https://www.faz.net/-gtl-a4us5

Amateursport in Hessen : Auf dem Bremspedal

  • -Aktualisiert am

Diffuse Lage: In manchen Fußball-Kreisen darf gespielt werden, in anderen nicht. Bild: Jürgen fromme /firo Sportphoto

Der hessische Amateursport war gerade wieder in Fahrt gekommen. Nun leidet er unter den steigenden Corona-Zahlen. Die Reaktionen der Verbände verwirren durch ihre Unterschiedlichkeit.

          3 Min.

          Vom Tempo der vergangenen Wochen und Monate, mit dem Vereins- und Verbandsverantwortliche Konzepte im sportalltäglichen Umgang mit dem Coronavirus entwickelt haben, ist vielerorts nichts mehr zu spüren. Der Amateursport war im Freien und in der Halle gerade wieder in Fahrt gekommen. Nun gibt es zwar nicht überall eine abrupte Vollbremsung wie im März. Die Tendenz der vergangenen Tage, in denen die Corona-Zahlen dramatisch angestiegen sind, ist dennoch unverkennbar: Der Fuß geht vor allem in den Mannschaftssportarten runter vom Gaspedal, rauf auf die Bremse.

          Im Amateurfußball wurden am Wochenende in einigen hessischen Kreisen Spieltage komplett abgesagt. Der Hessische Handball-Verband (HHV) hat die Runde vorerst bis zum 8. November unterbrochen. Gleiches gilt für den Hessischen Volleyball-Verband, der bis zum 22. November pausieren will. Und der Hessische Badminton-Verband hat den Wettkampfbetrieb sogar bis zum 15. Januar eingestellt.

          Die Lage ist ernst. Einem Großteil des Amateursports droht abermals ein kompletter Stillstand. Viele Verbände würde das terminlich in Not bringen. Schon jetzt sind die Spielpläne voll, sodass über eine Verkürzung der Saison und andere Lösungen gesprochen werden muss. „Es hat sich gezeigt, dass die bisher durchgeführten Maßnahmen des HHV seitens der Vereine sehr gut und zum größten Teil auch sehr verantwortungsbewusst akzeptiert wurden. Trotzdem sind wir der Meinung, dass eine Unterbrechung der Runde für den hessischen Spielbetrieb nötig ist, da dieser aufgrund der berechtigten Maßnahmen vieler Städte und Landkreise nahezu zum Erliegen gekommen ist“, hieß es vom HHV. Im Landkreis Groß-Gerau, wo die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen Tagen weit über hundert lag, darf Sport zum Beispiel nur noch kontaktlos ausgeübt werden.

          Im Volleyball war eine Unterbrechung in Hessen aus Sicht des Verbands unausweichlich, weil dieser vor der Saison entschieden hatte, dass keine Partien stattfinden werden, sobald eine Mannschaft aus einem Gebiet kommt, das einen Inzidenzwert von 75 oder höher aufweist. In Hessen lagen am Samstag nur zehn von 26 Kreisen unter diesem Wert.

          Die Verantwortlichen im Verband der Hand- und Volleyballspieler haben sich zu einer landesweit einheitlichen Lösung durchgerungen. Das wird nicht jedem gefallen haben – vor allem in den Gebieten, in denen der Inzidenzwert niedriger als 75 ist. Immerhin vermittelt das Vorgehen der Verbände aber, dass sie in schwierigen Zeiten als entscheidungsfreudige Organe auftreten und vorangehen. Schaut man auf den Amateurfußball, drängt sich dieses Gefühl in Hessen nicht auf. „Der Hessische Fußball-Verband (HFV) betrachtet mit Sorge die steigenden Corona-Infektionszahlen in Hessen“, schrieb der HFV in einer Stellungnahme am Samstag: „Zielführend kann und muss es sein, eine landesweit einheitliche Regelung bezüglich des Ampelsystems zu finden. Daher bittet der Verband die Landespolitik, in deren Eskalationskonzept für die einzelnen Warnstufen einheitliche Rahmenbedingungen für den Sport in allen hessischen Kreisen und Kommunen zu schaffen. Dies würde ganz erheblich dazu beitragen, dass Unsicherheiten bei den vielen Ehrenamtlichen vermieden werden, deren Verantwortung schon jetzt enorm ist.“

