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Eintracht Frankfurt : Der nächste Anführer ist weg

Blickrichtung Italien: Kevin-Prince Boateng schließt sich dem US Sassuolo an. Bild: dpa

Kevin-Prince Boateng steht vor einem Wechsel nach Italien. Damit verlässt ein weiterer Führungsspieler den Verein. Ein weiterer Neuzugang kommt aus Spanien.

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          Sassuolo statt Frankfurt – für Kevin-Prince Boateng ist es zur Gewissheit geworden. Der 31 Jahre alte Fußballprofi liebt Italien – und weil er gemeinsam mit Frau und Kind seinen Lebensmittelpunkt ohnehin in Mailand sieht, hat er für sich die Akte Eintracht geschlossen. Das Frankfurter „Prinzen“-Jahr ist vorbei. Finale Unterschriften unter den entsprechenden Vertragsdokumenten stehen zwar noch aus. Doch Sportdirektor Bruno Hübner bestätigte am Dienstag, dass sich Boateng dem Serie-A-Klub Sassuolo Calcio anschließen wird, der in der abgelaufenen Saison Tabellenelfter wurde. „Er ist an uns mit dem Wunsch herangetreten, aus dem bestehenden Vertrag rauszukommen.“ Diesen Wunsch haben Hübner und Sportvorstand Fredi Bobic „respektiert“, wie der Sportdirektor sagte, und ihm auch deshalb zugestimmt, weil es schon bei Boatengs Transfer vor einem Jahr so abgesprochen worden sei.

          Ralf Weitbrecht
          Sportredakteur.

          „Eine große Ablösesumme wird nicht auf uns zukommen. Das war die Absprache, er ist ja damals ablösefrei zu uns gekommen“, sagte Hübner über den 31-Jährigen, der sich trotz eines laufenden Vertrags bei Las Palmas der Eintracht am Ende der sommerlichen Transferperiode angeschlossen hatte. „Und wenn sich ihm die Chance für etwas Neues bieten würde, würden wir ihn gehen lassen. Diese Absprache hatte es gegeben.“

          Erfolgreicher Abgang

          Die Eintracht ohne Boateng – das ist ein Verlust für die Mannschaft, die in den vergangenen Wochen ohnehin schon viel an Profil und Personen verloren hat. Lukas Hradecky, der Torwart, schloss sich aus sportlichen und finanziellen Erwägungen heraus mit Bayer 04 Leverkusen einem potenteren Bundesligaklub. Und auch Außenbahnspieler Marius Wolf und Mittelfeldmann Omar Mascarell stoßen bei Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 wirtschaftlich in andere Dimensionen vor. Zudem legte die Eintracht keinen Wert mehr darauf, mit Alexander Meier, dem Gesicht und der Figur der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte, in der Bundesliga zusammenzuarbeiten.

          Und nun also noch Boateng, der schon zwischen 2010 und 2013 im Trikot des AC Mailand zu den Stars der Serie A zählte und über den Hübner am Dienstag geradezu schwärmerisch sagte: „Er ist ein absoluter Leader und zu einer großen Persönlichkeit geworden. Er hat immer Topleistungen geliefert.“ Vor allem im Pokalfinale im Mai, als er beim 3:1 gegen den FC Bayern den Kollegen mit gutem Beispiel voran ging. Die Zeit bei der Eintracht habe Boateng auch dazu genutzt, „dass er Deutschland jetzt mit einem Erfolgserlebnis verlassen kann. Früher waren immer Misstöne dabei“. Mit Boateng gehe ein Anführer von Bord, „der selbst nicht gedacht hätte, dass es hier bei der Eintracht so gut laufen würde“, betonte Hübner: „Er kann auf ein saustarkes Jahr zurückblicken. Wir haben ihm viel zu verdanken.“

          Trainingslager in Übersee

          Die mit der Eintracht sympathisierenden Fußballfans, denen sich an diesem Mittwoch von 10 Uhr an die Gelegenheit bietet, einen ersten Blick auf die noch lange nicht vollständige Bundesligamannschaft der neuen Saison zu werfen, werden Boateng nicht zu sehen bekommen. Der offensive Mittelfeldspieler, in der vergangenen Spielzeit auch dank seiner sechs Tore einer der wirkungsvollsten Eintracht-Profis, war schon am Montag und Dienstag nicht dabei, als hinter verschlossenen Türen Leistungstests gemacht wurden, von denen sich der neue Trainer Adi Hütter Erkenntnisse für die Vorbereitung verspricht.

          Wenn alles nach Plan und den Vorstellungen der Frankfurter Strategen läuft, könnte bis zum Abflug in das Trainingslager am Samstag in die Vereinigten Staaten ein neuer Spanier zur Eintracht gestoßen sein. Sein Name: Lucas Torró. Derzeit ist der defensive Mittelfeldspieler noch für den spanischen Zweitligaklub CA Osasuna am Ball. Wie der Klub aus Pamplona verlauten ließ, macht sich die Eintracht eine vertraglich vereinbarte Ausstiegsklausel von 1,75 Millionen Euro zu eigen. Nachrichten, wonach 50 Prozent der Transferrechte bei Real Madrid liegen würden, dementierte Hübner. „Wenn er zu uns kommt, ist er zu 100 Prozent unser Spieler. Osasuna und Real klären vorab die Rechte ab.“

          Was passiert mit Rebic?

          Torró hatte sich 2012 den Königlichen von Real angeschlossen, den Sprung zu den Profis in die Primera Division aber nicht geschafft. Im vergangenen Sommer hatte sich Osasuna die Dienste des früheren U19-Nationalspielers gesichert. Dort kam Torró, der in Frankfurt die vakante Position von Mittelfeld-Abräumer Omar Mascarell übernehmen soll, auf 39 Pflichtspieleinsätze. Für Hübner gut zu wissen: „Er kann auch Innenverteidiger spielen. Wir sind in Verhandlungen und relativ optimistisch, dass er zu uns kommt.“

          Noch bei der Eintracht und vertraglich bis einschließlich 30. Juni 2021 gebunden ist Ante Rebic. Der zweifache Pokalfinal-Torschütze, der aktuell auch mit der kroatischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland überzeugt und seinen Marktwert weiter gesteigert hat, könnte gleichfalls in den Fokus finanzkräftiger Klubs geraten. „Das ist ein Unterschiedsspieler“, sagte Hübner. „Sein Stellenwert ist deutlich besser geworden, aber konkrete Anfragen gibt es nicht.“ Noch nicht.

          Vom einstigen Eintracht-Trainer Niko Kovac, der jetzt die sportlichen Geschicke beim Branchenprimus FC Bayern München in seine Hände genommen hat, bekam Hübner die Zusage, „dass er keinen Spieler von uns aktiv abwerben wird“. Gleichwohl weiß der Frankfurter Sportdirektor aber auch, dass ihm wirtschaftlich die Hände gebunden sind: „Uns fehlen einfach die finanziellen Mittel, um mitzuhalten. Wir müssen einen anderen Weg gehen und Spieler mit viel Phantasie an uns binden.“ Im Fall Boateng ist dies für eine Saison geglückt. Jetzt zieht er weiter. In die Kleinstadt Sassuolo. 188 Kilometer und gut zwei Autostunden von seinem Lebensmittelpunkt Mailand entfernt.

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