https://www.faz.net/-gtl-9tn0t

Bundestrainer Detlef Glenz : Derwisch der Schießhalle

  • -Aktualisiert am

Alles unter Beobachtung: Detlef Grenz, hier bei den Olympischen Spielen 2016 Bild: Picture-Alliance

Er lebt den Sport: Meistermacher Detlef Grenz hat seine ganz eigene Art, mit seinen Athleten umzugehen. Dabei hat der Schnellfeuer-Bundestrainer ein ganz bestimmtes Ziel fest im Blick.

          3 Min.

          Der Guanghua Tempel und die reizvolle Insel Meizhou, zwei touristische Glanzlichter der chinesischen Küstenstadt Putian, sind tabu. Für Detlef Glenz, den Bundestrainer der deutschen Schnellfeuerpistolenschützen, ist die Priorität beim Weltcupfinale in der Millionenstadt im Osten Chinas, das noch bis Sonntag läuft, eindeutig: „Wir sind ja nicht zum Sightseeing da, sondern für den Job.“

          Glenz ist da ausgesprochen akkurat, hat beispielsweise auch bei den vergangenen drei Olympischen Spielen die schmucklosen Schießanlagen auf kargen Militärgeländen, die Shijingshan Schießhalle in Peking, die Royal Artillery Barracks in London und das Estadio de Tiro in Rio de Janeiro, reizvollen Sehenswürdigkeiten wie der Verbotenen Stadt, dem Buckingham Palace und der Christusstatue am Corcovado vorgezogen. Abends mal zum Essen in ein Restaurant nahe am Hotel – das ist das höchste der Gefühle.

          Mehr als 300 Tage im Jahr

          Das Schießen steht in seinem Leben so sehr im Mittelpunkt, dass Olympiasieger Christian Reitz, einer seiner Athleten, sagt: „Detlef macht alles, was geht, für den Sport. Er lebt das.“ Mehr als 300 Tage im Jahr bringt Glenz auf Schießanlagen zu. Der 59 Jahre alte Diplomtrainer betreut außer dem Nationalkader auch andere Mannschaften und ist zudem Jugendwart im Schützenverein 1935 Kriftel. Mit der Krifteler Bundesligamannschaft um Reitz und Oliver Geis, die allerdings nicht mit der Schnellfeuer-, sondern mit der Luftpistole schießt, holte Glenz 2013 und 2018 zwei Meistertitel und zuletzt Rang drei. Bei diesen Bundesliga-Wettkämpfen hüpft er wie ein Derwisch durch die Hallen, immer eine Anfeuerung auf den Lippen. „Er reißt einen mit seinen positiven Emotionen mit“, sagt Reitz – und Geis, Zweiter der WM 2014, ergänzt: „Detlef sorgt für gute Stimmung und lässt uns viele Freiheiten.“ Daneben hat Glenz ein Auge für Verbesserungspotential bei den Athleten und glaubt: „Ansporn ist wirksamer als eine Androhung. Die Sportler müssen auch ihren Spaß haben.“

          Detlef Glenz, geboren an der Weinstraße, aufgewachsen in Deutschland, Österreich, Südafrika und den Vereinigten Staaten, wohin die Arbeit seine Eltern und ihn führte, war früher selbst Schnellfeuerschütze, 1996 deutscher Meister mit der Mannschaft von Dietzenbach und 2012 auch mal Dritter im Einzel. Jahrelang gehörte Glenz zum Nationalkader, irgendwann konnte er die vielen Reisen nicht mehr mit seinem Beruf als Gerberei-Ingenieur und Ledertechniker vereinbaren. „Sport, Beruf und Privatleben waren nicht mehr unter einen Hut zu bringen“, erinnert er sich. Er und seine Frau lebten eine Zeitlang überwiegend vom Verdienst von Martina Glenz. Detlef Glenz wurde „hauptamtlicher Vollzeit-Schütze“ und später Diplomtrainer. „Ich war nie der absolute Spitzenschütze, aber als Trainer mache ich wohl nicht so viel verkehrt“, sagt er. Glenz war Coach verschiedener Teams, unter anderem 15 Jahre lang der Gehörlosen-Nationalmannschaft. Eine angemessene Entlohnung erhält er erst, seit er 2013 Bundestrainer wurde, einer von sieben im Deutschen Schützenbund.

          Seine Disziplin Schnellfeuerpistole ist seit 1896 olympisch, seit den ersten Spielen der Neuzeit. Es ist eine deutsche Domäne mit sechs Goldmedaillen für Ralf Schumann (1992, 1996 und 2004), Kornelius von Oythen 1932, Christian Klaar für die DDR 1976 und eben Christian Reitz in Rio 2016 – und eine sehr spezielle Angelegenheit. „Wir sind so etwas wie die Herzspezialisten in der Medizin“, sagt Glenz, die Pistolenschützen anderer Disziplinen seien eher so etwas wie Allgemeinmediziner. In ihren Wettkämpfen geben Reitz, Geis und Kollegen fünf Schüsse binnen entweder acht, sechs oder nur vier Sekunden ab. Als Bundestrainer hat er seinen Platz im Olympiateam für Tokio im nächsten Sommer schon sicher. Die Schützen selbst qualifizieren sich erst im Frühjahr 2020, in der Disziplin Schnellfeuer kämpfen Reitz, Geis und Aaron Sauter im Mai um zwei Startplätze. Reitz und Geis sind jetzt beim Weltcupfinale in Putian dabei. Reitz wurde Zweiter, Geis Sechster.

          Mit Reitz arbeitet Glenz seit 25 Jahren zusammen, seinetwegen besuchte er 2008 auf eigene Kosten die Olympischen Spiele. Er wollte seinen Athleten, der dort Bronze gewann, unterstützen, zählte als Heimtrainer aber nicht zur offiziellen Olympiadelegation. Der Sportlehrer begrenzte seine Reise damals auf ein Minimum: „Ich saß länger im Flugzeug, als ich in Peking war.“ Auch 2020 wird Glenz die touristischen Attraktionen ignorieren. Die olympische Schießhalle befindet sich außerhalb von Tokio auf dem Armeegelände in der Stadt Asaka.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Marine Le Pen und Viktor Orbán in Budapest

          Le Pen in Ungarn : Bildtermin bei Orbán

          Europas Nationalisten reisen gerne nach Budapest, Marine Le Pen musste es sogar tun. Ob das die französischen Wähler beeindrucken wird?
          Der umstrittene Demokrat: Joseph Manchin im Oktober 2021 in Washington, DC.

          Senator Joseph Manchin : Der letzte Demokrat

          Ein korrupter Verräter? Joseph Manchin stößt auf viel Kritik innerhalb seiner eigenen Partei. Die Republikaner versuchen indes, den Politiker zu einem Seitenwechsel zu motivieren.
          Für manche der Hexer: Tesla-Chef Elon Musk

          Tesla-Aktie : Die Billionen-Dollar-Wette

          Tesla begeistert die Anleger. Eine Aktie kostet jetzt mehr als 1000 Dollar, das Unternehmen wird mit mehr als einer Billion Dollar bewertet. Kann Tesla halten, was es verspricht?
          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreicht Bundeskanzlerin Angela Merkel die Entlassungsurkunde am Dienstag im Schloss Bellevue

          Entlassungsurkunde für Merkel : Am Ende einer Kanzlerschaft

          Der Bundespräsident würdigt die Amtszeit von Angela Merkel als „beispielgebend“. So verabschiedet er die Kanzlerin – und bittet sie, noch ein bisschen weiterzumachen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.