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Remis gegen Sandhausen : „Null Verständnis“ für Pfiffe gegen die Lilien

  • -Aktualisiert am

So wird das gemacht: Tobias Kempe nimmt Maß und trifft. Dafür gibt es vom Publikum Beifall - und keine Pfiffe. Bild: Imago

Mit dem sportlichen Erfolg steigt plötzlich auch die Erwartungshaltung im Umfeld des SV Darmstadt 98. Das gefällt weder Kapitän Sulu noch Vereinspräsident Fritsch.

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          Die Südhessen aus Darmstadt sind sportlich wieder in der Spur. Aus dem Abstiegskandidaten der zweiten Liga, der in der Vorsaison die selbst auferlegte Prüfung zum glücklichen Nichtabsteiger erst am letzten Spieltag bestand, ist mit Blick auf das aktuelle Tabellenbild ein Aufstiegsanwärter aus der Außenseiterposition heraus geworden. Fünf Partien sind gespielt, und die „Lilien“ nehmen mit drei Siegen, einem Remis und einer Niederlage den Relegationsplatz vier ein, punktgleich mit Rang zwei. Nach der Zitterpartie im zurückliegenden Spieljahr sollte es keinen Grund zur Klage geben.

          Denkste! Beim mühsamen 1:1 am Samstag zu Hause gegen Sandhausen nahm Kapitän Aytac Sulu Störgeräusche wahr. Als der Abstiegskandidat aus Sandhausen in der 47. Minute mit einem Kopfballtreffer von Philipp Klingmann zum Ärger manches SVD-Kunden vorlegte, hörte der Innenverteidiger vereinzelte Pfiffe im Stadionrund. Sulu, der dienstälteste „Lilien“-Profi, traute seinen Ohren nicht. Die Erwartungen im Darmstädter Umfeld seien „Wahnsinn“, beklagte er sich im Gespräch mit einem Hörfunksender der ARD nach der Punkteteilung, die durch einen famosen Freistoßtreffer von Tobias Kempe mit in letzter Sekunde zustande kam. Leitwolf Sulu, dessen Wort am Böllenfalltor Gewicht hat, empfahl allen auf der Tribüne, „vielleicht mal einen Gang zurückzuschalten und die Mannschaft zu pushen. Das hat mir heute nicht so gut gefallen, das gebe ich zu“, sagte der 32-Jährige.

          Auch Rüdiger Fritsch entgingen die Misstöne auf der Haupttribüne nicht. Es seien jedoch „absolut vereinzelte Pfiffe“ gewesen. „In einem Stadion mit 80.000 Zuschauern wären diese, glaube ich, untergegangen“, sagte der Vereinspräsident dieser Zeitung. „Bei uns hingegen hört man her jeden.“ Fritsch forderte dazu auf, die Reaktion auf den Gegentreffer „nicht überzubewerten, das war nicht ernst zu nehmen“. Gleichzeitig sprang er Sulu zur Seite und zeigte ebenfalls „null Verständnis“ für ein solches Verhalten. „Das passt überhaupt nicht in unser Darmstädter Selbstverständnis – erst recht nicht im Hinblick auf den Verlauf der vergangenen Saison“, sagte der Präsident. „Pfiffe und negative Äußerungen führen nicht zur Motivation von Menschen, sondern zu weiterer Verunsicherung.“

          Nach dem Abpfiff gab es Applaus

          Die „Lilien“-Profis wendeten mit Einsatz, Glück und der Freistoßkunst von Kempe die erste Heimniederlage der Runde noch ab. Dafür wurde die Mannschaft nach dem Abpfiff mit Applaus vom Publikum bedacht. Man habe „wieder gesehen, dass alle zusammenstehen“, sagte Fritsch. „99,9 Prozent unserer Leute können in Darmstadt unser Spiel gegen so einen unangenehmen Gegner richtig einschätzen. Sie haben uns auch in der Vorsaison geholfen.“

          Ein sportlicher Hilfsfall sind die „Lilien“ heute nicht. Sie sind gefestigt und wissen mit eigenen Unzulänglichkeiten umzugehen wie mit dem Fehlstart ohne Folgen gegen Sandhausen. „Die ersten 30 Minuten waren wir gar nicht im Spiel“, sagte Trainer Dirk Schuster. „Wir waren im Spielaufbau zu fehlerhaft und einfach brutal schlampig – das sah überhaupt nicht gut aus.“ Doch die Darmstädter taten, was ihrem Naturell entspricht: Gemeinsam kämpften sie sich in die Partie und zeigten sich dann vor 15.100 Zuschauern wieder von ihrer aggressiven und zupackenden Seite. Und mit Fortuna im Bunde – durch ihre Abschlussschwäche verwehrten sich die Sandhausener selbst den zweiten Treffer. Die wackeren „Lilien“ hingegen verschafften sich noch den einen herausragenden Glücksmoment, als Kempe aus knapp 20 Metern Entfernung den Ball gekonnt über die Mauer zum 1:1 ins Tor zirkelte. Die Berechtigung dieses Freistoßes bezweifelte der Sandhausener Trainer Kenan Kocak. Aber das Können von Kempe erkannte er mit Respekt an. „Darmstadt hat dann einen Qualitätsspieler wie Kempe, der die Situation nutzt.“

          Spielerisch keine Spitzenmannschaft

          Mit allem, was dazugehört: „Der Ball beim Freistoß lag optimal, der Torhüter konnte den Ball nur schwer sehen. So musste ich ihn nur über die Mauer heben“ – auf diese Weise beschrieb der umjubelte Torschütze seine Meisterleistung im letzten Augenblick. Spielerisch konnten die Darmstädter dem Niveau einer Spitzenmannschaft nicht gerecht werden. Aber das ist auch nicht ihr Anspruch und ihre Vorgabe, mit großer Spielkunst und Souveränität um die vorderen Plätze mitzuspielen. Nur der eine oder andere Zuschauer, der nach dem Gegentor auf die Darmstädter pfiff, denkt da wohl anders.

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