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Eintracht Frankfurt : Der magische Abend

Das Strahlen der Sieger: Trainer Niko Kovac mit geballter Faust Bild: Reuters

Der 23. Mai, Nürnberg, Frankenstadion, Flutlicht: Die Eintracht spielt gegen den 1. FC Nürnberg um den Verbleib in der Fußball-Bundesliga. Bangen und Hoffen.

          3 Min.

          Auf jetzt, Frankfurt! Es ist der Slogan des Tages. Ach was, eines ganzes Quartals. Schließlich kann Niko Kovac, am 8. März als Nachfolger des glücklosen Armin Veh zum neuen Cheftrainer der Eintracht auserkoren, an jenem unvergesslichen Abend des 23. Mai die Früchte seiner Arbeit ernten.

          Nürnberg, Frankenstadion, Flutlicht. Die Eintracht hat sich dazu entschlossen, mit dem kompletten Kader inklusive aller Mitarbeiter der Lizenzspielerabteilung zum „Club“ zu fahren. Eine Maßnahme, die es in dieser Form zuletzt beim Europaleague-Spiel in Porto gegeben hatte. Der Plan: Die Frankfurter wollen Zusammenhalt und Geschlossenheit dokumentieren. Eine Strategie, die sich auch auf das spielende Personal übertragen soll. Die Spannung, die schon lange vor dem Anpfiff über diesem zweiten Relegationsspiel liegt, ist allgegenwärtig. Heribert Bruchhagen, der hochgradig angespannte Vorstandschef, der im Sommer seinen Posten räumt, greift öfter als sonst zur Zigarette, der er eigentlich abgeschworen hatte. Wenn das mal nur gutgeht beim „Club“. Es geht gut.

          „Die Eintracht muss in der ersten Liga bleiben“

          Die Ausgangslage ist klar. Nach dem 1:1 vor heimischer Kulisse, als Marco Russ ein unglückliches Eigentor unterlief, muss die Eintracht 2:2 spielen – oder gewinnen. Sie entscheidet sich für Variante zwei. 66. Minute: Mijat Gacinovic setzt sich auf links gegen drei Nürnberger durch, schaut auf, sieht den freien Mann und passt zu Haris Seferovic. Der Schweizer macht kurzen Prozess und vollendet zum 1:0. Das Tor zum Klassenverbleib, das Tor zur Glückseligkeit ist da. 24 Minuten Hoffen und Bangen. 24 Minuten Zittern und Daumendrücken. Die Ziellinie ist zum Greifen nah. Dass Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann zur Einstimmung auf das finale Relegationsduell beim 1. FC Nürnberg fast schon fordernd-trotzig gesagt hatte: „Die Eintracht muss in der ersten Liga bleiben. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern weil ein Erstligaklub auch wichtig für das Image der Stadt ist.“ Geschenkt.

          Den Spielern ist das Politiker-Gerede egal. Sie sind nur auf diese eine, dieses letzte Saisonspiel fokussiert, das die alles entscheidende Wende bringen muss. Und dass ausgerechnet Seferovic, der nicht immer pflegeleichte Eidgenosse, nach monatelanger Flaute das Millionentor schießt, passt so wunderbar zu dem, was rund um die Eintracht in diesem verrückten Fußballjahr 2016 mit der Eroberung des vierten Tabellenplatzes noch folgen soll. „Ich freue mich für mich, für die Mannschaft und für den Verein.“ Die Reihenfolge ist Seferovic wichtig, als es später aus ihm heraussprudelt und er in den Katakomben der Nürnberger Arena seinen Gefühlen halbwegs freien Lauf lässt.

          Gänzlich aus dem Häuschen und geradezu entrückt – das ist Heribert Bruchhagen. Der im September 68 Jahre alt gewordene Fahrensmann, für den die Bundesliga mehr als nur Lebenselixier ist und von der er partout nicht lassen kann, was sich im weiteren Jahresverlauf mit seinem überraschenden Engagement als Vorstandschef beim Hamburger SV manifestiert, ist in an diesem historisch anmutenden Abend das personifizierte Glücksbild der Eintracht. Scheinbar wie von Sinnen rennt Bruchhagen nach dem Schlusspfiff auf den Platz, umarmt alles und jeden. Beide Arme weit auseinandergestreckt, so als ob Attila, das Vereinsmaskottchen, seine Schwingen spreizen würde, kennt Bruchhagen an diesem 23. Mai kein Halten.

          Tiefe Dankbarkeit für Niko Kovac

          Es scheint, als wolle er die ganze Welt umarmen. Das Glück der Eintracht, die Erleichterung eines ganzen Vereins: Wer sinnbildlich danach sucht, braucht nur in das Gesicht des scheidenden Vorstandsvorsitzenden zu schauen. Jenes Mannes, der öffentlich immer wieder bekräftigt: „Zum Saisonende gehe ich in Rente. Der Verein, den ich verlasse, ist sehr solide und sehr gut aufgestellt. Der Verein hat mir emotional viel gegeben. Die Anerkennung, die einem entgegenschlägt, dazu die Herzlichkeit, gerade in der letzten Phase, das ist schon was.“

          Dankbarkeit – das ist es, was Niko Kovac entgegenschlagen muss. Denn ohne das Zutun des fleißigen Berliner Kroaten wäre die Eintracht überhaupt nicht in die Lage gekommen, zwei Bonusspiele gegen den Zweitligadritten zu bekommen. Erst mit Kovac hat die Eintracht die Kurve gekriegt, und schon im Frühjahr zeigt sich, was auch im weiteren Jahresverlauf Bestand haben soll: Was immer auch der Trainer anpackt – es glückt. Kovac trifft die richtigen Entscheidungen bei Ein- und Auswechslungen. Kovac wählt die passenden taktischen Formationen. Und Kovac findet die rechten Worte, um seine Spieler Woche für Woche einzuschwören. Vor der finalen Partie in Nürnberg sagt er: „Wir schaffen es, weil wir an uns glauben, weil wir bewiesen haben, dass wir in schwierigen Situationen unseren Mann stehen, dass wir dem Druck standhalten und dass wir Tore schießen können.“ Auch Kovac präsentiert sich nach dem 1:0 von Nürnberg in Siegerpose. Doch keiner freut sich so wie Bruchhagen an diesem magischen Abend – der Eintracht-Sternstunde 2016.

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