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Hradecky und Boateng : Mächtige Familienbande

  • -Aktualisiert am

Nur nicht verheben: Eintracht-Torwart Lukas Hradecky versucht sich an einem ganz großen Ball. Bild: Heiko Rhode

Heimweh und Vatergefühle führen Kevin-Prince Boateng nach Frankfurt. Im Falle von Lukas Hradecky, der seinen Vertrag nicht verlängert, schadet der familiäre Einfluss der Eintracht eher.

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          Fredi Bobic beteuerte am Donnerstag: „Ich freue mich auf den Saisonstart, jetzt macht das Leben wieder Sinn.“ Ein selbstironischer Hinweis darauf, dass er, der Profi, auch nicht besser ist als der gemeine Fan, für den ein Wochenende ohne Bundesligafußball kein richtiges Wochenende ist. Nicht einmal zwei wirkliche schlechte Nachrichten wenige Tage vor dem Auftaktspiel seiner Mannschaft beim SC Freiburg (Sonntag, 15.30 Uhr) haben dem Sportvorstand der Frankfurter Eintracht die Vorfreude nachhaltig verdorben. Zum einen lehnten Torwart Lukas Hradecky und sein beratender Vater Vladimir das nochmals verbesserte Vertragsangebot der Eintracht endgültig ab, zum anderen muss Mittelfeldspieler Marco Fabián sich nun doch einer Operation an der Lendenwirbelsäule unterziehen. Die konservative Behandlung in den vergangenen Wochen hat nicht die gewünschte Besserung hervorgerufen. Der 28 Jahre alte Mexikaner wird am kommenden Samstag in Houston/Texas vom Rückenspezialisten Dr. Michael Dittmar operiert, den Fabián schon länger kennt.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

          Falls der Eingriff ohne Komplikationen verläuft und sich kein schwerwiegenderer Befund ergibt als der vorliegende, rechnet Bobic mit einer Pause von drei Monaten für den offensiven Mittelfeldspieler. Das würde realistischerweise bedeuten, dass Fabián erst wieder in der Rückrunde in Bestform sein könnte. Die Eintracht hat auf die schmerzliche Entwicklung schnell reagiert und sich schon einen Ersatzmann ausgesucht. Kevin-Prince Boateng soll die Lücke schließen, und der gebürtige Berliner wird es auch, wenn es keine überraschende Wendung mehr gibt. Boateng und die Eintracht sind sich einig, der abgebende Verein UD Las Palmas hat ebenfalls einem Wechsel zugestimmt. Was den Transfer noch verhindern könnte, ist das Ergebnis des medizinischen Tests. Ein Knie des 30 Jahre alten Deutsch-Ghanaers ist vorgeschädigt, hat aber in der vergangenen Saison gut gehalten. In 28 Erstliga-Begegnungen erzielte der Stiefbruder des Bayern-Spielers Jérôme Boateng zehn Tore.

          „Er war phänomenal“

          Die Verbindung zwischen dem Offensivspieler und dem Klub von den Kanarischen Inseln schien eine glückliche zu sein. Erst im vergangenen Mai verlängerten die beiden Parteien ihre Vereinbarung bis 2020. Doch den Fußballprofi plagte in immer stärkerem Maße das Heimweh. „Ich vermisse einfach meine Familie, ich hätte nie erwartet, wie sehr ich sie vermisse“, sagte er am Mittwoch bei seiner Abschiedspressekonferenz auf Gran Canaria. Seine Frau und sein zweiter Sohn waren in Mailand geblieben, sein Sohn aus erster Ehe lebt in der Nähe von Düsseldorf. „Seit anderthalb Jahren habe ich meinen Sohn nicht mehr gesehen. Das ist schwer für einen Vater. Seit drei Wochen fragen mich meine Mitspieler, was hast du Prince. Ich spreche nicht viel über mich. Aber ich musste eingestehen, dass es mir nicht gutgeht.“

