne, gehört freilich zu den entscheidenden Fehleinschätzungen, die anschließend den Niedergang mitverursachten.

          Fehlen wird gegen den BVB Alexander Meier, der wegen Leistenbeschwerden nicht mithelfen kann, dass es mit der Last-Minute-Sensation möglicherweise etwas wird. Und für Patrick Ochs wird es trotz allem ein Feiertag, den er so rasch nicht vergessen wird: Der Frankfurter Kapitän, der zum VfL Wolfsburg wechselt, wird an diesem Samstag 27 Jahre alt. Was er ihm wünsche, wurde Daum gefragt. „Zehn Tore, oder aber zwölf“, sagte der Trainer, dem als Einzigem trotz allem zum Scherzen zumute war.

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