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Ärger bei Marathonläuferin : „Für mich persönlich ist das ein GAU“

  • -Aktualisiert am

Der Tag, an dem alles passte: Katharina Steinruck im Frankfurter Ziel Bild: dpa

Endlich lief es für Katharina Steinruck wie am Schnürchen. Doch nach der Verschiebung der Olympischen Spiele hängt die Marathonläuferin wieder in der Luft. Das betrifft auch ihre Familienplanung.

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          Katharina Steinrucks Athleten-Alltag ist im Kern unverändert. Ihr Mann geht täglich aus dem Haus zu seiner Arbeit bei der Polizei, sie geht täglich aus dem Haus zu ihrer Arbeit. In Laufschuhen und atmungsaktiven Klamotten auf ihren Strecken im Stadtwald und anderswo. Mitunter mit Trainingspartner – und immer mit in diesen Tagen angemessenem Abstand zueinander. Die Frankfurterin bewältigt stoisch das Programm ihres Trainingsplans. Die Beine gehorchen ihr, weil der Kopf während der Härten des Marathon-Übungsbetriebs noch olympische Bilder entwirft.

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          So ging das bis zum gestrigen Dienstag, bis zur Entscheidung, die Olympischen Spiele um ein Jahr zu verschieben. „Tokio bedeutete meine ersten Spiele. Ich habe nun vier Jahre darauf hintrainiert, ich habe alles dafür gegeben, dort am Start zu stehen“, sagt Katharina Steinruck (geborene Heinig). Die Qualifikation hatte sie sich schon im Januar so gut wie gesichert – dass noch zwei deutsche Läuferinnen neben der gebürtigen Äthiopierin Melat Kejeta (2:23:57) stärkere Zeiten aufgeboten hätten, war extrem unwahrscheinlich.

          Die 30-Jährige hält die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees grundsätzlich für „richtig und fair“, persönlich aber für „hart“, ja sogar für einen „GAU“. Marathonläufer müssen in langen Zyklen denken, alles dreht sich um ihre Kilometerleistung je Woche, um den Formaufbau auf den nächsten Tag X. Von denen, also Rennen über 42,195 Kilometern, gibt es – wenn gesund – in der Regel zwei, in Ausnahmefällen drei im Jahr. Die Corona-Krise hat ihnen nun den Tag X des Jahres, für Katharina Steinruck sogar den des Sportlerlebens, geraubt. „Wird jetzt alles auf null gesetzt mit Blick auf mögliche Spiele 2021? Muss man sich komplett neu qualifizieren? Finden Ende August Leichtathletik-Europameisterschaften in Paris statt? Es stellen sich nun zig elementar wichtige Fragen. Bis zu den Antworten, auf deren Basis neue Pläne möglich sind, hängt man in der Luft“, sagt Katharina Steinruck.

          „Ich möchte Kinder haben“

          Die Antworten werden für die Eheleute Steinruck tief in den privaten Bereich hineinreichen. Denn nach Tokio 2020 hätten sie sich der Familienplanung zuwenden wollen. „Ich werde 31 Jahre alt und möchte Kinder haben“, erzählt das Mitglied der Sportfördergruppe der hessischen Polizei. Schwangerschaft und Geburt seien aber nicht gleichbedeutend mit dem Abschied vom Hochleistungssport. „Meine Idealvorstellung ist, dass ich anschließend meine Laufkarriere fortsetze“, sagt sie. Nun spricht vieles dafür, bis Tokio 2021 im gewohnten, zehrenden Leistungstrott zu bleiben.

          Katharina Steinruck hat sich über die Jahre eine besondere mentale Widerstandsfähigkeit zugelegt. Anders wäre es auch kaum auszuhalten gewesen. Die Rückschläge, die Enttäuschungen, das Pech, das sie immer wieder heimgesucht hat. Die Frankfurterin ist keine Träumerin, sie hat sich damit abgefunden, dass sie nicht in die Dimensionen ihrer Mutter Katrin Dörre-Heinig rennen kann. Die Mutter, die Marathon-Bundestrainerin und Heimtrainerin der Tochter ist, hat hierzulande und international diverse Marathonrennen gewonnen. Für Katharina geht es darum, deutsche Spitzenklasse und europäische Elite darzustellen.

          Das ist ihr gelungen – und seit vergangenem Jahr erlebt sie die beste Phase ihrer Karriere. Genesen von einer lange geplanten Fuß-OP bewies sie mit einer Reihe von persönlichen Bestzeiten auf den Unterdistanzen Topform. Und beim Frankfurt-Marathon im vergangenen Oktober erwischte sie auf heimischen Straßen endlich jenen Tag, an dem ihre Verfassung und die äußeren Umstände passten. Katharina Steinruck erreichte in 2:27:26 Stunden einen neuen persönlichen Rekord, der so deutlich unter der Olympianorm lag, dass sie die Sommerreise 2020 nach Tokio quasi schon buchen konnte.

          Auch der gute Plan, schon im Januar japanische Marathonluft zu schnuppern und den nötigen Leistungsnachweis im Olympiajahr zu erbringen, ging auf. Den Osaka-Marathon bewältigte Katharina Steinruck in soliden 2:28:48 Stunden. Auch vom Höhentrainingslager in Kenia kehrte sie am vorvergangenen Sonntag frohgemut und noch ohne Corona-Einschränkungen heim. Endlich mal lief es über einen langen Zeitraum wie am Schnürchen für sie.

          Für Katharina Steinruck wirkt dies wie eine hart erarbeitete Belohnung nach der jahrelangen Plackerei – und ist Grund dafür, warum sie von „GAU“ spricht, sollte ihr die Olympiachance genommen werden. Denn zuvor war sie so etwas wie die laufende Pechmarie in der Marathonszene. Magen-Darm-Infekt, Ermüdungsbruch, Lebensmittelvergiftung – Katharina Steinruck wurde regelrecht heimgesucht, wenn es eigentlich darauf ankam. Negativer Höhepunkt war ihr missglücktes Rennen in Zürich im Frühjahr 2016, das sie zu den Spielen in Rio hätte führen sollen. Bei Schnee, Hagel, Regen und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt Ende April wurde Katharina Steinruck bei Kilometer 25 unterkühlt aus dem Rennen genommen. Das war der Tiefpunkt. Der Höhepunkt sollte eigentlich in diesem Sommer stattfinden.

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