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Football in Deutschland : „Unser Ziel ist eine Liga der Willigen“

  • -Aktualisiert am

Müssen hart im Nehmen sein: Spieler und Teams in der German Football League Bild: Picture-Alliance

Carsten Dalkowski, Sprecher der German Football League, äußert sich im F.A.Z.-Interview über die Zukunft seines Sports in Deutschland und warum es unter Umständen keinen Sinn macht, überhaupt in den Ligabetrieb zu starten.

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          Carsten Dalkowski ist der gewählte Sprecher der German Football League (GFL) und dadurch Mitglied im erweitertem Vorstand des American Football Verbandes Deutschland. Seit 2002 ist der als Strafverteidiger tätige 49 Jahre alte Jurist auch Präsident des GFL-Klubs Marburg Mercenaries.

          Am Wochenende startet die Fußball-Bundesliga wieder in den Spielbetrieb – wenn auch unter Corona-Notbedingungen. Wie sieht die Situation im American Football aus?

          Wir haben uns in der German Football League (GFL) nach mehreren Wochen interner Diskussionen auf eine allgemeine Strategie festgelegt. Wir setzen den Spielbetrieb erst einmal aus und überlegen einen Spielbetrieb im September. Die GFL hat nun in den kommenden zwei Wochen die Aufgabe, zu prüfen, ob ein Spielbetrieb im September unter welchen Rahmenbedingungen Sinn ergibt. Wir haben vorher mit dem American Football Verband Deutschland (AFVD) einen Rahmen ausgehandelt, der uns aktuell alle Möglichkeiten offenlässt, die verschiedenen Bedürfnisse in den Ligen zu befriedigen. Wir versuchen derzeit, einen tragfähigen Kompromiss für alle zu finden.

          Wie könnte ein Spielbetrieb aussehen?

          Die aktuellen Gedankenspiele würden beinhalten, dass wir eine kürzere Saison spielen, dass wir allen Vereinen die Möglichkeit offenlassen, dass sie mitspielen oder nicht. Eventuell würden wir den German Bowl, also das für 10. Oktober geplante Endspiel in Frankfurt, ein Stückchen nach hinten verlegen. Das ist nun in den kommenden 14 Tagen die Diskussionsgrundlage. Nach Pfingsten werden wir Klarheit haben, wie so etwas aussehen kann. Der Basketball hat es ein wenig vorgemacht. Dort wird versucht, mit einer Liga der Willigen die Saison zu Ende zu bringen. So etwas schwebt uns auch vor. Es wird darauf hinauslaufen, dass wir eine verkürzte Saison spielen. Da kann es sein, dass man drei oder vier Heimspiele hat, sechs oder acht Spiele in diesem Zeitraum. Dann kämen die Play-offs und der German Bowl.

          Erwägt die Liga sogenannte Geisterspiele, also Partien ohne Zuschauer?

          Nein, das war für alle relativ deutlich, dass Geisterspiele keinen Sinn ergeben. Dann müsste man auf irgendwelche Kleinstplätze ausweichen. Es kann sich niemand vorstellen, in großen, leeren Stadien anzutreten und jemanden zu finden, der dann die Miete trägt.

          Wie sind denn die Reaktionen der Vereine auf die Pläne?

          Sehr, sehr gemischt. Es gibt Klubs, die vehement dafür sind, den Spielbetrieb abzusagen; andere wieder wollen dies auf keinen Fall und sagen: „Das wäre für uns der Tod – also lasst uns spielen.“ Es ist derzeit keine Tendenz zu erkennen. Niemand sagt: „Leute, es ist doch klar, dass wir im September spielen.“ Natürlich nicht. Wir sitzen da ja auch nicht am Steuer. Am Steuer sitzen die Politik und das Virus. Es gibt aber bei uns durchaus auch Stimmen, die sagen: „Das können wir uns überhaupt nicht erlauben, ein Jahr überhaupt nicht stattzufinden. Das wirft uns über Jahre zurück.“ Ein pessimistisches Szenario geht davon aus, dass wir zweieinhalb Jahre nicht spielen werden. Und das ist die Crux an der Geschichte: Fast alle Argumente, die gebracht werden, sind richtige und meist auch gute Argumente. Sehr lokale, subjektive Argumente zum Teil, aber man muss jetzt versuchen, diese zusammenzubekommen.

          Sie sind seit 2002 Präsident des GFL-Klubs Marburg Mercenaries. Wie geht man dort mit der Pandemie um?

          Es gibt bei uns Leute, die machen sich unheimlich Sorgen um die Gesundheit. Es gibt Menschen, die positiver, und Menschen, die negativer herangehen. Die ersteren sagen: „Ja, komm, jetzt trainieren wir in Kleingruppen. Lass uns wenigstens etwas machen. Dann können wir vielleicht im September, Oktober eine ordentliche Saison spielen.“ Es gibt aber auch Menschen, die sagen: „Die Entwicklung wird das nicht hergeben“, und trainieren nicht. Aber wir konnten Fakten schaffen, die positiv sind. Wir haben sehr früh mit der Stadt Marburg geklärt, dass wir wieder in Kleingruppen trainieren können. Wir haben das sehr früh organisiert und waren auch schnell wieder in so einer Art Trott.

          Thomas Kösling, der Headcoach von Frankfurt Universe, hat gerade gesagt, dass mindestens vier bis sechs Wochen Training unter Normalbedingungen, also auch mit Vollkontakt, nötig seien, um eine spielfähige Mannschaft auf den Rasen schicken zu können. Glauben Sie, dass dies den Teams gelingen kann?

          Das ist natürlich auch so eine Diskussion. Wollen wir überhaupt einen Ligaspielbetrieb starten, wenn es noch Einreisebeschränkungen gibt und unsere Importspieler gar nicht hierherkommen können? Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Liga spielen könnte, wenn ein Einreiseverbot noch Bestand hätte. Dann würden ja auch weiterhin Kontakt- und Hygienestandards bestehen, die unseren Sport eigentlich nicht ermöglichen. Und wenn wir bis Anfang August immer noch nicht trainieren können, brauchen wir uns über einen Ligabetrieb nicht zu unterhalten.

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