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Darmstadt 98 : Ein Schuss Karibik in Südhessen

  • -Aktualisiert am

Spürt das Vertrauen von Trainer Dirk Schuster: Joevin Jones. Bild: Jan Huebner

Joevin Jones steht für die Leichtigkeit im oft bleischweren Spiel von Darmstadt 98. Den Härtetest gegen Huddersfield Town bestanden die „Lilien“ am Sonntag.

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          Vielleicht war es die Szene, die den „Lilien“ in der Vorsaison das Happyend ermöglicht hat. Zumindest hat es den Weg zum Klassenverbleib gewiesen, als Joevin Jones sich am vorletzten Spieltag in Regensburg nach knapp einer halben Stunde den Ball zum Freistoß zurechtlegte: Mit links zirkelte er ihn oben rechts ins Tor. „Joevin Jones hat keinen Puls“, sagte Teamkollege Tobias Kempe nachher anerkennend. Die „Lilien“ gewannen trotz drückender Unterlegenheit in Regensburg 3:0 – und waren eine Woche später endgültig vor dem Abstieg bewahrt.

          Jones’ Anteil am Gelingen der Mission Klassenverbleib übersteigt jenes Freistoßtor bei weitem. Er hat in der Rückrunde dem oft bleischweren Spiel der „Lilien“ eine gewisse Leichtigkeit verliehen. Er hat dem Team gegeben, wonach es dem Darmstädter Zweitligabetrieb dürstete: Tempo auf dem linken Außenposten, Mut und Qualität in Eins-gegen-Eins-Situationen. Und für Torgefahr stand er, der als offensiver Außenspieler auch schon mal den Weg durch die Mitte sucht. Vier Treffer und drei Torvorlagen steuerte er bei, macht eine Beteiligung an sieben der 19 Darmstädter Pflichtspieltreffer 2018. „Ich habe meine Chance bekommen und anscheinend genutzt“, sagt Jones und fügt bescheiden hinzu: „Ich glaube, ich habe das ganz okay gemacht.“

          Schuster gibt ihm das Vertrauen

          Auf seine guten Leistungen will Jones in der neuen Saison nicht nur aufbauen, er will sich deutlich verbessern. „Mein Ziel sind zehn Tore. Ich weiß, dass dies schwer wird. Aber nichts ist unmöglich“, sagt er schmunzelnd. Exakt 14 Tage sind es noch, bis es wieder ernst wird in der Zweiten Liga und Darmstadt mit dem Heimspiel gegen Aufsteiger Paderborn Kurs nimmt auf eine „sorgenfreiere Saison“, wie es Schuster als Ziel formuliert.

          Anlaufschwierigkeiten hatte der Weltenbummler mit Ball am Fuß nicht in seiner neuen südhessischen Heimat. Auch wenn die aktuelle Sommervorbereitung unter Trainer Schuster ihm einige Male an den Rand der Belastbarkeit brachte. „Viel härter, als ich es zuvor kannte“, sei der Saisonvorlauf bislang gewesen, sagt der 26-Jährige. Bei Schuster hat er ein Stein im Brett. Der Cheftrainer wies dem Mann aus Trinidad&Tobago in jedem Spiel einen Platz in der Startformation zu. Zumindest das Vertrauen von Jahresbeginn an hat Beobachter verblüfft, „auch ich war überrascht“, erzählt Jones, „als der Trainer mir mitgeteilt hat, dass ich auf St. Pauli im Januar in der ersten Elf stehen werde“.

          „Der ist richtig gut“

          Jones war Schuster wenige Wochen zuvor noch unbekannt gewesen. Und wer Schuster kennt, weiß, dass der 50 Jahre alte Cheftrainer gern auf Bewährtes setzt, dass Verlässlichkeit Trumpf ist. Vor dem Hintergrund standen die Vorzeichen nicht gut. Erst als Schuster seine Rettungsmission in Darmstadt begonnen hatte, stieß Jones zum Kader. Der Profi war noch ein Relikt der in großen Teilen misslungenen Transferpolitik von Vorgängercoach Torsten Frings: Frühzeitig verpflichtet von Frings zwar, doch erst vom Winter an verfügbar aus Seattle, einem Klub der amerikanischen Profiliga. Doch Schuster nahm schnell wahr, dass Frings, der Jones aus seiner aktiven Zeit in Toronto kannte, recht hatte, als er über den bis Juni 2020 gebundenen Spieler sagte: „Der ist richtig gut.“

          Die Frage für Schuster lautete, ob der Neuling im deutschen Fußball seinen Spieltrieb mit jener taktischen Disziplin zu kreuzen vermag, die in der zweiten Liga und besonders bei Schuster gefragt ist. Jones konnte und überspielte seine „große Nervosität“, wie er rückblickend sagt, vor dem ersten Einsatz bestmöglich: Mit seinem geschmeidigen Bewegungsablauf, seiner Antrittsschnelligkeit und Dynamik – und nach sieben Minuten erzielte er aus der Distanz den 1:0-Siegtreffer auf St. Pauli. Und so kam es, dass Frings seinen Fehler in der Kaderzusammenstellung, nämlich kaum Tempomacher auf den Flügeln verpflichtet zu haben, mit Jones zwar selbst korrigiert hatte – aber davon nicht mehr profitieren konnte.

          Gebete vor jedem Spiel

          Es sei „eine aufregende Zeit“ gewesen dieses erste halbe Jahr in Darmstadt, sagt Jones. „Aber ich habe mich zeigen können in einem neuen Land und einer neuen Liga.“ „Jay“ oder „Jay-Jay“, wie er bei den „Lilien“ genannt wird, hat in seiner Karriere schon für Klubs in den Vereinigten Staaten, Kanada und Finnland gespielt. Länger als zwei Jahre hielt es ihn nirgendwo. „Wer weiß, welchen Plan Gott mit mir noch hat. Aber ich fühle mich sehr wohl in Darmstadt und im Verein“, sagt er, der sich nicht übermäßig mit Heimweh karibischer Art plagt. „Es war in der Vergangenheit Gottes Wahl und dann die Entscheidung von mir und meiner Familie.“ Seinen Glauben transportiert er auch in den Sport. „Ich bete vor jedem Training, vor jedem Spiel, während der Halbzeitpause und nach jedem Spiel“, erzählt Jones.

          Ob die Darmstädter Herangehensweise unter Schuster für seinen Geschmack nicht zu defensiv sei? „Nein, das System passt. Im Team angreifen und verteidigen, das gehört zum modernen Fußball“, sagt der Nationalspieler für die mittelamerikanische Insel Trinidad&Tobago.

          An diesem Sonntag haben die Darmstädter den ersten Härtetest der Vorbereitung bestanden. Gegen den englischen Premier-League-Verein Huddersfield Town gab es am Böllenfalltor vor rund 4500 Zuschauern ein 1:1 (0:0). Mittelfeldspieler Yannick Stark (47. Minute) traf für Darmstadt, Steve Mounie (80.) für Huddersfield.

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