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Läufer Marc Tortell : Die Langeweile macht erfinderisch

  • -Aktualisiert am

Derzeit nicht auf der Laufbahn gefordert: Marc Tortell Bild: Imago

Wegen der Corona-Krise ruht die Leichtathletik mit ihren Wettkämpfen. Mittelstreckenläufer Marc Tortell ist derweil als Spiele-Entwickler erfolgreich. Die Pause kommt ihm nicht ungelegen.

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          In der kleinen Leichtathletik-WG fehlte eine Spülmaschine. Marc Tortell und Jonas Simon spielten regelmäßig aus, wer den ungeliebten Abwasch zu erledigen habe. Irgendwann waren die gängigen Kartenduelle den beiden Studenten zu langweilig. Sie kreierten ihr eigenes Spiel. Die professionelle Version davon ist seit diesem Monat auf dem Markt.

          Der Titel ist ein Wortspiel. „Runner’s High“ bezeichnet das Hochgefühl, das ein Läufer in seinem Sport erleben kann, einen Rauschzustand, in dem die Anstrengung leichtfällt. Für das Produkt wurde die Schreibweise verändert. „Runners High“, so der Name des Spiels, weist auf das hin, worum es bei dem Zeitvertreib geht: um Leichtathleten aus dem realen Leben und ihre Leistungen. Individuelle Ausdauer, Schnelligkeit, Stärke und Tempohärte werden wie bei einem Quartett verglichen. Das allein wäre zu vorhersehbar. Wer sollte etwa Marathon-Rekordhalter Arne Gabius in puncto Ermüdungswiderstand etwas vormachen? Deshalb wirken sich die jeweiligen Bedingungen, Hitze, Regen oder Wind, von Ereigniskarten bestimmt, auf die Werte aus.

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          Im Vorteil ist, wer sich in der Szene auskennt. Wer etwa weiß, dass es die Frankfurterin Katharina Steinruck nicht zu warm mag. Tortell und sein Partner haben jede der 95 Athletenkarten einem realen Läufer gewidmet und ihr eigenes Insiderwissen als Basis für die Zahlen genommen. „Wir wissen, wovon wir reden“, betont der Entwickler. Die abgebildeten Läufer, von Hindernis-Europameisterin Gesa Krause über die WM-Dritte Konstanze Klosterhalfen bis zum früheren EM-Bronzemedaillengewinner Richard Ringer, haben ihr Einverständnis gegeben.

          Das Who’s who der aktuellen nationalen Laufelite bildet das Spiel ab. Tortell, von dem es als Zweiter der deutschen Meisterschaften über 1500 Meter ebenfalls ein Bild gibt, hatte die Professionalisierung der Idee vorangetrieben, das Design entworfen und die rechtlichen Seiten abgeklärt. Nach eineinhalb Tagen waren alle 500 Exemplare der ersten Auflage vorbestellt. Weitere Auflagen sollen folgen.

          Die ungewohnte Arbeit stellte für Tortell eine willkommene Abwechslung in den ansonsten wenig ereignisreichen Corona-Zeiten dar. Kurz vor seiner Premiere bei einer Studenten-Weltmeisterschaft hatte das Virus den 22-Jährigen aus seinem gewohnten Alltag gerissen; die Titelkämpfe in Marokko wurden abgesagt. Der in Frankfurt wohnende Läufer des Athletics Team Karben weiß es zu schätzen, dass er seinen Sport, anders als Vertreter anderer Disziplinen, durchweg ausüben konnte.

          Ich will mich nicht beschweren“, sagt er. Stattdessen versucht Tortell, das Beste aus der Situation zu machen. Die jetzt um ein Jahr verlegten Olympischen Spiele in Tokio wären für ihn zu früh gekommen. Auch für die abgesagten Europameisterschaften in Paris hätte sich der Dritte der Hallen-DM in kurzer Zeit deutlich steigern müssen. Seine Bestzeit über 1500 Meter ist drei Jahre alt und steht bei 3:44,60 Minuten. Für eine Nominierung hatte der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) den Richtwert von 3:38 ausgegeben. Jetzt bleibt mehr Zeit bis zum nächsten Großereignis.

          Die deutschen Meisterschaften sind noch nicht gestrichen. Sie könnten das nächste Ziel für den hessischen und süddeutschen Titelträger sein. Die Phase bis dahin will er nutzen, um an seinen Schwächen in den Bereichen Kraft und Ausdauer zu arbeiten. An Motivation mangele es nicht. „Ich bin jemand, der auch dann gerne läuft, wenn er kein Ziel vor Augen hat.“ Die Leidenschaft hat der Älteste unter fünf Geschwistern geerbt. Mutter Uta, vom eigenen Vater gefördert und 1987 Hallen-EM-Sechste über 1500 Meter, ist seine Trainerin. Einen Laufzwang gab es bei den Tortells jedoch nicht; von den vier Schwestern haben sich drei anderen Freizeitbeschäftigungen verschrieben.

          Marc bereiten die Stadionrunden Vergnügen. „Ich habe auch Fußball gespielt“, aber nicht so erfolgreich. In der U 20 gewann Tortell erstmals den deutschen Titel über 3000 Meter. Doch oft bremsten ihn Verletzungen. Bis zum vergangenen Jahr. Deshalb klappte es im Sommer für den U-23-Titelträger erstmals mit einer Medaille bei den Erwachsenen. Daran will er anknüpfen. Im Herbst gründeten die Eltern für ihren Sohn und weitere Leistungsläufer einen eigenen Verein. Die Trennung vom TV Rendel erfolgte, weil Profis sich allein besser vermarkten ließen.

          Aufs Laufen allein will Tortell sich nicht konzentrieren. Nach dem Bachelor-Abschluss in International Business studiert er jetzt Kommunikationsdesign. „Nach dem Abi war ich zu kurzsichtig und wollte etwas machen, womit ich später Geld verdienen kann“, erklärt er den Wechsel. Der neue Studiengang lässt sich besser mit der kreativen Ader verbinden.

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