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Darmstadts Kempe : Der Fachmann für den ruhenden Ball

  • -Aktualisiert am

Tobias Kempe war der Mann des Spiels bei Darmstadt 98: Victor Palsson gratuliert Bild: dpa

Taktisch zeigt sich Darmstadt 98 unter Trainer Anfang stark verbessert. Aber Tore erzielen die Lilien weiter durch Standardsituationen. Dabei sorgt Tobias Kempe mit Wucht, Timing und Effet für Erfolg.

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          Es ist das „Lilien“-Paradox dieser Saison bisher: Nun gehören sie zu den spielerisch besten Mannschaften der zweiten Liga, die taktische Reform-Kur von Cheftrainer Markus Anfang wirkt offensichtlich. Aber seine Tore erzielt der SV Darmstadt 98 vorwiegend so wie in überwunden geglaubten Zeiten – per Standardsituationen. Freistöße und Eckbälle waren einst im Rahmen des jahrelang leidenschaftlich praktizierten Außenseiterfußballs ein bevorzugtes Mittel für Torerfolge.

          Seit Anfangs Amtsantritt ist am Böllenfalltor eher von der offensiven 4-1-4-1-Grundformation die Rede, von exakt komponierter Spieleröffnung oder spielerischen Lösungswegen in der Offensive, doch die Darmstädter Treffer fallen nicht nach kollektiv beschleunigten, sondern nach ruhenden Bällen. Sieben der bisherigen zwölf Saisontreffer entstanden so.

          Damals wie heute tritt diese Standardsituationen der dienstälteste Profi im SVD-Kader: Tobias Kempe. Dessen Gefühl in den Füßen, was Wucht, Timing und Effet bei Freistößen und Eckbällen angeht, wusste schon der einstige „Lilien„-Recke Aytac Sulu zu schätzen, der so manchen Kempe-Flugball per Kopf zu verwandeln wusste. Am Sonntag beim furiosen 4:3-Erfolg im Match im Karlsruher Wildparkstadion waren in der zweiten Halbzeit Victor Palsson und Serdar Dursun die dankbaren Abnehmer Kempe’scher Eckball- und Freistoßflankenkunst, mit denen ein zwischenzeitlicher 1:2-Rückstand in eine 3:2-Führung verwandelt werden konnte.

          Dass die Dienstfahrt nach Baden als vorläufiges Meisterstück des 31-Jährigen in Erinnerung bleiben wird, liegt daran, dass Kempe seine beiden Torvorlagen noch mit zwei eigenen Treffern einrahmte – inklusive eines verwandelten Handelfmeters in der Nachspielzeit. Vier Torbeteiligungen von Kempe waren am Ende auch für die drei Mal erfolgreichen Karlsruher zu viel. „Hut ab vor der Mannschaft, wie einer für den anderen gekämpft hat. Das ist einfach eine geile Truppe“, sagte Kempe. „Dass wir gut Fußball spielen können, hat jetzt jeder gesehen, aber nun waren wir auch effektiv.“

          Die „Lilien“ hatten sich zuvor vom Schicksal ungerecht behandelt gefühlt, dass trotz spielerischer Überlegenheit in jeder Partie die Punkte eher nur aufs Konto tröpfelten. Der zweite Saisonsieg hat die Südhessen nun in der Tabelle in eine Position gebracht, dass die oberen Ränge nun in Reichweite sind. Woran Kempe nicht nur aufgrund seines Karlsruher Glanztages großen Anteil hat. Mit sieben Torvorlagen nach sechs Spieltagen führt er dieses Liga-Ranking mit großem Vorsprung an, in der Scorerliste ist er mit dem HSV-Schützenkönig Simon Terodde gleichauf. Seinen Wert hat der gebürtige Weseler, der, abgesehen von einem Zwischenjahr 2016/17 beim 1. FC Nürnberg, seit 2014 für die „Lilien“ am Ball ist, auch in den vergangenen drei Zweitligajahren bewiesen. Mit seither 30 Treffern und 20 Torvorlagen ist Kempe die offensive Konstante schlechthin im SVD-Kader nach dem Bundesliga-Abstieg.

          Trainer Anfang weiß, was er an Kempe hat und wie gut ihm die zentrale Rolle in der offensiven Mittelfeldreihe hinter Angreifer Dursun tut. Sein Vorgänger Dimitrios Grammozis hatte den Offensivmann zum Entsetzen vieler Fans voriges Jahr wochenlang auf die Tribüne verbannt. Zu langsam sei er und damit auf den Außenpositionen, auf die er in Darmstadt oft gestellt worden ist, nicht ausreichend funktionstüchtig. Gut möglich, dass die Erfahrung der unerwarteten Degradierung samt des anschließenden Sichzurückkämpfens aus Kempe nochmal einen besseren Fußballspieler gemacht hat. Der für die nunmehr nach viel Ballbesitz strebenden „Lilien“ mit seiner Erfahrung, Technik und Übersicht unverzichtbar geworden ist. Der Familienvater verfügt über diese notwendige Ruhe am Ball, die es ihm ermöglicht, auch in den zweitligatypisch verdichteten Räumen Auswege zu finden. Und erst recht, wenn Kempe sich den Ball für Eckbälle und Freistöße zurechtlegen kann.

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