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SV Darmstadt 98 : Das Mysterium um Marvin Mehlem

  • -Aktualisiert am

„Ich bin sehr selbstkritisch“: Marvin Mehlem Bild: Picture-Alliance

Er soll bei Darmstadt 98 den Unterschied machen. Er soll herausstechen aus dem in der zweiten Bundesliga verbreiteten spielerischen Grau. Das alles kann Marvin Mehlem. Und doch gibt es ein Problem.

          3 Min.

          Er soll den Unterschied machen. Er soll herausstechen aus dem in der zweiten Liga verbreiteten spielerischen Grau. Er soll fußballerisch Funken sprühen lassen bei seinen Vorstößen. Weil er es kann. Das hat Marvin Mehlem schon einige Male bewiesen im Trikot des SV Darmstadt 98. Nur haftet seinem Spiel ein schmaler Grat an, der das Publikum mal begeistert mit der Zunge schnalzen und mal entsetzt aufstöhnen lässt. Zuletzt überwogen die Misstöne auf den Tribünen, wenn Mehlem mal wieder das Besondere versuchte und wieder einen leichten Ballverlust produzierte.

          2. Bundesliga

          Der 22-Jährige ist ein Spieler, an dem sich Geister scheiden. Man schaut ihm gerne zu, wenn er in guten Momenten, Haken schlagend durch die Reihen wuselt, Räume öffnet und zentimetergenaue Pässe durch die Schlupflöcher der gegnerischen Abwehr zu spielen vermag. In der von taktischer Disziplin und unerbittlicher Verteidigung geprägten zweiten Liga haftet seinen Aktionen mitunter etwas Freigeistiges, Anarchisches an. Cheftrainer Dimitrios Grammozis ist der Meinung, dass die „Lilien“ in ihrem Kollektiv einen Spieler wie Mehlem aushalten können müssen. Dafür spricht vieles. Nur strapaziert Mehlem mit den Leistungslöchern, in die er oft hineinplumpst, die Nerven von Mitspielern, Trainer und Zuschauern.

          Mehlems Mangel an Konstanz ist frappierend. Nach der starken Rückrunde im Vorjahr brachte er es in den ersten zwölf Partien 2019/20 nur auf eine Torvorbereitung. Aktuell steht er bei vier Vorlagen für Treffer, was angesichts von seiner Spielzeit und Position nicht berauschend ist. Ein Torerfolg ist ihm trotz mancher sehr guter Einschussgelegenheit noch gar nicht geglückt. Nur die Hoffnung zu haben, dass dessen nächster Pass oder Lauf für die Darmstädter Offensive schon zündenden Charakter haben wird, ist auf Dauer zu wenig. Ins Risiko zu gehen mit seinen Pässen und Dribblings ist etwas, was Grammozis neben mehr Torgefahr explizit von ihm fordert. Nur wenn die Erfolgsquote von Mehlems Aktionen nicht wieder steigt, macht er sich angreifbar. Warum er sein großes Potential so oft brach liegen lässt, ist das Mehlem-Mysterium, auf das weder er selbst noch die „Lilien“ eine Antwort haben.

          „Marvin ist ein Spieler, von dem erwartet wird, dass bei jedem Ballkontakt etwas Spezielles rauskommt. Deshalb sieht man ihn meiner Meinung nach auch etwas kritischer als andere. Er hat sicher im Moment nicht seine Topform, das ist auch ihm klar. Aber er macht auch viele Sachen, die wichtig für die Mannschaft sind, zum Beispiel im Gegenpressing, die dann nicht so gesehen werden“, sagt Grammozis.

          Für den Deutschgriechen sind Kreativspieler wie Mehlem eine unbedingt schützenswerte Gattung Profispieler. „Ich bin sehr selbstkritisch und oft auch mit meiner Leistung unzufrieden, aber bei der Bewertung sollte man immer auch die Kirche im Dorf lassen“, sagt Mehlem. „Vielleicht habe ich mir durch die Vertragsverlängerung und die vergangene Rückrunde mehr Druck gemacht, sicherlich haben sich auch die Gegner anders auf mich eingestellt.“ Dass er im Sommer seinen Kontrakt vorzeitig bis Juli 2022 ausweitete, betrachteten sie in Darmstadt als besonders wichtige Personalie. Mehlems Geniestreiche mit seinen zwei Toren beim 3:2-Sieg beim Hamburger SV im März wirkten damals lange nach – und legten die Messlatte dafür, was dieser 1,74 Meter kleine Wirbelwind zu leisten imstande ist, hoch.

          Grammozis hat in dieser Saison bislang als Schutzpatron für den Badener gewirkt, hat ihm quasi immer einen Startelf-Platz reserviert. Auch wenn er es einmal auch mit öffentlichem Druck auf den Dribbler mit dem Lausbubengesicht versuchte. „Wer alles kann, muss alles zeigen“, sagte Grammozis über Mehlem. Zwar profitierte der Profi auch oft davon, dass sich die teaminterne Konkurrenz auf den drei offensiven Mittelfeldpositionen des SVD nicht sonderlich aufdrängte, ihn zu verdrängen. Aber die Fürsprache von Grammozis für die leichtgewichtige Offensivkraft (67 Kilogramm) ist auffällig.

          An diesem Sonntag (13.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur 2. Fußball-Bundesliga und bei Sky) im Heimspiel gegen den SV Sandhausen, bei dem den Darmstädtern der Schritt ins Tabellenmittelfeld winkt, droht Mehlem aber die Ersatzbank. Als der gebürtige Karlsruher am vergangenen Spieltag gelbgesperrt fehlte, legten die Kameraden beim 3:2-Erfolg in Dresden offensiv einen überzeugenden Auftritt hin. „Marvin Mehlem hat im Training Gas gegeben und will zurück ins Team, aber die Offensivspieler haben es in Dresden sehr gut gemacht“, so Grammozis. Mit Seung-ho Paik und Tobias Kempe duelliert sich Mehlem um seine favorisierte Zehner-Position. Auf dem Flügel fühlt er sich durch die Außenlinie in seiner Kreativität eingegrenzt.

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