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Eintracht Frankfurt : Reimann und Hamburg - eine Geschichte mit vielen Kapiteln

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Schafft Eintracht-Trainer Reimann binnen Jahresfrist das zweite Wunderstück? Bild: F.A.Z. - Foto Wonge Bergmann

Es war ein sonniger Sommertag im Juli 2003, als Willi Reimann im blauen Pressecontainer des VfL Pinneberg saß und es sich bei Kirschkuchen vom Blech und einer Tasse Kaffee richtig bequem machte.

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          Es war ein sonniger Sommertag im Juli 2003, als Willi Reimann im blauen Pressecontainer des VfL Pinneberg saß und es sich bei Kirschkuchen vom Blech und einer Tasse Kaffee richtig bequem machte. Er plauschte ein bißchen mit Jürgen Stars, einst in guten, alten gemeinsamen Zeiten beim Hamburger SV Ersatztorwart. Man frotzelte ein bißchen und schätzte sich doch, wie es im Norden so üblich ist. Die wenigen Reporter störten nicht weiter. Kurz: Reimann fühlte sich zu Hause, er fühlte sich richtig wohl.

          Die Eintracht hatte ihr Testspiel gegen den VfL Pinneberg, vierte Liga, nach einem langen, sandigen Trainingslager auf Sylt 4:0 gewonnen; die Pressekonferenz leitete Detlef Kebbe, seit zwanzig Jahren mit Reimann befreundet. Über ihn war die Partie zum Abschluß der Nordtour zustande gekommen. Reimann hatte den alten Kumpel und Manager des Oberligaklubs angerufen und den Zwischenstopp im nordwestlichen Hamburg verabredet.

          Reimann und die (Wahl-)Heimat - das ist eine Geschichte mit vielen Kapiteln. Immer wieder kommt der 54 Jahre alte Fußballehrer zurück nach Hamburg, wo er seine besten Zeiten als Spieler und Trainer erlebt hat. Er besitzt noch eine Immobilie in Norderstedt, und er mag auch diese norddeutsche Art der Konversation: nicht alles aussprechen, vieles nur andeuten. Manchmal nur mit einem Zucken des Mundwinkels oder einer gehobenen Braue. Seine nächste Dienstreise nach Hamburg wird nicht so gemütlich wie der laue Sommerkick in Pinneberg, sie entscheidet über Wohl und Wehe einer ganzen Saison: Nur wenn die Eintracht ihr Spiel am Samstag in der AOL-Arena beim HSV gewinnt, gibt es noch Chancen auf den Klassenverbleib.

          Es paßt irgendwie, daß solch eine Partie in Hamburg stattfindet. Manches Hoch und manches Tief hat der einstige Außenstürmer, geborener Westfale, hier erlebt. Als Profi waren es seine besten Jahre beim HSV. Vom Absteiger Hannover 96 im Jahr 1974 gekommen, schoß "Willi" in 175 Spielen 49 Tore.

          Sieben Spielzeiten trug er die Raute. Wer ins HSV-Museum geht, sieht den heutigen Eintracht-Coach dreimal in Jubelpose: als deutscher Pokalsieger 1976, als Europapokalsieger der Pokalsieger 1977 und - die Krönung - als deutscher Meister 1979. Auch für den Einstieg ins Trainergeschäft hatte sich Reimann mit 33 Jahren die Hansestadt ausgesucht: vier Jahre Altona 93, dann der FC St. Pauli. Es wurde ein Wechselspiel Schwarz-Weiß-Blau und Braun-Weiß, denn der damalige HSV-Manager Felix Magath, einst Reimanns Profikollege, kaufte ihn im November 1987 aus dem laufenden Vertrag beim Zweitligaklub St. Pauli. Ein ungeheurer Vorgang damals. Alle Schlagzeilen gehörten Reimann. Er war der große Mann bei St. Pauli und war dort in der Saison zuvor als Aufsteiger nur knapp am Durchmarsch in die Bundesliga gescheitert. Beim HSV dann trat er ein schweres Amt an. Denn sein HSV-Vorgänger Josip Skoblar hatte den Weltklub tief in den Keller geführt. Ausgerechnet Skoblar: An ihm war Reimann als junger Stürmer von Hannover 96 Anfang der siebziger Jahre nie vorbeigekommen. Nun also der HSV. Auf Rang sechs führte Reimann die Mannschaft um Thomas van Heesen und Uwe Bein, dann auf Platz vier. Das dritte Jahr war das verflixte - im Januar 1990 mußte Reimann gehen. Ihm folgte Gerd-Volker Schock.

          Reimann blieb der Hansestadt treu und wagte die Ochsentour durch die Amateurklassen: Er trainierte zwischen 1991 und 1995 den SC Norderstedt und den SV Lurup. Noch heute genießt er dort den allerbesten Ruf. Nachdem er wieder ins Profigeschäft zurückgekehrt war (der VfL Wolfsburg holte ihn im Oktober 1995 aus den Niederungen Hamburgs), auch noch einmal den FC St. Pauli: Dort stand er von 1999 an für die neue Anspruchslosigkeit der Millerntor-Elf, wie sich Zeitgenossen erinnern. Nur in der Liga bleiben, war sein Credo. Erlebnisfußball war unter Reimann nicht zu erwarten.

          Wortkarg und reserviert, immer etwas mißtrauisch und verquer ironisch, das war er in diesen dreizehn Monaten St. Pauli genauso wie davor auch beim HSV, sagen Hamburger Reporter. Aber man schätzte ihn wegen seiner Ehrlichkeit. Immerhin war er der Vater des Klassenverbleibs 1999. Kurz vor Ende der Saison 1999/2000 trat er zurück und überließ seinem Assistenten Dietmar Demuth das Ruder - St. Pauli rettete sich am letzten Spieltag.

          Diesmal kann Reimann die Aktion Rettung noch in verantwortlicher Position schaffen. Vielleicht fällt es ihm ein bißchen leichter, daß sie in der geliebten Stadt an Elbe und Alster gelingen könnte. Ein Plausch mit den alten Weggefährten dürfte allemal vorgesehen sein. Egal, wie das Spiel ausgeht.

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