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Ashot Shahbazyan : Armenisches Ringerblut

Mit Wille und Leidenschaft: Ashot Shahbazyan (im Bild im Kampf gegen Florian Losmann) kämpft um seine Chance. Bild: Marion Stein

Ashot Shahbazyan startet erstaunlich stark in seine erste Bundesligasaison als Ringer des ASV Mainz 88. Das 18 Jahre alte, mit seinen Eltern aus Armenien ausgewanderte Talent hofft auf die deutsche Staatsbürgerschaft.

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          Ringen ist Rechnen. Seit einem Jahr mehr denn je. Denn seither gibt es eine Punkteregel in der Bundesliga. Ringer werden mit einem Wert bis maximal acht Punkte beispielsweise für einen ausländischen Weltmeister oder Olympiasieger belegt, in der Addition dürfen die Zehner-Team maximal 28 Punkte auf die Matte schicken. Da sind Eigengewächse der Klubs von besonderem Wert: Sie reduzieren die Summe um zwei Punkte. Der erst 18 Jahre alte Ashot Shahbazyan verschafft dem ASV Mainz 88 deshalb allein mit seinen Einsätzen in der ersten Mannschaft Raum für die Nominierung eines Spitzenkönners wie dem Türken Burhan Akbudak, der als U23-Europameister von 2017 sieben Punkte „kostet“.

          Shahbazyan aber ist anders als so viele andere junge „Minus-2“-Ringer kein reines „Opfer“ im Dienst des Aufstellungspokers. Shahbazyan ist eher als Beispiel für die positiven Folgen der Reform anzusehen: Sein Status als Eigengewächs eröffnet ihm die Möglichkeit, sein Talent schon früh auf höchster Ligaebene unter Beweis zu stellen. Am Wochenende gelang ihm das beim 18:8-Sieg seines Vereins im prestigeträchtigen Rheinhessen-Derby beim Nachbarn Alemannia Nackenheim mit Bravour. Im dritten Kampf eines stimmungsvollen Abends vor mehr als 700 Zuschauern in Bodenheim nahm er in einem vorentscheidenden Moment die Luft aus den Nackenheimer Hoffnungen auf den ersten Sieg gegen den großen Nachbarn, dreifacher deutscher Meister und einst Klub der Ringerlegende Wilfried Dietrich.

          Shahbazyan lag im dritten Kampf gegen den acht Jahre älteren Florian Losmann bereits 0:7 zurück, ehe er seine konditionelle Stärke unter Beweis stellte und den Rückstand dank einer Schiedsrichterwertung zu seinen Gunsten vier Sekunden vor Schluss noch in einen 8:7-Sieg drehte. Der Erfolg war die Grundlage dafür, dass die Mainzer den Nackenheimern nach dem prestigeträchtigen Rheinhessenderby der rivalisierenden Nachbarn mit nun 6:0 Punkten aus den ersten drei Kämpfen die Tabellenführung in der Nordwestsstaffel der dreigeteilten Bundesliga entrissen haben. Beide Klubs steuern recht sicher auf die erwartete Qualifikation für die Playoffs  der besten acht Teams aller Staffeln zu.

          „Ich gebe niemals auf“, sagt Shabazyan. „Dass es noch ein Sieg wurde, war gerade in dieser Atmosphäre etwas ganz Besonderes.“ Derbys sind im Ringen wie eh und je die ganz besonderen Abende, an denen dieser Sport mit den puristischen Duelle zweier Sportler ohne jedes Hilfsmittel außer den eigenen Händen und Beinen sowie Technik und vor allem Strategie auflebt. „Solche Abende wie heute halten das Ringen in Deutschland am Leben“, sagte Etka Sever, Griechisch-Römisch Spezialist vom ASV Mainz 88 deshalb auch nach dem Kampf. Und er lobte seinen jungen Mannschaftskameraden Shahbazyan dafür, dass er gerade in der heißen Phase „seinen Mann gestanden“ habe. „Wenn er weiter so fleißig trainiert, wird seine Zeit kommen“, sagte Sever. „Er ringt mit Wille und Leidenschaft.“

          Hoffen auf die deutsche Staatsbürgerschaft

          Beide Eigenschaften bewies Shahbazyan in seinen nun drei ersten Bundesligakämpfen. Vergangenen Donnerstag bot er beim Mannschaftssieg gegen den KSV Witten einem europäischen Spitzenringer wie dem Rumänen Florin Tita sechs Minuten lang beherzt Widerstand. Gegen den deutlich erfahreneren Losmann war nun seine erste Chance auf einen persönlichen Erfolg in der Bundesliga gekommen und er nutzte sie. „Ich gehe erst einmal in jeden Kampf mit der Einstellung, dass der Gegner auch nur ein Mensch ist“, sagt Shabazyan. „Mir ist dennoch klar, dass ich gerade in diesem ersten Bundesligajahr auch noch Lehrgeld zahlen muss.“ Dafür stellte er sich, wie auch sein Gegner Losmann,  auch in der ihm weniger liegenden Stilart Griechisch-Römisch zur Verfügung, weil in seiner Gewichtsklasse bis 61 Kilogramm erst in der Rückrunde ab November im freien Stil gerungen wird. „Bis dahin will ich so viel Erfahrung sammeln, dass ich dann vielleicht noch ein bisschen besser zurecht komme.“

          Im Leben findet sich der vor sieben Jahren mit seinen politisch verfolgten Eltern und seinem Bruder aus Armenien nach Deutschland ausgewanderte Ringer offenbar gleichfalls gut zurecht. Im kommenden Jahr will er nach der mittleren Reife sein Fachabitur ablegen. Den geradlinigen Weg vom Fünftklässler ohne jede Deutschkenntnis zum jungen Erwachsenen mit den zum Alter passenden Schulabschlüssen führt Shahbazyan auch auf den Sport zurück, dessen Grundlagen er bereits als kleiner Junge in Armenien erlernt hatte, wo Ringen ein Volkssport ist. „Ich bin ein wenig stolz darauf, dass dieses armenische Ringerblut in meinen Adern fließt“, sagt er. „Aber mein Bruder und ich haben durch den ASV schnell Freunde und Anschluss gefunden in Deutschland. Das hat uns sehr geholfen. Unser Traum wäre es deshalb, für Deutschland zu ringen. Wir wollen hier was leisten und etwas zurückgeben für die Hilfe, die wir erfahren haben.“

          Shahbazyan hofft, dass seine Eltern, aber vor allem auch sein Bruder und er in naher Zukunft die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten und er dann bei Kaderlehrgängen neue Entwicklungschancen erhält. Der Deutsche Ringer-Bund dürfte nach den ersten Auftritten in der Bundesliga demnächst auch mal ein Auge auf den jungen Mainzer richten. Während der Verband anders als in früheren Zeiten bei Initiativen zur Einbürgerung gestandener Athleten eher zurückhaltend ist, sieht er sich bei in Deutschland aufgewachsenen Talenten aus dem Ausland in der Pflicht. „Und wenn ein Verein und ein Sportler uns um Unterstützung bitten bei einem Einbürgerungsverfahren, dann werden wir immer das tun, was in unseren Möglichkeiten liegt“, sagt DRB-Sportdirektor Jannis Zamanduridis. Für Shahbazyan dürften die Worte Ansporn sein, auch wenn eine Einbürgerung selbst im günstigsten Fall wohl noch mindestens zwei Jahre auf sich warten lassen würde.

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