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Leipzig-Kommentar : Ein roter Bulle als rotes Tuch

Wird in deutschen Stadien permanent angefeindet: Leipzig-Stürmer Timo Werner Bild: dpa

Leipzig-Stürmer Timo Werner wird in deutschen Stadien permanent angefeindet. Sein „Vergehen“ besteht dabei vor allem aus einer Sache. Und die Verantwortlichen schätzen den Fall falsch ein.

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          Hoffen darf man immer. Und nachvollziehbar war es auch, dass Ralph Hasenhüttl fand, es sei an der Zeit, dieses Thema nun endlich ruhen zu lassen. Zu befürchten ist aber etwas anderes: dass die Beschimpfungen gegen Timo Werner so schnell nicht aufhören werden. Sicher, der Gang nach Gelsenkirchen war der bislang wohl schwerste für den Leipziger Angreifer, seit er im Hinspiel durch freien Fall im Strafraum und – zunächst – uneinsichtiges Verhalten für kollektive Empörung gesorgt hatte.

          Wie nicht anders zu erwarten, bekam Werner am Sonntag Pfiffe und Pöbeleien fast in Dauerschleife um die Ohren – und man kommt nicht umhin, das Wort „Hurensohn“ einmal zu erwähnen, um deutlich zu machen, auf welchem Niveau sich der Versuch der Herabwürdigung bewegt. Das Verstörende ist aber nicht, so unappetitlich sie war, die spezifische Schalker Reaktion, sondern die Tatsache, dass es sich gar nicht um eine solche handelte.

          Atmosphärische Störungen

          Auch in Dortmund wurde Werner vor ein paar Wochen ausgepfiffen – nicht so drastisch wie nun in Gelsenkirchen, aber vernehmlich. Es war Werners Premiere im Nationaltrikot, und die atmosphärischen Störungen, die sie begleiteten, blieben medial wohl nur deshalb unter der Wahrnehmungsschwelle, weil Lukas Podolskis Abschied zu einem rauschenden geriet. Ein paar Tage später waren dann schon wieder Schmähgesänge auf Werner aus einem deutschen Fanblock zu hören, in Baku. Was auch deshalb bemerkenswert war, weil Werner selbst knapp 4000 Kilometer entfernt zu Hause saß – er hatte die Reise wegen einer Verletzung gar nicht angetreten.

          Wer häufiger ein Stadion besucht, auch in der Bundesliga, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier etwas Unseliges verselbständigt hat: Werner-Bashing als Volkssport der primitivsten Sorte. Wobei sein „Vergehen“ vor allem darin zu bestehen scheint, für den „falschen“ Verein zu spielen: ein roter Bulle als rotes Tuch.

          Was das mit einem jungen Mann von 21 Jahren macht, ist die eine Frage. Wer ihn davor schützt, die andere. Dietmar Hopp, der Hoffenheimer Mäzen, hat sich gegen Schmähungen vergleichbarer Couleur nun zur Wehr gesetzt, mit einem anwaltlichen Schreiben an den Deutschen Fußball-Bund. Und Werner? In Gelsenkirchen antwortete er mit dem Leipziger Führungstor und einem rundum reifen Auftritt beim 1:1. Dafür bekam er selbst von Schalker Seite Anerkennung. Besser aber wäre es gewesen, die Verantwortlichen der „Königsblauen“ hätten sich vorher schon zu Wort gemeldet – mit ein paar deutlichen Worten an ihr wertes Publikum. Für so ernst hielt man die Sache dann aber offenbar auch wieder nicht. „Das gibt es in jedem Fußballstadion mal“, sagte Manager Heidel. Solange niemand etwas unternimmt, ist genau das zu befürchten.

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