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Eintracht Frankfurt : Die 0 der Liga

Niederschmetternd: So wie Maik Franz liegt momentan die ganze Eintracht-Mannschaft am Boden. An wem und was sie sich aufrichten soll, ist nicht klar. Bild: DPA

Dem Abgrund ganz nah: Nach dem achten sieglosen Spiel in Folge nimmt bei der Eintracht das Szenario des vierten Abstiegs Gestalt an. Endspiel für Skibbe in Schalke.

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          Es sollte ein erster Schritt auf dem Weg der Besserung werden. Es wurde aber das nächste Desaster, von dessen Folgen sich die Eintracht so schnell nicht erholen wird. Mit dem 0:0 gegen den 1. FC Kaiserslautern setzte sich am 25. Spieltag der Negativtrend nahtlos fort. Schlimmer noch: Die körperlich und nervlich desolate Verfassung, in der sich die Mannschaft vor knapp 50 000 Zuschauern in diesem zweitklassigen Südwestduell präsentierte, ließ die Zweifel an der Frankfurter Bundesliga-Tauglichkeit weiter wachsen. Das Horrorszenario des vierten Abstiegs aus der ersten Klasse nahm endgültig Konturen an.

          Bei den Hessen ist die Stimmung nach dem achten Rückrundenauftritt ohne Tor auf einem Tiefpunkt. Nach der Vorrunde lag die Eintracht mit zwei Punkten Abstand zum internationalen Geschäft auf Rang sieben; mittlerweile ist ihr Vorsprung vor den Lauterern auf dem 17. Platz auf drei Zähler zusammengeschmolzen. „Die Lage ist bedrohlich, wir müssen schnell die Kurve kriegen, sonst wird es gefährlich“, sagte der konsternierte Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen. Seit mehr als zwölf Stunden Spielzeit warten das verunsicherte Team und ihr hilfloser Coach Michael Skibbe nun auf einen Treffer, seit 78 Tagen auf einen Sieg. Und dem Fünfundvierzigjährigen gehen langsam aber sicher die Optionen aus, durch eigenes Zutun die Wende einzuleiten: Auch sein bislang letztes Mittel, das Trainingslager im Westerwald, brachte null Impulse, wie auch schon mehrere Teamabende, bei denen sich die Spieler (vor Eintreffen des Trainers) deutlich die Meinung gesagt haben. Skibbe, der sich in seiner zwanzigjährigen Fußballlehrerzeit als Entwicklungshelfer einen Ruf erworben hat, doch sich noch nie mit seinen Mannschaften ernsthafte Sorgen um den Klassenverbleib machen musste, ist angegriffen. Die Frage, ob er ratlos sei, beantwortete er mit einem denkwürdigen Statement: „Nein, das bin ich nicht. Ich bitte es zu entschuldigen, wenn es so wirken sollte.“ So kleinlaut war er, der vor kurzem mit grenzenlosem Optimismus seiner Arbeit in Frankfurt nachging, noch nie seit seinem Eintreffen im Juni 2009.

          Bald ein neuer Rekord für die Eintracht?

          Noch genießt Skibbe das Vertrauen der Klubführung. Es schwindet jedoch. Schon am Freitag hatte es im Aufsichtsrat der Eintracht Fußball AG eine lebhafte Diskussion gegeben, ob Skibbe nach wie vor der richtige Mann sei. Bruchhagen, so hieß es, habe dabei seinem wichtigsten Angestellten den Rücken gestärkt und die nervösen Herren um Ruhe und Vertrauen gebeten. Ein Rauswurf wäre auch für ihn eine empfindliche persönliche Niederlage, nachdem er erst vor Wochen den Vertrag mit dem Trainer bis 2012 verlängert hatte. Um die gewünschte Gelassenheit einiger Aufsichtsratsmitglieder ist es nach dem spielerischen Elend gegen die biederen Lauterer definitiv geschehen. Eine kurzfristige Zusammenkunft der Kontrolleure am Sonntag scheiterte unter anderem an der Abwesenheit ihres Vorsitzenden Wilhelm Bender, der übers Wochenende in den Urlaub gefahren war. Doch auch so glühten die Telefondrähte, und mit Gewissheit lässt sich protokollieren: Spätestens nach einer weiteren Niederlage am nächsten Samstag beim FC Schalke geht die Geduld mit Skibbe zu Ende. Als Kandidat für seine Nachfolge wird der Schweizer Marcel Koller gehandelt, der bis 2009 beim VfL Bochum beschäftigt war.

          Skibbes Autorität hatte schon im Streit mit Ioannis Amanatidis, den er aus der Mannschaft warf und auf Geheiß Bruchhagens wieder aufnahm, gelitten. Jetzt, und das wiegt ungeachtet seiner Kompetenz schwerer, hat er Probleme, die Spieler einzustimmen. Leistungsträger wie Patrick Ochs, Pirmin Schwegler oder Alexander Meier, der in der 63. Minute die einzige passable Möglichkeit vergab, kommen aktuell mit dem sportlichen Existenzkampf überhaupt nicht zurecht. „Wir waren zu passiv, wir wollten aggressiver, offensiver spielen“, sagte Skibbe. Er konnte von Glück sagen, dass der Lauterer Srdjan Lakic freistehend vor dem Tor die Kugel nicht richtig traf (89.), sonst hätte er am Ende einer unansehnlichen Fußballdarbietung die achte Heimniederlage verkraften müssen. „Würde es einen Preis für das schlechteste Saisonspiel geben“, schrieb die Deutsche Presse-Agentur am Tag danach, „die beiden Mannschaften könnten schon mal den Anzug für die Ehrung rausholen“. Während die meisten Spieler nach dem Abpfiff wortlos in die Umkleide trotteten, setzte Amanatidis zu einer Brandrede an: „Wir müssen endlich aufwachen“, klagte der Grieche. „Viele sind sich über die Situation nicht im Klaren, wir dürfen nicht nur reden, das ist alles papperlapapp. Es muss mehr Körpersprache her.“ Die Wahrheit sei: „Wir gewinnen keinen Kopfball, keinen zweiten Ball, und wir haben keine Torchance.“ Immer wieder schlug er bei seiner Standpauke mit der Faust in die Handfläche und zischte: „Es ist einfach zu wenig!“ Schwegler, der zurückhaltende Schweizer, schlug daneben in die gleiche Kerbe, wenngleich mit spürbar weniger Enthusiasmus: „Wir sind gerade die Schlechtesten. Das kann man nicht ausblenden. Da sind die Beine schwer. Jeder ist nur mit sich beschäftigt“, sagte er. Skibbe drückte sich fast gleichlautend aus: Es sei in erster Linie ein Kopfproblem, sagte er, „der Druck, der auf den Spielern lastet, ist nicht wegzudiskutieren und einige können damit nicht umgehen“. Und trotzdem sagte er: „Der Bock muss auf Schalke umgestoßen werden – wie auch immer das zu schaffen ist.“

          Noch hält der 1. FC Köln, der in der Saison 2001/2002 1034 Minuten auf ein Glückserlebnis warten musste, den Bundesliga-Negativrekord. Die Eintracht ist auf dem besten Weg, diesem schlechten Vorbild nachzueifern. Was den Trend so beängstigend macht: Nie konnte sich in der ersten Liga eine Mannschaft vor dem Abstieg retten, die so lange ohne Torerfolg gewesen ist.

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