          Abschiedstränen: Kevin-Prince Boateng zeigt in Las Palmas Vatergefühle.
          Abschiedstränen: Kevin-Prince Boateng zeigt in Las Palmas Vatergefühle. : Bild: EPA

          Boateng informierte Präsident Miguel Ángel Ramírez von seinen Gedanken. „Er bat mich, alles zu überdenken, er hat keinen Druck auf mich ausgeübt. Er ist wie ein Vater für mich“, lobte Boateng die Reaktion seines Präsidenten. Sie einigten sich schließlich auf eine Trennung. Zunächst wollte Las Palmas eine Ablösesumme fordern. Doch nach Informationen dieser Zeitung bestand Boateng auf einen ablösefreien Wechsel, weil er nachweisen konnte, dass einige Inhalte seines frisch geschlossenen Kontraktes nicht eingehalten worden waren. Wie auch immer. Der Abschied in Las Palmas verlief harmonisch. Präsident Ramírez sagte: „Prince ist einer der größten Fußballer, die jemals unser Trikot getragen haben. Er war phänomenal.“

          „Auch unser letztes Angebot wurde zurückgewiesen“

          In Frankfurt bestätigte Bobic, dass die Vereinbarung mit Boateng schon ziemlich weit gediehen, aber noch nichts unterschrieben sei. „Kevin-Prince Boateng begibt sich jetzt auf den Weg nach Frankfurt. Wir freuen uns darauf und hoffen, dass wir die Sache sauber über die Bühne kriegen.“ Für Frankfurt sprechen nicht nur, dass er sich mit Sportvorstand Bobic und Trainer Niko Kovac seit den gemeinsamen Zeiten bei Hertha BSC gut versteht, sondern auch die geographische Lage und der Flughafen. Von Frankfurt nach Düsseldorf (zu seinem Sohn aus erster Ehe) ist es ein Katzensprung, und nach Mailand (zu seiner Familie) beträgt die Flugzeit keine Stunde. Im Fall von Lukas Hradecky wirkt die Familiensituation des Spielers eher negativ auf die Pläne der Eintracht. Dessen Vater Vladimir entpuppte sich in den Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung als härter und fordernder als der Sohn. Seit einem Dreivierteljahr verbessert die Eintracht immer wieder ihre Offerte. „Wir haben viel Herzblut hineingelegt und für unsere Verhältnisse ein Top-Top-Angebot gemacht“, sagte Bobic am Donnerstag und fügte an: „Aber auch unser letztes Angebot wurde zurückgewiesen.“

          Der Sportvorstand sprach von einem ganz normalen Vorgang, den die Eintracht mit aller Gelassenheit hinnehme. „Lukas wird mindestens noch ein Jahr für die Eintracht spielen und vielleicht verlängert er ja auch noch später in der Saison“, so Bobic. In den heutigen Zeiten bedeutet eine vorzeitige Vertragsverlängerung ohnehin nicht mehr, dass der Spieler länger bei einem Verein bleibt. Die Unterschrift bedeutet lediglich, dass die Ablösesumme steigt, weil der Spieler aus dem Vertrag herausgekauft werden muss. Hatte die Eintracht in den ersten Verhandlungsmonaten noch unwirsch auf das Zögern der Hradeckys reagiert, so begegnet sie jetzt den Verhandlungspartnern mit großem Verständnis. Was bleibt ihr auch anderes übrig? Sie sitzt am kürzeren Hebel. Eines wollte Bobic überraschenderweise am Donnerstag ausschließen: „Lukas wird den Verein nicht mehr in diesem Transferfenster verlassen.“ Es schließt am 1. September. Das kann eigentlich nur bedeuten, dass es schon eine Vereinbarung für die Saison 2018/19 gibt. Ansonsten müsste die Eintracht verrückt sein, wenn sie in der nächsten Woche eine zweistellige Millionen-Offerte von einem mit Geld gesegnetem Klub ausschlagen würde, der plötzlich einen guten Torhüter sucht.

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