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Coming-out im Volleyball : Der größte Sieg des Facundo Imhoff

  • -Aktualisiert am

Fühlt sich befreit und spielerisch stärker: Mittelblocker Facundo Imhoff Bild: Imago

Noch immer gilt Homosexualität im Profisport als Tabuthema. Seitdem sich der Volleyballer Facundo Imhoff jedoch zu seiner sexuellen Orientierung bekannt hat, fühlt er sich freier. Das merkt er auch an der spielerischen Leistung.

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          Volleyball war nicht Facundo Imhoffs erste Wahl. Wie so viele Argentinier wollte auch der heute 32-Jährige als Junge Fußball spielen. Sein Trainer ließ diesen Traum platzen, als er dem damals Neunjährigen kein Talent bescheinigte. Seine Füße seien das Problem gewesen, erzählt Imhoff augenzwinkernd. Oder eher deren Zusammenspiel mit dem Ball.

          In Franck, dem kleinen, einst von Schweizer Einwanderern gegründeten und von der Milchproduktion geprägten Ort in der Provinz Santa Fe, aus dem der Mann mit dem deutsch klingenden Nachnamen stammt, gab es nur eine sportliche Alternative. Die hieß, ans Netz zu gehen. Keine schlechte Entscheidung für den heute 2,02 Meter großen Imhoff.

          Der Mittelblocker gehört seit 2014 zum Nationalteam. Nach mehreren Jahren als Profi im eigenen Land, wo er mit dem Klub Ciudad de Bolívar Meister und Pokalsieger war, startete Imhoff auf der Suche nach neuen Herausforderungen eine Europa-Tournee, die ihn über Frankreich und Rumänien, unterbrochen von einem kurzen Heimspiel, 2020 nach Finnland führte.

          „Die beste Entscheidung meines Lebens“

          Als es dort, in Raisio, wegen der Coronavirus-Pandemie kein Gehalt mehr gab, fand der leidenschaftliche Globetrotter beim Bundesligaverein United Volleys einen neuen Job. Gleich bei seinem Debüt für die Frankfurter im Dezember hatte der „Glücksbringer“ einen kleinen Anteil daran, dass die Hessen mit einem Sieg über Rekordmeister VfB Friedrichshafen erstmals ins Finale um den DVV-Pokal einzogen.

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          Beim jüngsten Triumph des Tabellenvierten in Unterhaching war Imhoff mit zehn Punkten United-Topscorer. Seine erfolgreichen Schnellangriffe sind auch an diesem Samstag (19.30 Uhr) beim Besuch des Zweiten aus Berlin in der Ballsporthalle gefragt. Zudem gilt es, die gefährliche Offensive von Diagonalangreifer Benjamin Patch zu stoppen. Den Amerikaner verbindet mit Imhoff, dass beide mit ihrem öffentlichen Bekenntnis zu ihrer sexuellen Orientierung Aufmerksamkeit auf sich zogen.

          Patch erklärte sich im Oktober als erster Bundesligaspieler als „queer“, das Coming-out seines Gegners als homosexuell ist länger her. Als 22-Jähriger vertraute sich Imhoff seinem direkten Umfeld an. Das stete Versteckspiel, die Lügen, die er auftischte, wenn es um Privates ging, hatten ihn zermürbt. „Die beste Entscheidung meines Lebens“, so sagt er heute, habe ihn zu einem anderen Menschen gemacht. Er sei offener, freier geworden und „performe“ besser als Spieler.

          Der Körper reagierte ebenfalls positiv. Zuvor sei er „stressbedingt“ ständig verletzt gewesen. „Ich dachte, es würde sehr schwer werden.“ Angst hatte Imhoff vor den Reaktionen – in der eigenen, religiösen Familie, aber auch im jeweiligen Spielerkreis. Argentinien ist unter den südamerikanischen Ländern jenes mit der höchsten Akzeptanz, den meisten Rechten für Homosexuelle. Die erste Nation im Süden des Doppelkontinents, in der gleichgeschlechtliche Heirat erlaubt war. „Aber im Profisport ist das anders“, betont Imhoff. Da sei das weiterhin ein Tabuthema.

          Kampf um die Rechte

          Seine Befürchtungen bestätigten sich nicht. Im Gegenteil: „Das Verhältnis zu den meisten anderen Spielern wurde enger“, vertrauensvoller. Allein im „konservativen“ Rumänien war der Umgang „schwierig“. Doch der Saisonverlauf mit dem SCM Craiova lehrte ihn, dass Unkenntnis die Mauern hochziehe. „Die haben gemerkt, dass ich ein ganz normaler Mensch bin.“ Während der panamerikanischen Spiele 2019 in Lima sprach der Goldmedaillengewinner als erster argentinischer Sportprofi in einem Interview über seine Neigung.

          Mit der medialen „Explosion“, die das nach sich zog, hatte er nicht gerechnet. Da habe er die vielen Vorbehalte und das noch immer große Schweigen zu dem Thema erst realisiert. Die peruanische Community nutzte seine Popularität in eigener Sache und lichtete ihn mit der Regenbogen-Flagge ab. Die zahlreichen Homosexuellen in dem reichen Land kämpfen noch um ihre Rechte; Volleyball, bei den Frauen Sportart Nummer eins, wird dort von Männern kaum gespielt, weil es als Sportart für Schwule gilt.

          Als „Pionier“ oder „Vorreiter“ würde Imhoff sich nicht bezeichnen. „Aber es war wichtig, dass jemand diesen ersten Schritt macht.“ Er wünscht sich, dass andere seinem Beispiel folgen, statt sich „im Untergrund“ zu quälen. Sein privates Glück ist vollkommen: 2020 heiratete Imhoff Maximiliano de Filippi, einen Beamten im diplomatischen Dienst, der die nächsten beiden Jahre in China verbringen wird. Der Bund der Ehe sichert den Männern auch während der Krise gemeinsame Zeit.

          Wäre Imhoff Fußballspieler geworden, wäre sein Coming-out ein größeres Wagnis gewesen. „Der Sport selbst ist kein Macho-Sport“, betont er. „Aber die Fans sind andere.“ Deshalb müsse man dort mit mehr Verurteilungen und Anfeindungen rechnen. Die zweite Wahl bereut er nicht.

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