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Boxen : Kämpfen gegen die Gewalt

Nein, in einer schönen Gegend liegt das Sharks' Gym nicht. Eingeklemmt in der Hochhäuserfront des sozialen Brennpunktes Darmstadt-Kranichstein wirkt es wenig vertrauenserweckend. Aber es hat Vorzeigecharakter. Jugendliche trainieren hier mehr als Boxen.

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          Nein, in einer schönen Gegend liegt das Sharks' Gym nicht. Eingeklemmt in der Hochhäuserfront des sozialen Brennpunktes Darmstadt-Kranichstein wirkt es wenig vertrauenserweckend. Es ist rund, zwei Stockwerke hoch, drumherum eine Bar, eine Dönerbude, ein Friseursalon, ein paar Läden, das "Muslim Jamaat Gebetszentrum" und eine Tankstelle.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Wer die Treppe zum Boxstudio hochgeht, sieht als erstes einen großen Aufkleber am Fenster prangen: "Sharks' Gym - home of champions" Drinnen fällt ein riesiger Spiegel ins Auge, der fast die ganze Wand bedeckt. Gleich am Eingang liegt ein Regelblatt. "Der Umgang miteinander hat respektvoll und höflich zu sein, gewalttätige Auseinandersetzungen werden nicht geduldet" heißt es, und: "Im Gym herrscht absolutes Rauch-, Drogen- und Alkoholverbot." Am Eingang steht ein Regal, in das jeder, der die Halle betritt, seine Schuhe stellen muß. Es wird barfuß trainiert.

          Der 150 Quadratmeter große Raum ist prall gefüllt. Rechts stehen Fitneßgeräte, Ergometer, Hanteln. Der Boden ist zur Hälfte mit roten Matratzen gepolstert. An den Wänden hängen Boxhandschuhe, von der Decke baumeln Sandsäcke und ein Punchingball, dazwischen ragt ein Turm aus Autoreifen.

          Trainiert wird hier jeden Tag, am Freitag abend ist der Raum gut gefüllt. Es trainieren Rußlanddeutsche, Marokkaner, Tunesier, Türken, Deutsche, vierzehn bis zwanzig Jahre alt, und auch ein paar russische Mädchen. Es ist heiß, die Luft steht. "Jeder holt ein Seil", ruft Waldemar. Er wohnt im Hochhaus gegenüber, hat früher unter dem Gründer des Boxzentrums, Hubert Numrich, trainiert und leitet diesen Freitag das Kickboxtraining. Numrich lebt und trainiert mittlerweile in Österreich. In seiner Glanzeit hat er im Kickboxen das WM-Finale gegen Witali Klitschko nur knapp verloren. Bei der Finanzierung des Sozialprojektes fand er in Darmstadt nie rechte Unterstützung. Das hat sich nun geändert. Seit zwei Wochen wird das Sharks' Gym offiziell von der Stadt Darmstadt und dem hessischen Sozialministerium finanziert, mit 37000 Euro pro Jahr. Jugendamtsmitarbeiter und Kickboxer Ingo Koch ist von der Stadt vierzig Stunden im Monat freigestellt worden, um das Projekt zu organisieren. Fünf Trainer unterrichten die Schüler, die zwischen acht und sechsundzwanzig Jahre alt sind, auf dem Programm steht vor allem klassisches Boxen und Kickboxen. Ziel ist die Gewaltprävention. Doch kann es eine Initiative gegen Gewalt sein, Jugendlichen das Kämpfen beizubringen? Wer kämpfen kann, kann auch entscheiden, auf das Kämpfen zu verzichten - das ist einer der Grundsätze im Sharks' Gym. Sparring ist besser als Straßenkampf.

          "Früher gab es im Viertel oft Probleme zwischen Russen und Marokkanern. Heute trainieren sie hier zusammen und vertragen sich", sagt Frank, einer der Trainer, und für Ingo Koch ist der Kampfsport "das ideale Medium", um eine Beziehung zu den gegenüber Sozialarbeitern meist verschlossenen Jugendlichen aufzubauen. Frank und die anderen Trainer dienen als Vorbild. Sie sind erfahrene Kämpfer - "Wir könnten sie platt machen, wenn wir wollten, das wissen sie " - und behandeln die körperlich unterlegenen Schüler trotzdem mit Respekt.

