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SV Darmstadt 98 : Darmstädter Problemzonen

  • -Aktualisiert am

Permanenter Verbesserer: Norbert Meier sieht sich und die „Lilien“ in einem langen Prozess. Bild: Imago

Mangelnde defensive Stabilität, Schwächen bei der Kreativität und Durchschlagskraft, Hellers Leistungstief – bei den „Lilien“ gibt es vor dem Spiel gegen Ingolstadt viel zu tun.

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          Am Montagabend war die gesamte Mannschaft des SV Darmstadt 98 im Kino. Zu sehen war eine romantische Schnulze mit melodramatischen Zügen, gepaart mit emotional aufgeladener Action. „90 Minuten 98“ heißt der von „Lilien“-Fans produzierte und via Crowdfunding (38000 Euro) finanzierte Film, in dem die wundersame Aufstiegsgeschichte des kleinen Klubs bis in die Beletage des deutschen Fußballs liebevoll aufgearbeitet worden ist. Für die seit Drittligazeiten in Darmstadt verbliebenen Profis waren Gänsehautmomente dabei, für die insgesamt 14 Neuzugänge vor dieser Saison war es Anschauungsunterricht, auf welchen Werten die Erfolgsgeschichte ihres Arbeitgebers basiert. Und dass es trotz des in dieser Saison eingekehrten Alltags nach drei Jahren voller Wunder und Party weiter auf Bewährtes ankommen wird.

          „Mit taktischen Dingen können wir auch etwas bewegen. Es wird aber noch mehr darauf ankommen, dass wir als Einheit auftreten und in Sachen Mentalität nicht nachlassen. Das ist nicht immer einfach, wenn man in jedem Spiel an seine Leistungsgrenze gehen muss, aber Grundvoraussetzung für uns“, sagt Trainer Norbert Meier. Bei den Südhessen ist man nach zehn Spieltagen und acht errungenen Zählern in der Bewertung der Gesamtsituation etwas hin und her gerissen. Meier sagt es so: „Wir sind konkurrenzfähig, das haben wir bewiesen. Und es ist auch eine Entwicklung zu sehen. Aber das eine oder andere Pünktchen mehr täte uns gut.“ Klar, es hätte nach dem an Rückschlägen reichen sommerlichen Prozess, mit neuen sportlich Verantwortlichen und kleinen Mitteln ein erstligataugliches SVD-Team neu zu formieren, schlimmer kommen können. Und doch haben die „Lilien“ nach etwas weniger als einem Drittel der Spielzeit Problemzonen offenbart, die es im Kampf um den Klassenverbleib tunlichst zu beseitigen gilt.

          Mangelnde Kreativität und Durchschlagskraft

          Da wäre im Besonderen: die mangelnde defensive Stabilität – 20 Gegentore macht im Schnitt bislang 2,0 je Partie. Weil die Darmstädter mit ihrem Personal und Spielstil nie zu den offensivstärksten Teams der Liga zählen werden (1,0 Torerfolg je Spiel bisher), ist die Rückkehr zur Abwehrstärke der Vorsaison dringend geboten. Kapitän Aytac Sulu hat zwar die ersten fünf Saisonspiele gefehlt, doch auch in den fünf Matches mit dem SVD-Vorkämpfer in der Innenverteidigung kassierten die „Lilien“ zehn Gegentreffer. Kopfzerbrechen bereitet Coach Meier nach wie vor die Position der Linksverteidigerposition. Fabian Holland hat häufig so seine Schwierigkeiten mit dem Tempo in der Bundesliga, und die 20 Jahre alte Bremer Leihgabe Leon Guwara macht gute Eindrücke zu regelmäßig mit groben Schnitzern zunichte.

          Weil die in der Vorsaison noch so gefährlichen und von der Konkurrenz eminent gefürchteten Standardsituationen der Darmstädter nicht mehr so recht zünden, fällt der Mangel an Kreativität und Durchschlagskraft aus dem Spiel heraus über weite Strecken der Partien auf. Das liegt vor allem an der offensiven Mittelfeldreihe im südhessischen 4-2-3-1-System. Jene Profis – Heller, Bezjak, Kleinheisler und Ben-Hatira –, die auf jenen drei Positionen bislang die meiste Spielzeit bekamen, vermochten allesamt nicht zu überzeugen. Symbolhaft steht da die persönlich missratene Saison von Marcel Heller. Dringend benötigt als Stütze und Konstante im „Lilien“-Spiel, steckt der Flügelflitzer im Leistungstief (null Tore). Bezeichnend, wie hoch innerhalb der Mannschaft Hellers Wert gesehen wird: Als dem 30-Jährigen unlängst in Leverkusen nach einem beherzten Flankenlauf seine erste Torvorlage gelang, stürmten die Kollegen zum Jubeln zu Heller und nicht etwa zum Torschützen Antonio Colak.

          Was passieren muss um die Klasse zu halten

          Änis Ben-Hatira – ein (Freistoß-)Tor, null Torvorlagen – ist bislang ebenso wenig in Schwung gekommen wie der teuerste Neuzugang der Vereinsgeschichte Roman Bezjak (null Tore, null Torvorlagen). Über Lazlo Kleinheisler (ein Tor, eine Torvorlage) sagt Coach Meier: „Der kleine Rote brennt immer.“ Doch auch dem Cheftrainer ist nicht verborgen geblieben, dass der Ungar seine Einsatzfreude noch zu selten mit stringenten Offensivaktionen verbindet. Viel spricht dafür, dass beim „richtungweisenden“ (Meier) Heimspiel gegen Ingolstadt an diesem Samstag mal wieder der technisch versierte Mario Vrancic eine Chance im zentralen offensiven Mittelfeld erhält. „Mario macht einen guten Eindruck und hängt sich voll rein.“ Der dauerverletzte Jan Rosenthal ist noch keine Alternative.

          Grundsätzlich müssen die „Lilien“ ihre Auswärtsbilanz (null Punkte, 3:14 Tore) frisieren, um eine Chance auf das Klassenziel zu haben. „Wir sind permanent dabei, die Dinge zu verbessern. Bei 14 neuen Spielern ist es ein fortlaufender Prozess, Mechanismen und Automatismen einzuschleifen“, sagt Meier. Auch die Stimmung im Umfeld und bei den Fans, im Vorjahr häufig noch ein wichtiger Zündfunken für die Profis, ist naturgemäß nicht mehr von purer Begeisterung geprägt. Auch intern gilt es für langgediente „Lilien“-Profis Kritikfähigkeit neu zu erlernen. Trainer Meier hat nach der 2:3-Niederlage in Leverkusen auch öffentlich deutliche Kritik an seinen Spielern geäußert. Das hat es in den Jahren des wundersamen Aufschwungs, von denen der Film „90 Minuten 98“ vorrangig handelt, nicht gegeben.

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