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Radfahrerin auf der Rolle : Die Machtdemonstration der Tanja Erath

  • -Aktualisiert am

Kreativ in der Krise: Tanja Erath Bild: Picture-Alliance

Tanja Erath fährt für eines der weltbesten Straßenteams. Diesen Platz hat sich die 30 Jahre alte Radfahrerin hart erkämpft. Nun aber steht sie vor neuen Herausforderungen – die sie derzeit mit Bravour meistert.

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          Trotz Coronavirus: Radfahren ist erlaubt in Deutschland. Allein, zu zweit, mit gebührendem Abstand. Das gilt auch für Profis. Was nicht erlaubt ist, sind Rennen. Auch die Rad-Bundesliga kann deshalb nicht stattfinden. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hat darauf reagiert und die Liga von der Straße ins Wohnzimmer (oder auf die Terrasse) geholt. Eine virtuelle Bundesliga soll für Wettkampfpraxis und Unterhaltung sorgen, ausgefahren wird sie auf der Trainingsplattform Zwift. Dort kann sich jeder einwählen und daheim auf der Rolle mit anderen um die Wette strampeln.

          Die virtuelle Bundesliga plant mit fünf Rennen, das zweite fand am vergangenen Wochenende statt, die weiteren sind am 2., 9. und 13. Mai vorgesehen. Die Distanzen sind vergleichsweise kurz, es geht um Tempohärte, nicht um möglichst viele Kilometer. Die stundenlangen Rollpassagen, die bei Straßenrennen für Langeweile sorgen, spart man sich. Auf der Rolle fährt man Ausscheidungsrennen, volle Pulle. Am Wochenende waren vier Runden mit insgesamt 44,2 Kilometern auf dem virtuellen „Innsbruckring“, eines Teils der Straßen-Weltmeisterschaft von 2018, zu fahren.

          Mitmachen kann jeder

          Die Rennen werden im Internet gestreamt und live kommentiert. Mitmachen kann jeder, das ist die Besonderheit, am Wochenende waren es 470 Starter, in die Rang- und Punkteliste kommen jedoch nur Athletinnen und Athleten mit einer BDR-Lizenz. Den Sieg machen die Profis unter sich aus. Bei den Männern gewann am Wochenende der Hamburger Lucas Carstensen vom Continental-Team Bike Aid, bei den Frauen setzte sich die Darmstädterin Tanja Erath durch. Für die 30 Jahre alte Sprinterin vom deutschen World-Tour-Team Canyon-Sram war das Rennen auch eine Reise in die Vergangenheit. Denn ihren Platz in einem der weltbesten Straßenteams der Frauen hat sie sich parallel zu ihrem mittlerweile abgeschlossenen Medizinstudium auf der Rolle erkämpft.

          Ursprünglich Triathletin über die olympische Distanz, war sie wegen einer Verletzung ganz aufs Rennrad umgestiegen und hatte über die sogenannte Zwift-Academy, die jedes Jahr je einen Profiplatz für Frauen und Männer vergibt, die Einladung zu einem Trainingslager bekommen, wo sie bewies, dass sie nicht nur unter Laborbedingungen, sondern auch auf der Straße mit den Besten mithalten kann. Seither fährt sie für Canyon-Sram, 2020 ist ihre dritte Profi-Saison. Sie dauerte bis zum Corona-Shutdown allerdings nur sieben Wochen, vier Rennwochen in Australien und drei Wochen Trainingslager, dann war Schluss mit Wettkämpfen auf der Straße. Aber nicht mit solchen auf der Rolle.

          Im virtuellen Innsbruck wurde Tanja Erath am Wochenende ihrer Favoritenrolle gerecht. Keine hat mehr Erfahrung auf Zwift-Kursen als sie, und das zahlt sich aus. Selbst die besten Straßenfahrerinnen der Welt landen bei virtuellen Rennen selten ganz vorn. „Man merkt schon, dass Zwift eine eigene Disziplin ist“, sagt Tanja Erath. „Am Ende gewinnt nicht der, der die meisten Watt auf dem Tacho hat, sondern der, der sich die Kräfte richtig einteilt. Es gibt Rennen, da hat die Dritte die niedrigsten Wattwerte von allen gefahren und ist trotzdem aufs Podium gekommen, einfach weil sie sich gut im Feld positioniert, die Strecke kennt und genau weiß, wo man antreten muss. Man muss Zwift-Fahren erst einmal lernen. Es ist innerhalb des Radsports eine eigene Disziplin.“ Es gibt schon Rennteams, die ausschließlich virtuelle Rennen fahren.

          In Innsbruck zeigte die Darmstädterin, wie man ein solches Rennen gewinnt. Der flache Kurs, der viermal zu durchfahren war, wies in der Mitte eine Kopfsteinpflasterpassage und einen achtprozentigen Anstieg auf, und jedes Mal, als das Frauenfeld darüberfuhr (und Tanja Eraths Hightech-Rolle das Kopfsteinpflaster mit einem Ruckeln und Schütteln simulierte), trat die Darmstädterin mit wechselnden Kolleginnen an und fuhr dem Feld davon. Da aber auch in der virtuellen Radsportwelt große Felder vom Windschatten profitieren, wurde sie jeweils wieder eingeholt. Der Sprint musste in einer zwölfköpfigen Spitzengruppe entscheiden, und Tanja Erath ließ der Konkurrenz in ihrer Spezialdisziplin keine Chance. Nach 1:02:30 Stunden stand ihr Sieg fest. Der Ausflug nach Innsbruck hatte sich gelohnt.

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