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Playoffs im Ringen : Mainzer Hoffnung im Aufstellungspoker

Die Wahrheit liegt auf der Matte: Die Mainzer um Ruhullah Gürler (oben) hoffen auf eine Überraschung im Halbfinale gegen Titelverteidiger Wacker Burghausen. Bild: Kadir Caliskan

Playoff-Kämpfe im Ringen sind auch Rechenspiele: Vor dem Halbfinal-Hinkampf müssen die Außenseiter von Mainz 88 auch darauf hoffen, dass dem Gegner einige Stars fehlen. Ein Turnier in Istanbul spielt eine wichtige Rolle.

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          Die Frage in einem Playoff-Halbfinale lautet eigentlich: „Wer fliegt raus?“ Im Ringen steht davor freilich gerade Anfang Januar und ganz besonders in einem Olympiajahr die Frage: „Wen bekommen wir raus?“ Sie zielt darauf ab, welche ausländischen Ringerstars aufgrund von Verpflichtungen in Trainingslagern ihrer Nationalteams oder gar internationalen Turnieren aus Trainingslagern herauszubekommen sind oder den Kadern der Playoff-Teams womöglich fehlen werden. Gerade mit Blick auf die Spiele in Tokio genießen bei den Sportlern die Gelegenheiten zur Bewährung für eine Teilnahme am olympischen Ringerturnier Priorität. Der Aufstellungspoker, der ohnehin im Mannschaftsringen eine zentrale Rolle spielt, wird um eine Komponente ergänzt.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          So werden beim Mainzer Trainer David Bichinashvili und Sportvorstand Baris Baglan die Gedankenspiele vor dem Halbfina-Hinkampf des ASV Mainz 99 gegen Wacker Burghausen besonders kompliziert. Und es stellt sich abermals die Frage, welchen Sinn das Ringen um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft und die dafür nötigen ökonomischen Anstrengungen haben, wenn im entscheidenden Moment ausgerechnet die Topstars ausfallen.

          Türkische Fristilringer fehlen

          Auf Mainzer Seite wird mit Sicherheit der Georgier Levan Kelekhsashvili fehlen, da er beim Yasar-Dogu-Freistil-Turniers in Istanbul im Einsatz ist. Dort gebunden ist wohl auch der Türke Batuhan Demircin, wodurch gerade im Hinkampf eine Lücke aufreißt, da anders als im Rückkampf sowohl in 75 als auch in 80 Kilogramm Freistil gerungen wird. Beide Kämpfer können in diesen Klassen eingesetzt werden.

          Burghausen wird aber auch Verzicht üben müssen, weil dessen Landsleute Söner Demirtas, Cengihan Erdogan und auch Ahmed Peker ebenfalls in der Heimat in der Pflicht stehen. Erdogan kämpft am Samstag beispielsweise um Platz drei. Alleine Pekers Einsatz wäre möglich, da er am Freitag bereits in der ersten Runde ausgeschieden ist und nach Mainz eingeflogen werden könnte. Es ist müßig zu beurteilen, ob die Ausfälle die Mainzer nun eher begünstigen als den Gegner, der unter anderem dank starker wirtschaftlicher Hilfe durch die Stadt Burghausen auf einen mehr als 30 Ringer umfassenden Kader für die Besetzung der zehn Kämpfe bauen kann.

          Die Abhängigkeit des Mannschaftserfolgs von den ausländischen Stars wird gerne kritisiert, weil er dem Ringen den Ruf einer Legionärssportart eingebracht hat, wo allein der größere Einsatz beim Einfliegen von Weltklassesportlern über Sieg und Niederlage entscheidet. In den Mainzer Viertelfinalkämpfen hat beispielsweise keiner der pro Team gestatteten vier Ausländer gegen einen der zwingend benötigten sechs deutschen Ringer ein Duell verloren.

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          „Abkochen“ mit Ringer Stäbler : Der Kampf vor dem Kampf Bild: Privat

          Aber eine Erkennbarkeit hat zumindest das Mainzer Team in den vergangenen Jahren bewahrt, zumal die Vorgaben des deutschen Ringerbunds mittlerweile die Deutschen-Quote begünstigen und die Wechselspielchen unter den Ausländern bremsen. Elf der 14 im Viertelfinale eingesetzten Sportler gehen mindestens im zweiten Jahr für die Rheinhessen auf die Matte, der Pole Tadeusz Michalik oder auch der Türke Burhan Akbudak sind sogar schon Publikumslieblinge unter den Mainzer Fans. „Wir achten schon immer darauf, dass die Mannschaft ein Gesicht behält. Sonst können wir auch keine Bindung aufbauen zu unseren Zuschauern. Dass die nötig ist, hat das Viertelfinale gegen Burghausen bewiesen. Das konnten wir nur im Doppelpass mit den Fans gewinnen“, sagt Sportvorstand Baris Baglan. Wegen der Fanbindung hoffen die Mainzer im Heimkampf am Samstag auf eine volle Halle und gut 1500 Zuschauer.

          Sie werden Duelle auf Weltklasseniveau erleben, wenn beispielsweise der türkische Greco-Spezialist Burhan Akbudak auf den früheren Mainzer Roland Schwarz, deutscher Kandidat für Olympia und Sohn eines früheren russischen Weltmeisters, trifft oder im Russenduell die Freistilringer Timur Bizhoev und Kakhaber Khubezhty um Punkte kämpfen. Reizvoll dürften einige Vergleiche unter Deutschen sein. Schwergewichtler Gabriel Stark geht gegen Erik Thiele ebenso als Außenseiter in den Kampf gehen wie Etka Sever gegen seinen Nationalmannschaftskollegen Ramsin Azizsir, Ruhulla Gürler vermutlich gegen Michael Widmayer oder auch Dawid Ersetic gegen Matthias Maasch.

          „Burghausen ist auf dem Papier bei den deutschen Ringern vielleicht besser besetzt, entschieden werden die Kämpfe aber immer noch auf der Matte“, sagt ASV-Sportvorstand Baris Baglan. Und da wissen die Mainzer spätestens seit vergangener Woche, was aus fast aussichtsloser Lage noch möglich ist.

          Da drehten sie im Rückkampf einen aussichtslosen Rückstand mit großem Kampfgeist noch in einen Sieg, wenngleich sie dabei auch alle Umstände auf ihrer Seite hatten. Zunächst wurde einem Protest nach dem Hinkampf in Heilbronn stattgegeben, da der Türke Hammet Rüstem nicht rechtzeitig ein Unbedenklichkeitsattest vorweisen konnte für eine Hautveränderung. Dann verletzte sich Christopher Krämer und musste sein Duell mit dem Mainzer Dawid Ersetic kampflos aufgeben, was letztlich bei Punktgleichheit zwischen den Teams am Ende den Ausschlag zugunsten der Mainzer gab. Aufgabesiege werden wie Schultersiege gewertet, dank eines leichten Vorteils in dieser Unterwertung stand am Ende nach zehnminütigem Studium der Regularien der Mainzer Sieg fest. „Die Warterei nach dem Ende war härter als der Kampf selbst“, sagte später Johannes Deml, der zu den Mainzer Matchwinnern zählte.

          Ringen im Selbstversuch : Am Boden und in der Luft

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