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Große Probleme im Sport : „Brutalst“-Angriff auf das Rugby-Fundament

  • -Aktualisiert am

Wie geht es weiter? Auch der Rugby steht vor noch unbeantworteten Fragen. Bild: Picture-Alliance

Deutschlandweit liegt der gesamte Sport derzeit still. Das bekommen einzelnen Sportarten durchaus unterschiedlich zu spüren. Der Vizepräsident des SC 80 Frankfurt zeichnet nun ein düsteres Szenario.

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          In normalen Zeiten steckt im Rugbysport beim SC 1880 Frankfurt jede Menge Kraft und Leben – und das über alle Altersklassen hinweg. Rund 450 energiegeladene Kinder und Jugendliche frönen auf der Anlage an der Feldgerichtstraße nach Kräften dem Kampf um das Ei. Keiner ist in Deutschland in der Vollkontakt-Sportart erfolgreicher als die Frankfurter, denn in der Vorsaison holten alle Nachwuchsmannschaften der Achtziger jeweils den deutschen Meistertitel. Die eigene Bundesliga-Mannschaft war ihnen als deutscher Meister das beste Vorbild. Doch in Zeiten der Corona-Pandemie steht jetzt auch beim SC 1880 alles auf null.

          Die Sportstätte ist für jeglichen Trainingsbetrieb gesperrt. „Wir haben einen totalen, massiven Stillstand“, sagt Uli Byszio, der Vizepräsident und Mäzen des Rugbysports im Verein. „Unser Fundament wird brutalst angegriffen.“ Mit einem Wort: Die Lage sei „katastrophal“, sagt er. Der ehemalige Nationalspieler fürchtet sogar um „den Fortbestand des Rugbys in Deutschland in der jetzigen Form. Ich sage nicht, dass es so kommt. Es ist aber eine Sache, die man bedenken muss.“

          Nichts geht mehr: Die Nachwuchs-Wettbewerbe sind nach Angaben von Byszio für diese Runde „alle abgesagt“ worden. Auch der Spielbetrieb in der Bundesliga sei „quasi abgesagt“, wie er es formuliert. Offiziell heißt es, dass die Vereine am 9. Mai in einer außerordentlichen Sitzung des Bundesliga-Ausschusses über das weitere Vorgehen entscheiden werden. Ihren Meistertitel werden die Frankfurter, die die Süd/West-Gruppe der ersten Liga wieder angeführt hatten, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht verteidigen können. Mit Jake Wetere, Joe Taylor und Nate Peteru (alle Neuseeland) haben schon drei Spieler, die als Vereinstrainer von Nachwuchsteams angestellt waren, die Hessen verlassen. Den Vertragsauflösungen stimmte der Klub aus finanziellen Gründen „dankend“ (Byszio) zu.

          Für die noch verbliebenen mehr als zehn Trainer und Spieler, von denen weitere den Absprung vollziehen könnten, beantragten die Frankfurter Kurzarbeitergeld. Am meisten leidet im Augenblick die körperliche Verfassung der Spieler. „Wir haben keine Profisportler, die jeden Tag ihren Marktwert erhalten. Es wird jetzt lange nicht so hart individuell weitertrainiert, wie es sein müsste“, sagt Byszio. Mit jedem Tag sinke das Fitnesslevel, das aufzuholen werde lange dauern, kündigt Mark Sztyndera an.

          Der Frankfurter Bundesliga-Spieler schätzt, dass es, „um Verletzungen auszuschließen, eine Vorlaufzeit von mindestens dreieinhalb Monaten“ brauchen werde, bevor wieder Punktspiele ausgetragen werden könnten. Alle Spieler kämen „total unfit aus der Pause wieder“, pflichtet ihm Byszio bei. „Rugby ist aber eine harte Kontaktsportart. Jeder Kontakt tut dann in den ersten Trainingseinheiten brutal und furchtbar weh, weil in der Auszeit ohne die Übungseinheiten die Technik gelitten hat.“ Schon heute geht er davon aus, dass das Niveau in der kommenden Bundesliga-Saison und in allen Altersklassen „brutal sinken“ werde, weil den Spielern die „Game-Fitness“ fehlt. „Das funktioniert halt nicht, wenn du rostig auf den Platz kommst.“ Die nötige Fitness müssten sich alle „erst wieder erarbeiten“, sagt Byszio. Was ihm und seinen Mitstreitern außerdem Sorgen bereitet: Je länger die Zwangspause vom Rugby dauern wird, desto mehr Kinder und Jugendliche könnten die Geduld verlieren und in andere Sportarten wechseln. Oder die Eltern würden irgendwann anfangen, „keine Vereinsbeiträge mehr zu bezahlen“, sagt Byszio. Das wiederum würde bedeuten, dass die Klubs im Gegenzug „keine Beiträge mehr an den Deutschen Rugby-Verband zahlen könnten, dessen finanzielle Lage ohnehin sehr angespannt ist“.

          Byszio, der auch Präsident der Deutschen Rugby-Jugend ist, schätzt, dass der Verband einen „großen Schuldenberg von mehreren hunderttausend Euro vor sich herschiebt“. Die Corona-Krise und deren Folgen seien deshalb gerade auch für den Deutschen Rugby-Verband ein „herber Rückschlag. Es ist jegliche Dynamik raus.“ Im schlimmsten Fall könnte der Rugbysport in Deutschland „ganz von der Bildfläche verschwinden. Das glaube ich zwar nicht. Aber viele Sportvereine leben von Sponsoren und Spenden, weil es bei uns keine Fernsehgelder gibt“, sagt Byszio. Wenn mittelständische Betriebe und Privatpersonen stark unter der Corona-Krise litten, könnte in Zukunft wichtige finanzielle Unterstützung für die Klubs ausbleiben. In ihrer sportlichen Entwicklung hat die Pandemie die vielseitig aufgestellten Frankfurter auf jeden Fall stark ausgebremst. Im deutschen Rugbysport waren sie zuletzt das Maß der Dinge. Noch aber weiß keiner, wann, in welcher Größe und auf welchem Niveau sie ihren „Neuanfang“ starten können. „Es ist einfacher, einen Kiosk zu eröffnen als ein Restaurant mit 500 Plätzen“, sagt Byszio.

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