https://www.faz.net/-gzn-16s5l

Eintracht Frankfurt : Der Traum vom nächsten Özil

Auf der Suche nach Talenten auf dem Spielfeld. Bild: DPA

Die U 17 der Eintracht kann deutscher Meister werden. Ihre Spiele werden zum Treff von Beratern und Scouts, die nach Stars von morgen Ausschau halten. Heiß begehrt: der Frankfurter Kittel.

          4 Min.

          Der Bekanntheitsgrad von Tomas Oral ist noch immer überschaubar. Das konnte der ehemalige Coach des Zweitligaklubs FSV Frankfurt und künftige Übungsleiter des viertklassigen RB Leipzig in diesen Tagen in Langenselbold erfahren. Auf dem makellosen Sportplatz der kleinen Stadt unweit von Hanau legte die U 17 der Eintracht mit dem 2:1-Hinspielerfolg über Hertha BSC den Grundstein zum Einzug ins Finale um die deutsche Meisterschaft gegen Bayer Leverkusen. Die Partie, der am Sonntag ein 3:1-Sieg in Berlin folgte, war eine Leistungsschau des Nachwuchsfußballs und somit ein Pflichttermin für viele Vereine aus den oberen Spielklassen und deren Abgesandte. Das schmucke Sportlerheim wurde für ein paar Stunden zum Branchentreff, zu einer Gerüchteküche mit integriertem Handelsplatz. Auf dem Feld standen sich mit den Frankfurter Teenagern und ihren 15 bis 16 Jahre alten Gegenspielern aus der Hauptstadt zwei Mannschaften gegenüber, aus deren Reihen gleich einer Handvoll Akteure das Talent bescheinigt wird, eines nicht allzu fernen Tages in der Bundesliga zu landen. Nahezu folgerichtig verwandelte sich die Vereinsgaststätte der Spielvereinigung Langenselbold auch zum Hotspot der nationalen Spielerberaterbranche. Zum Glück für Oral.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Denn auf Intervention von Paul Koutsoliakos, der zu den umtriebigsten Spielermaklern des Rhein-Main-Gebiets zählt, kam Oral doch am Ordner vorbei und erhielt Zutritt zum VIP-Bereich, für den er sich keine Karte besorgt hatte, weil er der Meinung war, sein Gesicht alleine würde ihm in der Provinz alle Türe öffnen. Aus dem abgeschirmten Bereich hinaus genoss die Prominenz, darunter Eintracht-Trainer Michael Skibbe, den besten Blick aufs Geschehen – es standen Lachs-Häppchen bereit, es gab Pils vom Fass und frisch gebackenen Schokokuchen; wer genug hatte vom höflichen Smalltalk, konnte sich in eine Nische zurückziehen, sobald nicht jeder mitbekommen sollte, welche Informationen man über einen der 22 B-Jugendlichen einsammeln wollte, die am Fuß der Tribüne mit Hingabe um den Ball kämpften. „Rund zwanzig Spielerberater und hauptberufliche Scouts“, zählte Armin Kraaz an diesem Abend. Der 45-Jährige ist Leiter des Leistungszentrums des Eintracht, war früher selbst Profi und danach Trainer. „Jeder, der ernsthaft an den Entwicklungen im Jugendbereich interessiert ist und sich ein Bild von der aktuellen Qualität machen möchte, darf so einen Termin nicht verpassen.“

          Die Frankfurter agieren vergleichsweise zurückhaltend

          Als Kraaz selbst aktiv war, ließ sich im Fußball bereits prächtig verdienen, doch es war Ende der achtziger Jahre noch nicht annähernd das Millionen-Geschäft, das es heute ist – dadurch erhöhte sich der Druck, frühstmöglich Stars oder zumindest Sternchen zu entdecken, deren Verpflichtung sportlichen Erfolg oder später einen stattlichen Transfererlös verspricht. Mitverdienen in diesem Business wollen viele. Ohne Berater geht es längst nicht mehr. Kraaz selbst benötigte keinen, „das haben mein Vater und ich alles selbst gemacht“. Vergangene Zeiten. Schon im aktuellen U-17-Jahrgang der Eintracht hat jeder einen Beistand an seiner Seite. Dem Klub gefällt die Entwicklung nicht, doch er besitzt keine Macht, diesen Trend zu stoppen. Jeder Spieler begibt sich früher oder später in die Hände eines Agenten, den er für clever hält im Vertragspoker und der über Beziehungen verfügt. Die Berater preisen sich bei den Jungs und ihren Eltern täglich als Dienstleister und Lotse auf dem Weg ins Profilager an. Kraaz kennt viele von ihnen persönlich. Es sind pensionierte Lehrer aus Bad Homburg darunter, genauso wie Kfz-Mechaniker aus dem ehemaligen Jugoslawien: Was sie eint: „Letztendlich möchte und muss ein Berater mit dem Spieler Geld verdienen. Allerdings steht dabei nicht immer das Wohl des Spielers im Vordergrund.“ Nach dem Training am Riederwald suchen sie das Gespräch mit den Eltern, klemmen Visitenkarten unter die Scheibenwischer der Autos oder besorgen sich die Handynummern der Familien. Die Penetranz, mit der sie vorstellig werden, kann „ganz schön nerven“, berichtet Kraaz. Charly Körbel, der Rekordspieler der Eintracht, der seit 2007 eine Fußballschule betreibt, wird deutlicher: Er spricht von einer „Rattengesellschaft“. Ein großer Teil der Berater lasse sich Generalvollmachten unterschreiben, „das ist eine absolute Katastrophe“, Betroffene wüssten nicht, „was hinter ihrem Rücken passiert“. Schon Zwölfjährige würden geködert, „da werden Traumschlösser versprochen, doch oft folgt ein bitteres Ende“.

          Weitere Themen

          Deutsche Segel-Medaillen bei Olympia

          Jubelschreie im Hafen : Deutsche Segel-Medaillen bei Olympia

          Zum ersten Mal seit 21 Jahren wieder eine deutsche Segel-Medaille: Tina Lutz und Susann Beucke springen nach dem abschließenden Rennen noch auf den zweiten Platz. Weiteres Edelmetall folgt wenig später.

          Topmeldungen

          Eine Frau lässt sich in Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern gegen das Coronavirus impfen.

          RKI-Zahlen : Sieben-Tage-Inzidenz steigt leicht auf 17,9

          Das Robert-Koch-Institut verzeichnet 1766 neue Corona-Infektionen. In der Diskussion um Kinderimpfungen wehrt der Vorsitzende der STIKO sich gegen Kritik und fordert mehr Erwachsene auf, sich impfen zu lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.