          F+ FAZ.NET komplett

          Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

          Jetzt F+ kostenlos sichern

          Dass es selbst im Fußball in Hessen an Einheitlichkeit mangelt, hat am Wochenende zu kuriosen Situationen geführt: Der Fußballkreis Hochtaunus hat seine Spiele wegen eines Inzidenzwerts von 90,7 (Samstag) abgesagt. Im Kreis Frankfurt fanden am Sonntag Partien statt, obwohl der Wert dort am Wochenende die Marke von 200 geknackt hatte. Sport ist im Kreis Groß-Gerau (Inzidenz am Samstag von 136,9) künftig nur noch kontaktlos erlaubt, während in Frankfurt munter gekickt wird? Es sind Widersprüche wie diese, die während der Pandemie von vielen immer wieder als Problem angeführt werden, weil sie die Bevölkerung verunsichern. Und weil durch sie die Akzeptanz weiterer Einschränkungen des öffentlichen Lebens schwinden könnte.

          Bei der Suche nach den richtigen Regelungen für den Fußball wird es in den kommenden Tagen nicht um die Frage gehen, wie sicher ein Spiel während der Corona-Pandemie überhaupt ist. Die haben der Deutsche Fußball-Bund und seine Medizinische Kommission nämlich schon beantwortet, indem sie eine Infektion auf dem Platz nach einer Studie als „sehr unwahrscheinlich“ eingestuft haben. Es wird im Diskurs vielmehr darum gehen, von welchem Inzidenzwert an ein Spiel abgesagt werden sollte, weil das Drumherum zu gefährlich ist, wenn so viele Menschen aufeinandertreffen wie bei einem Amateurfußballspiel.

          Die Hallensportarten stehen vor einem anderen Problem: Für sie gibt es noch keine validen Ergebnisse, wie groß das Ansteckungsrisiko beim Sporttreiben innerhalb geschlossener Räume ist. Noch spielen beispielsweise die Basketballspieler und die Tischtennisspieler dort, wo es kein Verbot durch die Kreispolitik, keine freiwilligen Spielabsagen durch die Vereine, keine positiven Fälle oder gar komplette Teams gibt, die sich in Quarantäne befinden. Aufgrund der steigenden Zahlen dürften allerdings auch diese Verbände bremsbereit sein.

          Weitere Themen

          Hertha gewinnt Hauptstadtderby

          3:1-Sieg gegen Union Berlin : Hertha gewinnt Hauptstadtderby

          Hertha BSC bezwingt dank Piatek Union Berlin. Nach einem frühen Rückstand dreht die Mannschaft von Trainer Labbadia die Partie gegen einen Gegner in Unterzahl. Für die Eisernen ist es nach acht Spielen die erste Niederlage.

          Topmeldungen

          Eine Mitarbeiterin von Moderna bei der Arbeit an der Herstellung eines Corona-Impfstoffs (Symbolbild)

          Kampf gegen Corona : Das Dilemma der Impfstoff-Prüfer

          Für die Zulassung von Impfstoffen müssen Prüfer sich durch meterweise Datenmaterial kämpfen und schwierige politische und ethische Fragen beachten, die erst später relevant werden können. Eine Mammutaufgabe.
          Nicht mehr Mitglied: Ingo Paeschke, früherer Linken-Fraktionsvorsitzender in Forst in Brandenburg

          Forst in Brandenburg : Wenn die Linke mit der AfD kuschelt

          Ein Rechts-Links-Bündnis in Forst in Brandenburg sorgt für Aufregung. Die Linke im Ort sagt: Es geht um Sachpolitik. Und die AfD meint: „Für uns ist die Sache Gold wert.“
          Ein Kind geht mit Gehhilfe eine Treppe hinauf.

          Die Vermögensfrage : So löst man Fallstricke im Behindertentestament

          Eltern von Kindern mit Behinderung müssen in ihrem Testament vieles beachten. Um konfliktreiche Erbengemeinschaften mit den Geschwistern und deren Partnern zu verhindern, sollten gerade Vermögende schon vor ihrem Tod handeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.