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Eintracht-Fan über Zeit im KZ : „Wie kann ein Volk so dumm sein?“

Beschirmt und behütet: Helmut „Sonny“ Sonneberg mit Bekanntem nach dem Meisterschaftssieg der Eintracht, die 5:3 gegen den OFC gewonnen hatte Bild: Privat

„Ich konnte bis vor einem halben Jahr nicht darüber sprechen“, sagt Eintracht-Fan Helmut Sonneberg. Nun aber spricht er doch noch: über seine Zeit im KZ Theresienstadt.

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          Das Schwarzweißfoto zeigt ihn in einem Moment des Glücks. Helmut Sonneberg steht in einem Käfer, der Oberkörper ragt aus dem geöffneten Dach, in seiner linken Hand hält er einen Fußball, in der rechten einen Schirm, auf dem Kopf trägt er einen Zylinderhut und sein Lächeln breitet sich über das Gesicht aus. Das Bild stammt aus dem Jahr 1959 und zeigt „Sonny“, wie er genannt wird, nach dem Gewinn der Meisterschaft. 5:3 besiegte Eintracht Frankfurt den Lokalrivalen, die Offenbacher Kickers, nach Verlängerung. Ein Tag, den Sonneberg nicht vergessen wird, so wenig, wie die schreckliche Zeit zuvor.

          Tim Niendorf
          Politikredakteur.

          Im Eintracht-Frankfurt-Museum erzählte der Siebenundachtzigjährige am Dienstag erstmals öffentlich davon, wie er als Kind, nur wenige Monate vor Kriegsende, mit einem der letzten Züge nach Theresienstadt deportiert wurde. „Sonny“ landete in einem Konzentrationslager, von dem aus Juden weiter nach Auschwitz deportiert wurden – und damit in den Tod. Theresienstadt liegt in der Tschechischen Republik und lag damals auf erobertem Gebiet. Auf einer Fläche, die für 7000 Menschen ausgelegt war, sollen 1942 gleichzeitig 58.000 Menschen gelebt haben, jedem Häftling blieben damit im Durchschnitt zwei Quadratmeter.

          Das gleißende Licht

          „Ich konnte bis vor einem halben Jahr nicht darüber sprechen“, sagt Sonneberg. Nun aber spricht er doch noch, und zwar im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Frankfurt – Theresienstadt – Eine Spurensuche“. Und so erzählt Sonneberg von seiner Ankunft in Theresienstadt, schildert seine ersten Eindrücke, das gleißende Licht, die aufstampfenden Stiefel, die Pfeifen, das Hundegebell; all das hat sich in seine Seele eingebrannt. Arbeits-Transport, hatte es geheißen, als sie ihn und seine Mutter in den Zug steckten. Erst 13 Jahre war er damals alt; und habe sich gedacht: Was soll ich denn arbeiten?

          „Sonny“ Sonneberg in seinem Wohnzimmer, aufgenommen 2010
          „Sonny“ Sonneberg in seinem Wohnzimmer, aufgenommen 2010 : Bild: Frank Röth

          Schon in Frankfurt hatte er das Gebaren der Nationalsozialisten ertragen müssen und durfte nicht mehr in die Schule gehen. „Du konntest nicht frei atmen“, sagt er. Gegenüber seiner Frankfurter Wohnung sei ein Heim der Hitlerjugend gewesen, von dort aus habe er immer wieder Gesangsfetzen vernommen wie jenen, in dem es hieß: „Das Judenblut vom Messer spritzt.“ Seine Mutter habe ihn da noch zu beruhigen versucht: „Uns können die nichts anhaben, uns können die nichts“, erinnert sich Sonneberg an ihre Worte – „Konnten sie doch!“, sagt er rückblickend.

          Auf 27 Kilo abgemagert

          Das fing an mit Jungen, die ihn bespuckten und schlugen; es endete im Konzentrationslager Theresienstadt, in dem mehr als 30.000 Menschen starben und von dem aus etwa 90.000 weitergeschickt und später in Vernichtungslagern umgebracht wurden. Weniger als 20.000 Häftlinge überlebten in Theresienstadt, einer war „Sonny“, abgemagert auf 27 Kilo.

          „Das Tausendjährige Reich war ja Gott sei Dank nach zwölf Jahren am Arsch“, sagt er, aber er sagt auch: „Wie kann ein Volk so dumm sein? Das frage ich mich bis heute.“ Nach Kriegsende zog er wieder nach Frankfurt und blieb seinem Verein, der Eintracht treu, als Fan und Spieler der dritten Mannschaft. Auf Bildern aus den fünfziger Jahren ist er häufig zu sehen, wie auf jenem nach dem Triumph von 1959.

          Aufgrund der SS-Vergangenheit des ehemaligen Präsidenten Rudolf Gramlich trat Sonneberg aber aus dem Verein aus. Die Verbrechen der Nationalsozialisten, sagt er nun, sie sollen nicht vergessen – vor allem aber nicht geleugnet werden: „Wenn sich heute jemand da hinstellt und sagt, das habe es nicht gegeben – der soll sich mal mit mir unterhalten. Dem würd’ ich in die Fresse schlagen.“ Dabei sei er sonst ein Pazifist.

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