          Das Training beginnt mit Seilspringen. nach einer Viertelstunde wird es immer stickiger im Raum. Auch das Öffnen der Tür ändert nichts daran: Man riecht, wie hart hier gearbeitet wird. Waldemar, der ganz vorne steht, kann seine Schüler im Spiegel beobachten. Es gibt keine Vorgaben, jeder springt so schnell und gut er kann, nur aufhören darf man nicht, sonst folgt die lautstarke Aufforderung: "Weiter, schneller!". Dann legt Waldemar sein Seil zur Seite, ruft "zwanzig" und fängt an, wie ein Abfahrtsläufer Kniebeugen zu machen. Alle machen es ihm nach.

          Wer das erste Mal hier ist, rechnet nach dem "Einspringen" mit einer erholsamen Trinkpause. Doch er wird enttäuscht. Als Pause laufen alle zusammen eine Runde im Kreis. Danach geht es ans "Aufwärmen". Der Schweiß fließt in Strömen, und wer in einer kurzen Verschnaufpause zur Wasserflasche greift, dem wird klar gemacht, daß er während des Trainings nichts trinken soll. "Zu zweit", ruft Waldemar nach einer weiteren Laufrunde. Treffer andeuten, angedeutete Schläge abwehren. Es wird ohne Handschuhe und ohne Berührung gekämpft - eine Art Schattenboxen. Hundertprozentige Konzentration ist gefordert. Wer nicht aufpaßt, sieht die Faust des Partners auf sein Gesicht zufliegen.

          "Okay", kommt der erlösende Ruf. "Umziehen!" Damit ist das Training nicht vorrüber, wie der naive Neuling glaubt, im Gegenteil, jetzt geht es richtig los. Mittlerweile hat kaum noch einer eine trockene Stelle auf seinem T-Shirt, nur Waldemar sieht aus, als wäre er gerade erst gekommen. "Umziehen" bedeutet, daß nun jeder ein Paar Boxhandschuhe von der Wand nimmt und sie anzieht. Die erste kleine Verschnaufpause.

          "Linke Gerade!", ruft Waldemar. Einer hält den linken Handschuh auf Gesichtshöhe, der andere schlägt darauf. Alle zehn Minuten wechselt die Kombination. "Rechte Gerade, linker Haken, rechte Gerade, low Kick". Nachdem man eine halbe Stunde abwechselnd in die Handschuhe seines Partners geschlagen und seine Handschuhe als Ziel hochgehalten hat, fühlt man seine Arme kaum noch. Trotzdem geht es nach einer winzigen Unterbrechung an die Boxsäcke und den Reifenturm. "Kommando eins", ruft Waldemar und schickt die Definition hinterher: "Rechte Gerade, linker Haken." Aha. "Kommando zwei: Rechte Gerade, linker Haken, rechte Gerade!" Bis Kommando fünf geht es, und dann wird es schwierig: "Eins" ruft Waldemar. "drei" - "schneller" - fünf" - "fester" - "zwei" , und so weiter, bis sich der Neuling allmählich das Gefühl hat, sich völlig in Schweiß aufzulösen.

          Nach dieser Übung sind die eineinhalb Stunden Training fast vorbei. Doch eine Abschlußübung gibt es noch. Es wird ein Sitzkreis in der Mitte des Raumes gebildet. Ein paar stehen abseits und sie wissen offenbar warum. Fünfzig "normale" Liegestützen, zehn auf den Fäusten, zehn auf drei Fingern - und schon ist der Kreis wesentlich kleiner geworden. Das war's. Waldemar ist zufrieden, alle haben hart gearbeitet.

          Es gibt Leute, die nicht glauben, daß Kampfsport Gewalt verhindern kann. Sie sollten an einer Trainingsstunde im Sharks' Gym teilnehmen. Sie würden eine extrem harte Trainingseinheit erleben, in der niemand wirkt, als wolle er das Kämpfen lernen, um jemanden zu verletzen. Die Schüler helfen sich gegenseitig, die Atmosphäre ist freundschaftlich, und der Neuling kann bestätigen: Nach diesem Training ist man noch zu kaum etwas anderem fähig, als sich auf sein Bett zu legen. Das Vorurteil, Jugendliche würden in Einrichtungen wie dieser zu Kampfmaschinen ausgebildet, hält Frank für völligen Unsinn. "Es gibt hunderte von wissenschaftlichen Untersuchungen, die den Sinn solcher Projekte beweisen", sagt er. Im Mittelpunkt des Trainings stünde der Respekt vor den anderen und der unbedingte Verzicht auf Gewalt und Drogen. "Im Idealfall", sagt Frank "wird das dann auch draußen gelten."

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