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Attacke auf Schiedsrichter : Intensität der Gewalt im Amateurfußball nimmt zu

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Für den Sportsoziologen Gunter Pilz ist der Fußball per se kein problematischer Sport. Bild: dpa

Eine Prügelattacke auf einen Schiedsrichter bei einem Amateurfußballspiel in Hessen hat die Debatte um Gewalt im Fußball und die Forderung nach härteren Strafen für die Täter neu entfacht.

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          „Es darf nicht den ersten toten Schiedsrichter in Deutschland geben“, bevor sich etwas ändere, sagte der Berliner Schiedsrichtersprecher Ralf Kisting vor dem vergangenen Wochenende. Rund 1600 Spiele mussten in den Berliner Amateurligen abgesagt werden, weil die Schiedsrichter streikten. Dass Kisting, wie mancher zunächst glaubte, mit seiner drastischen Äußerung keinesfalls heftig übertrieb, wurde zwei Tage später in der Odenwald-Kreisliga deutlich. Ein Spieler des FSV Münster holte in der 85. Minute zu einem Faustschlag aus, der den 22 Jahre alten Schiedsrichter bewusstlos zu Boden gehen ließ. Der Vorfall hat die Debatte um Gewalt im Fußball und die Forderung nach härteren Strafen für die Täter neu entfacht.

          Der erste Vorsitzende des FSV, Peter Samoschkoff, ist „erst mal total schockiert. Man arbeitet die ganzen Jahre für den Verein, man macht das ja ehrenamtlich. Da bricht eine Welt zusammen. Das kann einem dann auch keiner erklären. Viele sagen jetzt, ihr müsst doch eure Spieler kennen, aber so etwas kann man vorher nicht wissen.“ Der Trainer der ersten Mannschaft, Sabri Dogru, muss die Ereignisse erst einmal sacken lassen. „Das waren jetzt auch drei schwere Tage für mich. Natürlich bin ich verantwortlich für die Mannschaft, aber so etwas kann man nicht verhindern.“

          Gewaltfälle steigen nicht

          Bisher habe es in der Liga noch nie solche Vorfälle gegeben: „Das ist in diesem Ausmaß das erste Mal. Ausraster gibt es mal oder ein kleines Gerangel, aber dann ist es auch wieder gut. Fußball ist da schon ein Problemfeld. Die sind alle testosterongesteuert“, sagt Samoschkoff. Der Verein hat Konsequenzen gezogen und die Mannschaft vom laufenden Spielbetrieb abgemeldet. Der Täter wurde suspendiert, hat lebenslanges Hausverbot bekommen und habe laut Trainer Dogru diese Entscheidung auch akzeptiert. „Die Spieler müssen sich jetzt neue Vereine suchen“, so Samoschkoff.

          Obwohl es aktuell so scheint, als würden sich Fälle von Gewalt gegen Schiedsrichter häufen, ist nur eine sehr geringe Zahl der Spiele davon betroffen. Gunter Pilz ist Soziologe und forscht insbesondere zum Thema Sport. Die Vorfälle am Wochenende haben ihn nicht überrascht. Der allgemeinen Panikmache möchte er sich trotzdem nicht anschließen. Seit einigen Jahren erhebt er aus Spielberichten, die Schiedsrichter nach jedem Spiel eingeben müssen, ein jährliches Lagebild.

          Effektivere Gewaltprävention

          Schaut er sich die Zahlen an, kann er keine Veränderung der Situation feststellen: „Die Anzahl der Vorfälle ist und bleibt sehr gering. Wir erfassen circa 85 Prozent der gesamten Spiele, das sind 1,5 Millionen im Jahr. Nur in 0,3 Prozent der Spiele kommt es zu gewaltsamen Zwischenfällen, und diese Zahlen sind in den letzten Jahren gleich geblieben.“

          Die gesammelten Daten sollen einerseits dabei helfen, eine effektivere Gewaltprävention gewährleisten zu können, sie sind aber auch dazu da, in Situationen wie jetzt, da jeder über Gewalt im Fußball redet, die Maßstäbe zurechtzurücken. „Da passiert einmal etwas, und alle stürzen sich drauf. Das suggeriert, diese Vorfälle seien der Normalfall. Das ist aber nicht so“, sagt Pilz. Dennoch wolle er nichts verniedlichen. Denn an der Quantität der Übergriffe habe sich zwar nichts verändert, an der Qualität hingegen schon. Wenn dann mal etwas passiere, gehe es oft härter zu.

          „Gesellschaftliche Tendenzen spiegeln sich im Fußball wider“

          Dies bestätigt auch Thorsten Schenk, Referent für gesellschaftliche Verantwortung im Hessischen Fußball-Verband. Generell passiere nicht mehr, die Intensität sei aber eine andere. „Fairplay Hessen“, die Initiative des Hessischen Fußball-Verbandes, für die Schenk arbeitet, versucht, diesen Tendenzen mit Gewaltprävention entgegenzuwirken. So können Vereine beispielsweise kostenfreies Konflikttraining in Anspruch nehmen, bei dem die Spieler lernen, mit ihren eigenen Konflikten umzugehen. „Man kann dann sehen: In welchen Situationen rastet einer immer aus? Und wie lernt man, sich besser zu kontrollieren?“, erklärt Schenk. Dies funktioniere meistens gut, werde von den Vereinen aber weiterhin zu wenig in Anspruch genommen.

          Beide, Schenk und Pilz, sagen, die Vorfälle hätten nichts damit zu tun, dass Fußball per se ein problematischer Sport sei: „Fußball ist einfach die Sportart Nummer eins. Deshalb spiegeln sich dort generelle gesellschaftliche Tendenzen wider“, sagt Pilz. Es gebe mehr Spieler, diversere Hintergründe als in anderen Sportarten, und die Schwelle, einem Fußballverein beizutreten, sei sehr niedrig. Wenn in der Gesellschaft die Gewaltbereitschaft zunehme, zeige sich das eben auch im Fußball, sagt Pilz. „Menschen, die sich abgehängt fühlen oder eine problematische Biographie haben, neigen eher zu Gewalt.“ Der persönliche Hintergrund der Spieler sei deshalb durchaus relevant.

          Gerade deshalb spielt Gewaltprävention im Fußball eine große Rolle. Es reiche nicht, Strafen zu verhängen, sagt Schenk: „Bevor einer zuschlägt, denkt er nicht darüber nach, welche Strafe ihm blüht.“ Dennoch wünscht er sich, dass Vereine in bestimmten Situationen härter durchgreifen. Dies betreffe nicht nur die Spieler, sondern vor allem auch das Publikum. Wer pöbelt, solle ein Platzverbot bekommen, fordert Schenk. „Es kann nicht sein, dass sich Schiedsrichter an einem Sonntag für 22 Euro so etwas anhören müssen.“

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