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Tiefpunkt beim VC Wiesbaden : Volleyball als Zeitvergeudung?

  • -Aktualisiert am

Hände hoch: Tanja Großer und Selma Hetmann können das Team anführen Bild: Imago

Der VC Wiesbaden erlebt einen niederschmetternden Rückrundenstart. Nach der Pleite gegen Straubing droht den Volleyball-Frauen zum ersten Mal der Abstieg aus der Bundesliga.

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          Die Fans des VC Wiesbaden gelten als geduldig und treu. Schon manches Tal haben sie gemeinsam mit den Bundesliga-Volleyballspielerinnen durchschritten und ihnen den Rücken gestärkt. Doch am Mittwochabend war die Stimmung umgeschlagen, herrschte bisweilen lähmende Stille in der Halle am Platz der Deutschen Einheit. Auf den Rängen häuften sich Bemerkungen wie jene, dass das Zuschauen bei den Auftritten der Hessinnen „vergeudete Zeit“ sei und die Spielerinnen sich nicht mal richtig anstrengten, um die 1:3-Niederlage gegen Straubing zu vermeiden.

          Christopher Fetting hat das nicht überhört. Der Geschäftsführer des VCW versuchte in dieser ungewohnten Situation, das zu tun, was er in schwierigen Lagen immer tut: Fans wie Sponsoren zu beschwichtigen und zu erklären, dass das junge Team in einem Prozess stecke. Dabei musste der Manager seine Enttäuschung über den erschreckend schwachen Rückrundenstart unterdrücken und die Wut darüber, dass „die Mädels nicht gezeigt haben, dass sie Volleyball spielen können“.

          Durch die vielen Schwächen im eigenen Spiel rangiert der VCW als Tabellenneunter mittlerweile fünf Punkte hinter dem letzten Play-off-Platz und nur noch drei vor dem Abstiegsrang. Dabei hatte Cheftrainer Christian Sossenheimer, der im vergangenen April an die Stelle des kurzfristig entlassenen Dirk Groß gerückt war, als Ziel ausgegeben, die Qualifikation für das Viertelfinale diesmal schneller klarmachen zu wollen. Jetzt ist man meilenweit davon entfernt, das in der vergangenen Saison mühsam Erreichte zu wiederholen. Mannschaftskapitänin Selma Hetmann hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. „Es ist ja nicht so, dass es nur noch zwei oder drei Spiele sind“, begründet sie ihren zumindest öffentlich vorgetragenen Optimismus. Aber selbst Fetting – und nicht nur er – räumt ein, dass in dieser Woche der Glaube an ein positives Ende der Hauptrunde erheblich geschrumpft sei.

          Mehr als immer wieder mit den Spielerinnen zu reden, sie auf ihre Fehler hinzuweisen, sie zu motivieren und aufzubauen, ist nicht möglich. Aus wirtschaftlichen Gründen. Der VCW tut sich schon schwer, einen Etat von 1,4 Millionen Euro zu stemmen, für die Volleyball-Bundesliga ein sehr begrenzter Rahmen. Da ist kein Spielraum mehr für eine Investition. Zudem sagt Fetting: „Selbst wenn wir uns auf die Suche nach einer Teamleaderin begeben würden, müsste sie sich erst in die Mannschaft hineinfinden.“

          Dass eine Führungspersönlichkeit fehlt, darüber sind sich alle beim VCW einig. Im Sommer, als der Kader durch sieben neue Spielerinnen ergänzt wurde, war man sich sicher gewesen, dass eine von ihnen die Verantwortung übernehmen würde. Zur Mannschaftskapitänin wurde Hetmann bestimmt – weil sie bereits seit 2017 in Diensten des VCW steht und Deutsch spricht. Die Mittelblockerin sieht sich zwar als eine, „die gut Power geben kann. Aber ich bin nicht immer auf dem Court, da ist es schwer, die anderen dauerhaft mitzureißen.“ Tanja Großer steht seit 2012 beim VCW unter Vertrag und ist die Topscorerin des Teams – allerdings zu ruhig und introvertiert, um andere anzuleiten oder anzustacheln. Hetmann könnte sich Lena Vedder in der wichtigen Führungsrolle vorstellen. Aber die Außenangreiferin, die bei ihrem früheren Klub USC Münster viel Verantwortung übernommen hatte und dabei überzeugte, war lange verletzt und muss erst zu alter Stärke finden.

          Für Fetting gibt es viele Gründe für die spielerische Krise. Das Mentale gehöre dazu, vor allem wenn es gegen Teams geht, die zu schlagen als Pflicht angesehen wird. Doch einen Mentaltrainer „haben wir schon an Bord“, sagt Sossenheimer. Somit sei auch das keine Schraube, an der man drehen könnte. Der Trainer weiß sich und seiner Mannschaft kaum mehr zu helfen. In den beiden Wochen vor dem Jahresauftakt wurden im Training intensiv Aufschläge geübt. Davon war, als es ernst wurde, nichts zu erkennen. „Ich habe keine Ahnung, woran das lag“, sagt Sossenheimer, für den es die erste Spielzeit im Chefsessel ist.

          Die Trainerfrage stellt sich Fetting jedoch nicht. „Wir haben das hier im Sommer als Gemeinschaftsprojekt angefangen und werden das auch zusammen zu Ende führen.“ Die Zukunft des Projektes Bun sieht der Geschäftsführer noch nicht gefährdet. Zwar erschwere der Mangel an Erfolgen das Werben um neue Sponsoren. Aber er gehe davon aus, dass die bisherigen Partner dem VCW in der nächsten Saison eine neue Chance geben. Mit einem Abstieg rechnet Fetting nicht. Bleiben die Fans, die davon überzeugt werden müssen, dass es keine Zeitverschwendung ist, dem VCW zuzuschauen.

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