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Darmstadt 98 und Grammozis : Kein Vertrauen, keine Dankbarkeit

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„Der Verein hat sich zu diesem Weg entschlossen, was in Ordnung ist und ich zu akzeptieren habe“: Dimitrios Grammozis Bild: dpa

Der Vertrag von Dimitrios Grammozis bei Darmstadt 98 wird nicht verlängert. Nun erklären der Trainer und der Klub, warum ihre Beziehung nach dieser Saison enden soll. Die Suche nach einem Nachfolger beginnt.

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          Nein, der SV Darmstadt 98 ist kein Hauptstadtklub. Was auch sein Gutes hat. Anders als bei Hertha BSC und Jürgen Klinsmann wird nach der Trennung von Verein und Trainer kein Porzellan zerschlagen. Am Tag nach der Entscheidung, die Zusammenarbeit mit Saisonschluss zu beenden, wurden aber noch einmal die unterschiedlichen Auffassungen deutlich: Hier der scheidende Cheftrainer Dimitrios Grammozis, ein junger, ehrgeiziger Trainer, der bei seiner Pressekonferenz seine gute sportliche Bilanz während seines ziemlich genau zwölfmonatigen Wirkens am Böllenfalltor anführte.

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          Der es satthatte, mit einem nur noch bis Ende Juni befristeten Vertrages auf Bewährung zu arbeiten und seine Autorität und Karrierechancen darunter erodieren sah. Auf der anderen Seite der SVD, der kaufmännische Zwänge (Stichwort Stadionumbau) nannte. Der ein Angebot zur Vertragsverlängerung um ein Jahr nicht als fehlende Rückendeckung, sondern gerade als Vertrauensbeweis verstanden sehen wollte. Der von Grammozis ein bisschen mehr Dankbarkeit erwartet hätte dafür, dass man ihn im Februar 2019 aus dem Jugendbereich des VfL Bochum auslöste und eine erste Profistation anvertraute.

          Die „Lilien“-Offiziellen argumentieren, dass der neue Kontrakt bis Juni 2021 ein insgesamt zweieinhalbjähriges Engagement am Böllenfalltor vertraglich festgehalten hätte – eine im Profifußball nicht unerheblich lange Zeit. Zudem habe man Grammozis signalisiert, dass bei einem guten Start in die Zweitligaspielzeit 2020/21 schon im Laufe der Hinrunde eine weitere Vertragsverlängerung möglich sei. Die Darmstädter meinten offensichtlich, dass sie sich abkoppeln könnten von den Gepflogenheiten der Branche, wo sich Gewicht und Standing eines Cheftrainers auch an der Vertragsdauer misst, also am verbrieften Vertrauensvorschuss.

          Grammozis wollte dies nicht. „Ich arbeite sehr gerne bei den ,Lilien‘ und hatte das Gefühl, dass wir hier gemeinsam hätten etwas aufbauen und entwickeln können. Ich hatte aber auch das Gefühl, dass der Zeitpunkt gekommen ist, mich zu positionieren“, sagte er am Donnerstag. Ruhig im Ton und ohne Zeichen von emotionaler Aufgewühltheit fuhr er fort: „Enttäuschung und Wut gibt es nicht.“ Der ehemalige Erstligaprofi wirkte selbstsicher, wie im Bewusstsein (oder schon Wissen), dass er sich einen Namen gemacht und sich anderswo schon ein Anschlussengagement von Sommer an ergeben wird. Aber auch darauf erpicht, in der Rolle des Opfers eines in seinen Augen befremdlichen Gebarens des Klubs wahrgenommen zu werden. „Der Verein hat sich zu diesem Weg entschlossen, was in Ordnung ist und ich zu akzeptieren habe. Was aber nicht mein Weg ist“, sagte Grammozis.

          Fakt ist, dass die „Lilien“ zugelassen haben, dass sich ihr junger Trainer nie voll akzeptiert fühlen konnte. Noch in den ersten Wochen nach der Winterpause habe man nicht absehen können, wie sich die Saison sportlich entwickeln wird, heißt es bei den Offiziellen. Nur, was haben sie erwartet? Dass Grammozis die „Lilien“-Welt sportlich sofort aus den Angeln hebt? Dass er mit einem durchschnittlichen Kader das schwere Erbe der Schuster-Zeit im Nu zu Gold macht? Sicher ist Grammozis kein Wundertrainer, und die Zuschauer am Böllenfalltor haben auch unter ihm häufig schwere Fußballkost erdulden müssen.

          Doch in der Summe war Fortschritt erkennbar. Erst in der vergangenen Woche, als man sich von den drängenden Abstiegssorgen befreit wähnte, hatte die Vereinsführung genug gesehen und das Vertragsangebot vorgelegt. Das war zu spät, um von Grammozis noch mit Wohlwollen in Empfang genommen zu werden, zumal es mit der kurzen Laufzeit einen „Pferdefuß“ hatte. Der Trainer behauptete am Donnerstag, dass die Verhandlungen gar nicht bis zum Finanziellen vorgedrungen seien. Im Klub widerspricht man dieser Version. Dass Grammozis die Saison auf jeden Fall zu Ende führen wird, wie am Mittwoch gesagt wurde, gilt intern als noch nicht ausgemacht.

          Mit der saisonübergreifend guten Bilanz von 13 Siegen, 13 Remis und 8 Niederlagen steht der Trainer im Moment der Scheidung jedenfalls auf dem sportlichen Gipfel seiner Darmstädter Zeit. Die Spieler, die an diesem Samstag (13.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur 2. Bundesliga und bei Sky) daheim gegen den 1. FC Heidenheim antreten, hätten „komisch geschaut“ und seien „nicht glücklich“ gewesen, als er sie über seinen baldigen Abgang informiert hatte, erzählt Grammozis. Die Suche nach einem Nachfolger, heißt es bei den „Lilien“, solle nun zügig beginnen und abgeschlossen werden. Und wie aus der Vereinsführung zu hören war, seien bei einer Neuanstellung auch längerfristige Kontrakte über ein Jahr hinaus möglich.

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