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Corona-Beschlüsse im Sport : Nur nicht fünfzehn werden

Die Kinder müssen mal raus: Von diesem Montag an ist Sport auf Freiplätzen wieder erlaubt, das Ende von Online-Training aber längst nicht in Sicht. Bild: Lucas Bäuml

Die Öffnungsbeschlüsse stoßen nach näherer Betrachtung im Sport auf Widerspruch. Der Vorsitzende der TG Bornheim hält die Altersregelung für willkürlich.

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          Der Sport ist zurück an diesem Montag – oder doch nicht? Die Beschlüsse von Kanzlerin und Ministerpräsidenten zur Öffnung auch des Sports kamen zunächst gut an bei Vereinen und Verbänden, die schon so lange Stillstand statt Bewegung ertragen müssen und das begründete Gefühl, in der Pandemiepolitik kaum beachtet zu werden. „Wir haben uns intensiv für ein Stufenmodell zur Wiederaufnahme des Vereinssports eingesetzt und freuen uns, dass sich der nun von der Bund-Länder-Runde vorgelegte Plan daran orientiert. Besonders wichtig ist es, dass Kinder sich wieder in Gruppen bewegen können“, sagte Rolf Müller, Präsident des Landessportbunds Hessen. Er ist gut vernetzt mit der Landespolitik.

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          Doch wer sich in diesen Tagen mit Funktionären und Ehrenamtlern unterhält, bekommt schnell einen Eindruck davon, wie die Vorfreude mit genauer Betrachtung des Öffnungsplans großer Ernüchterung gewichen ist. „Mit einem kleinen lachenden und einem großen weinenden Auge“ habe er die Beschlüsse zur Kenntnis genommen, sagt Peter Völker. Der Vorsitzende der TG Bornheim ist wie viele seiner Kollegen aus anderen Turnvereinen enttäuscht über die Beschlüsse und hat kein Verständnis dafür, dass Hallen und Schwimmbäder vorerst geschlossen bleiben müssen, obwohl die Vereine nach dem ersten Lockdown bewiesen haben, dass sie verantwortungsvoll mit der Öffnungssituation umgehen können.

          Der Großteil bleibt auf der Strecke

          Erfreulich sei zumindest, dass das vereinseigene Fitnessstudio von diesem Montag an öffnen könne. Und dass Kinder unter vierzehn Jahren auch wieder Kontaktsport im Freien treiben dürfen. Die TG Bornheim bietet als größter Breitensportverein Hessens deshalb fortan „Outdoor“-Kurse für Kinder an: Auch Karate und Yoga im Freien ist geplant – hoffentlich regnet es nicht. Der Großteil der Mitglieder aber bleibt vorerst auf der Strecke. Zu ihnen zählen für Völker unverständlicherweise auch die Senioren, die größtenteils schon geimpft wurden und sich nach Sport, sozialen Kontakten und Vereinsleben sehnen.

          Erst im vierten Öffnungsschritt, am 22. März, soll bei einer Inzidenz von unter 50 für alle wieder Kontaktsport im Freien und kontaktloser Sport in Hallen möglich sein. Bis dahin ist für die Fünfzehnjährigen das erweiterte Kindertraining verboten. Kurios: Ein Vierzehnjähriger dürfte am Montag beim Hockey mitmachen, am Dienstag aber nicht mehr, falls er über Nacht fünfzehn geworden ist. Die Altersgrenze bezeichnet Völker als „willkürlich“: „Ich bin der Meinung, dass Kinder auf jeden Fall Sport treiben müssen. Ob sie nun zwölf, vierzehn oder achtzehn Jahre alt sind. Der Sport ist wichtig für die Gesundheit.“

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          Das wissen auch die Fußballklubs, die es aufgrund ihres Angebots im Freien etwas einfacher haben. Doch auch ihnen gehen die Maßnahmen nicht weit genug. „Lockerungen in dieser Form reichen nicht aus. Wir müssen schauen, dass es zügiger vorangeht“, sagt Peter Strauch, Vorsitzender des SV Zeilsheim, der eine Öffnung für alle Altersklassen begrüßt hätte: „Wie soll ich den Jungs vermitteln, dass ein Vierzehnjähriger kicken darf, aber ein Fünfzehnjähriger nicht?“

          In Fußballmannschaften, die auf dem Platz von Zusammenhalt und Geschlossenheit leben, ruft das kuriose Situationen hervor. Beim FC Union Niederrad dürfen drei Spieler aus der C-Jugend das Training nicht aufnehmen, weil sie schon fünfzehn Jahre alt sind, während der Rest des Teams zumindest im Training wieder auf Torejagd geht. Der Klub bietet für das Trio Einzeltraining an. „Verstanden, warum das so ist, haben wir aber auch nicht“, sagt der Vorsitzende Khalid Lamjahed. Eine Begründung der Beschlüsse gibt es nicht.

          „Haben furchtbare Bedenken“

          Schon bevor der Sport wieder in Bewegung kommt, denkt Völker an eine Wellenbewegung: „Wir haben furchtbare Bedenken, dass wir wieder schließen müssen“, sagt der Chef der TG Bornheim. Sollte die Inzidenz am 22. März, dem Datum des nächsten angepeilten Lockerungsschritts, zwischen 50 und 100 liegen, ist kontaktfreier Sport in der Halle und Kontaktsport draußen nur mit einem Corona-Schnelltest möglich, ehe vom 5. April an unter diesen Umständen kein Test mehr erforderlich wäre.

          Gemeint sind damit nicht die Selbsttests, sondern die von geschultem Personal vorgenommenen Proben (Schnelltests), von denen es von diesem Montag an für die Bürger einen gratis pro Woche geben soll. Was das für den Alltag im Verein bedeutet? Die befragten Klubs haben noch keine konkrete Vorstellung von der Umsetzung, aber Fragen: Können sich zum Beispiel bei mehreren Trainingseinheiten pro Woche auch Familien mit geringem Einkommen Tests für ihre Kinder leisten? In nur sechs von 26 Landkreisen in Hessen lag die Inzidenz zuletzt unter 50.

          Die Orientierung der Politik ausschließlich am Inzidenzwert hält Völker für „absolut falsch“. Ihm zufolge sollten weitere Parameter wie der R-Wert, die Todesrate oder die Verfügbarkeit von Krankenbetten herangezogen werden, um Entscheidungen für oder gegen die Öffnung des Sports zu fällen.

          Angesichts der Ausbreitung der Mutationen, der wohl erwartbaren Erhellung der Dunkelziffer durch breitere Testungen und einer zunehmenden Lockerheit im Umgang mit den Regeln aufgrund des Impffortschritts halten Experten es für wahrscheinlich, dass die Zahlen wieder ansteigen werden. Bleibt die Inzidenz allein der Maßstab, werden sich gut zwei Millionen Hessen in den 7600 Vereinen wieder auf die Kanzleramts-Vorstellung von ausreichenden Leibesübungen besinnen müssen: Kniebeugen im Wohnzimmer.

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