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Segelfliegen trotz Corona : „Es gibt Möglichkeiten, in die Luft zu kommen“

  • -Aktualisiert am

Was machen Segelflieger während der Corona-Krise? Bild: privat

Müssen Segelflieger auch am Boden bleiben wegen des grassierenden Coronavirus? Uwe Wahlig gibt Antworten auf diese und andere Fragen und erklärt, was gerade jetzt ein falsches Signal wäre.

          3 Min.

          Als Segelflieger schauen Sie von oben auf die Welt herab. Dabei sitzen Sie allein in Ihrem Segelflugzeug und bestimmen den Kurs. Sind Sie mit Ihrer Sportart der große Gewinner in der Corona-Krise, weil Sie als Pilot und Herr der Lüfte den anderen nicht in die Quere kommen können?

          Ja, das könnte man meinen. Anfangs dachte ich auch, dass wir unseren Sport ganz normal weiterbetreiben können. Denn es geht ja vor allem darum, die Ansteckung von Person zu Person zu unterbinden. Insofern hätten wir die Dinge, die wir allein machen, ja weiter tun können. Aber die Realität ist auch beim Segelfliegen eine andere. Momentan sind alle Sportstätten geschlossen. Die Gemeinden haben eigentlich Segelflugplätze auch als Sportstätten angesehen, so dass unser Vorstand der Segelfluggruppe Bensheim an alle eine E-Mail geschrieben hat, dass das Betreten des Segelfluggeländes, unserer Hallen und des Gebäudes untersagt ist.

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          Also war es das mit dem Fliegen in Corona-Zeiten?

          Es gibt schon noch Möglichkeiten, in die Luft zu kommen. Schließlich ist das Fliegen nicht generell verboten. Und die Verkehrslandeplätze wie Egelsbach, Reichelsheim, Worms oder Mannheim gehören ja zum Verkehrssystem. Dort ist das Fliegen mehr oder minder uneingeschränkt möglich, bei manchen Flugplätzen muss man sich nur vorher anmelden. Ich habe ja auch einen Motorflugschein – deshalb könnte ich mir eine Cessna oder eine Piper ausleihen.

          Und was ist mit Ihrem Segelflugzeug?

          Theoretisch könnte ich es per Anhänger nach Worms transportieren. Allerdings müsste ich dazu erst einmal auf unseren Flugplatz in Bensheim. Und im Moment ist es so, dass eine solche Aktion als unsportlich von den Segelfliegerkollegen angesehen werden würde. Die meisten haben keine Möglichkeit, mit ihren Vereinsflugzeugen zu einem Verkehrslandeplatz zu kommen.

          Sie besitzen ein Flugzeug?

          Ich habe zwei. Aber nur eins ist mein Wettbewerbsflugzeug. Die Flugzeuge sind aus den siebziger Jahren. Sie sehen allerdings sehr modern aus. Mit der Zeit kriegt der Lack Risse. Man muss dann neu lackieren, beim Segelflugzeug ist das aufwendig, da der Lack geschliffen werden muss. In Bensheim haben wir zehn Flugzeuge, die dem Verein gehören. Und 18 Flugzeuge werden von Haltergemeinschaften betrieben.

          Wann waren Sie das letzte Mal auf dem Flugplatz in Bensheim?

          Seitdem der Flug- und Landeplatz geschlossen ist, war ich nicht mehr da. Ich bin auch nicht mehr geflogen. In normalen Zeiten bin ich bei gutem Wetter jedes Wochenende in der Luft.

          Wie groß ist Ihre Sehnsucht nach dem Fliegen?

          Zum Abschalten und um zur Ruhe zu kommen, wäre das Segelfliegen in dieser Zeit ideal. Man verspürt eine riesige Freiheit. Wenn nicht gerade Corona ist und die Grenzen auch für Flugzeuge gesperrt sind, kann man auch in Nachbarländer einfliegen. Durch die andere Perspektive haben wir einen ganz anderen Blick auf die Welt. Es ist eine Welt der Flugzeuge, des Himmels und der Wolken. An jedem Tag sind die Wolkenformationen und die Beleuchtung anders. Wir haben eine Übersicht bis an den Horizont. Es gibt immer ein atemraubendes Panorama. Wenn ich den Aufwind genutzt habe und ganz oben bin, habe ich einen riesigen Aktionsradius. Jetzt wäre es interessant, sich die Welt von oben anzuschauen. Die leeren Autobahnen. Oder die Schlangen vor dem Supermarkt. Kurzum: die sichtbaren Veränderungen des gesellschaftlichen Lebens. Beim Segelfliegen ist es speziell.

          Das heißt?

          Es kann sein, dass man den nächsten Aufwind nicht findet und irgendwo auf einer Wiese landen muss. Dann brauchte man Leute, die einen vom Acker zurückholen. Viele Personen wären unterwegs. In einem solchen Fall erhöht sich theoretisch die Ansteckungsgefahr. Außerdem macht sich ein Segelflieger auch Gedanken über die Unfallgefahr. Zwar ist Segelfliegen nicht besonders gefährlich. Aber wenn mal was passiert und man als Notfall ins Krankenhaus muss, würde man das Gesundheitssystem noch mehr belasten. Daher überlegen sich die meisten schon, ob es jetzt unbedingt nötig ist, zu fliegen. Ich hätte es trotzdem für verantwortbar gehalten, unseren Sport weiter auszuüben. Es wird ja ausdrücklich gewünscht, dass man als Einzelsportler etwas für sich tut.

          Wie beurteilt der Deutsche Aero Club die Situation?

          Unser Verband hat eine klare Meinung, auf das Fliegen aktuell zu verzichten. Weil wir in dieser Zeit alle eingeschränkt in unserer Freiheit sind, wäre es aus Verbandssicht das falsche Signal, wenn wir rumfliegen und unsere Freiheit ausleben würden.

          Sie durften aber schon mal fliegen, als die Verkehrsflugzeuge nicht in die Luft durften?

          Ja, während des Vulkanausbruchs vor ein paar Jahren in Island. Damals stand die gesamte zivile Luftfahrt, weil die Stahltriebwerke so hohe Temperaturen haben und die Flugzeuge in der Höhe geflogen wären, wo dieser Staub war. Wir Segelflieger hingegen konnten uneingeschränkt fliegen. Damals bin ich mit einem Reisemotorsegler von Bensheim nach Kiel geflogen. Den großen Städten musste ich ausnahmsweise nicht ausweichen. Ich hatte überall Freigaben durch die Lufträume erhalten, weil ja kein Verkehr war, und so bin ich genau auf einer geraden, kurzen Linie nach Kiel geflogen. Von oben habe ich die Flugplätze mit den ganzen abgestellten Verkehrsflugzeugen gesehen.

          Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Ihre sportlichen Ambitionen?

          Die ganzen Wettbewerbe in Deutschland sind um ein Jahr verschoben worden. Auch die WM im August in Frankreich wird sehr wahrscheinlich nicht stattfinden können. Die Piloten aus aller Welt, die mit ihrem eigenen Flugzeug an den Start gehen, müssten ja jetzt die Voraussetzungen dafür schaffen, damit ihr Flugzeug zum Beispiel mit einem Containerschiff transportiert werden kann.

          Wie lange dauert es, bis Sie wieder im Flugzeug sitzen, wenn Sie grünes Licht zum Fliegen haben?

          Ich werde sofort zum Flugplatz fahren.

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