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Boxen : Die Soziologie des Kämpfens: Vom Hörsaal in den Ring

  • -Aktualisiert am

Boxhandschuhe: Nicole Haustein zieht sie sich regelmäßig an Bild: DIETER RÜCHEL

Als Ausgleich zu ihrem Studium in Darmstadt ging Nicole Haustein zum Boxen. Jetzt ist sie Profi – und das mit bald dreißig Jahren. Regina Halmich traut Nicole Haustein eine deutsche Meisterschaft und vielleicht sogar einen Europatitel zu.

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          Sie ist staatlich anerkannte Erzieherin. Sieben Jahre lang, inklusive Ausbildung, arbeitete sie mit geistig und körperlich auffälligen Kindern. Dann hat sie ihr Abitur nachgemacht. Und deshalb studiert sie jetzt auch erst im fünften Semester Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Im Januar 2009 wird sie dreißig Jahre alt. Im vergangenen Sommer legte sie zwei Prüfungen ab – eine fürs Vordiplom und eine für die Boxlizenz. Am vergangenen Samstag schließlich hat Nicole Haustein ihren ersten Kampf in Karlsruhe gegen Aljona Belevic bestritten. „Hurra, ich habe gewonnen“, jubelte sie überglücklich nach dem einstimmigen Punktsieg. Vor den vier Runden in der Rheinstrandhalle hatte sie noch „nach dem Ausgang gesucht“. So nervös und angespannt sei sie gewesen.

          Was reizt eine fast dreißig Jahre alte angehende Diplom-Soziologin daran, Berufsboxerin zu werden? Der Traum vom „Million-Dollar-Baby“ – natürlich ohne das tragische Ende in dem gleichnamigen Film von und mit Clint Eastwood? Wohl nicht. Es ist vielmehr die immer wieder zitierte Weisheit des römischen Satirikers Juvenal vom „mens sana in corpore sano“, vom gesunden Geist in einem gesunden Körper. Dabei ergibt sich mitunter der Entschluss zum Boxen als Wettkampf ganz von selbst. Aus dem Spaß wird Ernst.

          Deutsche Hochschulmeisterin

          Mit dem „krassen Gegensatz von Büffeln und Boxen“ erklärt die intelligente und fröhliche Frau mit dem dunklen, gescheitelten Zopfgeflecht ihr Motiv. Sie kokettiert auch nicht mit Sexappeal und reitet nicht auf der Migrantenwelle wie die meisten ihrer Kolleginnen. Nicole Haustein betrachtet das Training im Boxring als ideale Abwechslung von der Arbeit am Schreibtisch. Sie sagt: „Man macht sich den ganzen Tag Gedanken über die Theorien der Welt. Boxen ist das genaue Gegenteil, ist sehr praktisch. Man macht sich eben nicht so viele Gedanken, sondern schult den Körper. Und verdient damit auch noch ein bisschen Geld.“

          Die TU bietet diesen „netten Ausgleich“, so Nicole Haustein, zwischen Hörsaal und Sporthalle. Montags, mittwochs und freitags können sich nach 21 Uhr Studentinnen und Studenten unter Anleitung Christian Bugges, des ehemaligen deutschen Hochschulmeisters und Abteilungsleiters Boxen bei der TG 75 Darmstadt, mit den Fäusten austoben. Die körperliche Ertüchtigung nach dem geistigen Abschalten erfreut sich großer Beliebtheit. An die hundert Teilnehmer haben sich zu den Boxabenden angemeldet. In der Masse der Kämpfer und Haudraufs fiel Nicole Haustein besonders auf – durch ihren Ehrgeiz, ihre Begabung für Schlagrhythmus, vor allem aber durch ihr Bewegungstalent. „Sie würde auch Merengue hinreißend tanzen wie eine Latina“, schwärmt der Ekuadorianer Roberto Culcay, einer der Übungsleiter und Vater des derzeit besten deutschen Kämpfers im olympischen Boxen, Jack Culcay-Keth. Nicole Haustein wurde in ihrem ersten und einzigen Amateurkampf deutsche Hochschulmeisterin. Wenn es sich ergibt, trainiert sie zusammen mit dem Olympia-Teilnehmer und EM-Zweiten, dann unter Anleitung von Vater Culcay. Doch es war Bugge, der seine begabte Schülerin drängte, Berufsboxerin zu werden. „Jetzt. In deinem Alter kannst du nicht mehr warten.“ Der bei der Firma Merck angestellte 35 Jahre alte Ökonom beantragte beim Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) für sich eine Managerlizenz.

          Einstieg ins Boxen

          Die 55 Kilo schwere und 1,67 Meter große Nicole Haustein siegte in dem Federgewichtskampf von Karlsruhe gegen die routiniertere Aljona Belevic (zwei Kämpfe, zwei Siege) dank ihrer Schnelligkeit auf den Beinen, ihrer geschmeidigen Bewegungen mit dem Oberkörper und ihrer guten Kondition. Am Ring beobachtete in der Geburtsstadt des so erfolgreichen deutschen Frauenboxens mit derzeit sechs aktuellen Weltmeisterinnen die zurückgetretene Protagonistin Regina Halmich die aus Frankenthal stammende Novizin. Ihr fachfrauliches Urteil: „Sie hat gute Anlagen, ist talentiert. Nicole hat mir ganz gut gefallen. Sie hat technisch gut geboxt. Sie hat ein gutes Auge. Es fehlt natürlich noch Erfahrung, und die Gegnerin war auch noch nicht der große Prüfstein. Aber: Das Talent ist ausbaufähig. Sie geht sehr leidenschaftlich an die Sache ran und hat sich über ihren Sieg auch wahnsinnig gefreut. Man spürt, dass sie sehr gern Boxerin ist.“

          Diplom-Soziologin und Boxmeisterin schließen einander also nicht aus. Noch mindestens vier Semester hat Nicole Haustein vor sich und wird nicht vor 2011 ihr Diplom erwerben. Dann sieht sie ihre berufliche Zukunft in der Verwaltung, etwa bei einem Jugendamt oder in beratenden Funktionen. „Aber vorher will ich unbedingt einen Titel im Boxen haben“, sagt sie. Regina Halmich traut Nicole Haustein eine deutsche Meisterschaft und vielleicht sogar einen Europatitel zu. Voraussetzung, um das zu schaffen, sind laut Halmich allerdings „professionelle Anleitung und Training unter professionellen Bedingungen“. Da stelle sich die Frage, „wie viel Zeit sie dafür investieren kann“. Der Einstieg ins Boxen im fortgeschrittenen Alter sei jedenfalls bei Frauen, anders als bei Männern, durchaus möglich. Regina Halmich verweist auf das Beispiel der Weltmeisterin im Junior-Fliegengewicht. Julia Sahin hat auch erst mit dreißig Jahren ihr Profidebüt gegeben und wurde mit 33 Halmichs Nachfolgerin. Gute Aussichten also für Nicole Haustein.

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