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Eintracht Frankfurt : Die Eintracht ist sich selbst ein Rätsel

Zufrieden sieht anders aus: Trainer Thomas Schaaf und Torjäger Alexander Meier haben sich den Start in die Bundesliga-Rückrunde erfreulicher vorgestellt. Bild: Jan Huebner

Der glückliche Punktgewinn in Augsburg kann viele Schwächen des Teams nicht kaschieren: Keine Abwehr der Liga ist schlechter. Das belegt die Statistik eindeutig.

          3 Min.

          Natürlich kennt Thomas Schaaf die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Als er auf sie in den Katakomben der Augsburger Fußball-Arena angesprochen wird, huscht eine Art gequältes Lächeln über seine Lippen. „Ja, ja“, sagt der Trainer der Frankfurter Eintracht. „Ich weiß schon. Entweder schwarz oder weiß.“ Entweder gut oder schlecht. Entweder hopp oder top. Von derartigen Gegensätzen hatte Schaaf vor wenigen Tagen erst gesprochen. Als es galt, die rechten Worte vor dem bevorstehenden Auswärtsspiel beim FC Augsburg zu finden, nahm Schaaf sie in den Mund.

          Ralf Weitbrecht
          Sportredakteur.

          Freilich meinte er damit aber nicht seine Mannschaft, sondern die seines Kollegen Markus Weinzierl. „Die können nur entweder – oder“, hatte Schaaf über die Schwaben gesagt, die bis zum Aufeinandertreffen mit der Eintracht in der Bundesliga ihre Spiele zumeist gewonnen und weniger verloren haben – aber noch niemals unentschieden gestalten konnten. Das 2:2 dürfte alle Beteiligten eines Besseren belehrt haben, und bei Schaaf dürfte sich der Eindruck einer nach wie vor wankelmütigen Eintracht verfestigt haben.

          Partie gegen Augsburg ein Tiefpunkt

          Wie ist zu erklären, dass seine Mannschaft nach dem guten Auftritt gegen den VfL Wolfsburg in der darauffolgenden Partie in Augsburg in ein derart tiefes Loch fällt und eine erste Halbzeit spielt, die es in dieser Form in dieser Bundesligasaison so noch nicht gegeben hat?

          Selbst gestandene Eintracht-Größen wie die beiden Torschützen Alexander Meier und Stefan Aigner wussten keinen Rat. „Das kann man nicht erklären“, sagte Aigner, der mit seinem Anschlusstreffer Sekunden vor dem Halbzeitpfiff die Lebensgeister der Eintracht weckte. Selbst Heribert Bruchhagen, der alte Fahrensmann der Fußball-Bundesliga, fand den Auftritt „unerklärlich. Es ist schwer, diese neunzig Minuten zu erleben“, sagte der Vorstandschef der Eintracht.

          Zweite Halbzeit auch nicht viel besser

          Für Schaaf war die Sache klar. „Bei uns gibt es nicht nur schwarz oder weiß.“ Gut oder schlecht. Dr. Jekyll oder Mr. Hyde. „Bei uns sind auch Grautöne dazwischen.“ Damit hat der 53 Jahre alte Frankfurter Fußballlehrer zweifelsohne recht – und es sollte ihm zu denken geben. Denn die ersten 45 Minuten, in denen sich die Eintracht in einer bedenklichen mannschaftlichen Verfassung präsentierte, waren das bislang Schlechteste in zwanzig Saisonspielen.

          „Wir haben es dem Gegner viel zu leicht gemacht“, sagte Schaaf in seiner Analyse. Es war die Phase, in der seine Spieler nicht den Hauch einer Gefahr ausstrahlten und sich bei ihrem Schlussmann Kevin Trapp bedanken konnten, dass es nicht schon 0:3 oder 0:4 hieß. „Wir haben nicht gut gespielt“, sagte Aigner selbstkritisch. „In der ersten Halbzeit sowie nicht – und in der zweiten war es auch nicht viel besser.“

          Auch am Tag danach, als der erste Ärger über den wankelmütigen Auftritt in Augsburg verflogen war und die Eintracht-Profis beim sogenannten Auslauftraining versuchten, auf andere Gedanken zu kommen, wurde noch Ursachenforschung betrieben. Bastian Oczipka tat sich dabei besonders hervor, wusste freilich auch nicht in letzter Konsequenz mit plausiblen Erklärungen zu glänzen. „Das ärgert uns natürlich, was passiert ist“, sagte der Linksverteidiger im Gespräch mit dem Hessischen Rundfunk. „Wo die Ursache liegt, ist aber schwer zu sagen.“ Unbestritten ist: Die Eintracht hat eine veritable Verteidigungsmisere. 41 Gegentore, das ist der Spitzenwert der Liga – und nicht unbedingt das, was die Verantwortlichen im Sinne hatten, als sie vom „Tempel des Spektakels“ sprachen.

          Axel Hellmann, eines der beiden Vorstandsmitglieder der Eintracht Frankfurt Fußball AG, hatte diese Metapher gewählt, als zumeist reihenweise Tore fielen und es der Eintracht gelang, ihr Publikum in der heimischen Arena von den Sitzen zu reißen. In Augsburg waren es zunächst die Anhänger des FCA, die allen Grund hatten, sich von ihren Plätzen zu erheben. „Augsburg ist viel zu leicht durchgekommen und hatte viel zu viele Räume. Ji und Altintop haben gerade bei langen Pässen den Ball sehr gut gehalten“, analysierte Außenverteidiger Oczipka. „Wenn sie dann abprallen lassen und in die Gasse gespielt wird, wird es für die Abwehrkette schwer.“ Das habe der Rangvierte gut gemacht. „Oder wir schlecht.“

          Dass die Eintracht im ersten Spielabschnitt mächtig unter Druck geriet, sieht Oczipka auch und vor allem in der Spielidee begründet. „Wir wollen versuchen, das Spiel zu machen. Wir wollen vorne draufgehen und mehr eigenen Ballbesitz haben.“ Dies sei häufig der Grund dafür, dass es zu wilden Schlagabtauschen komme und sich so dem Gegner viele Chancen böten. Oczipkas Vorschlag, der einfach klingt, aber nicht immer umgesetzt wird: „Es gibt Phasen, in denen wir Ruhe in das Spiel bringen müssen. Da sollten wir nicht wie die Wahnsinnigen hin und her laufen.“ Mehr Ruhe, mehr Gelassenheit, mehr Überlegung: Der Entwicklungsprozess der im Sommer runderneuerten Eintracht ist noch lange nicht abgeschlossen. Schaaf und seine Mannschaft stehen vor weiteren herausfordernden Arbeitswochen.

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