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Sport im Alter : Fitnessparcours Ü 80

Fit im Alter: Else Reinhardt macht Gymnastik, Karl-Heinz Lietz sieht zu Bild:

Die Gesellschaft wird immer älter. Sportangebote für eine betagte Kundschaft lohnen sich - für die Betroffenen, die Krankenkassen, die Industrie. Im Trend: Bewegungsparks für Senioren. Ein Umdenken hat stattgefunden.

          Else Reinhardt holt ihre blaue Gymnastikmatte aus dem Eichenschrank und legt sie auf den Orientteppich. Die 88 Jahre alte Dame bückt sich und umfasst ihre Fußspitzen mit beiden Händen; ganz lassen sich die Beine nicht mehr durchdrücken. Sie legt sich auf den Rücken. Mit Schwung fliegen die Beine über den Kopf - und ihre Zehenspitzen berühren den Boden. Seit sieben Jahren lebt Else Reinhardt im Seniorenheim der Budge-Stiftung in Frankfurt, allein in einer kleinen Wohnung mit Balkon.

          Anne-Christin Sievers

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Sie ist vorbereitet, wenn er kommt, der Tod. Der schwarze Anzug für die Trauerfeier hängt beschriftet im Schrank, das Grab ist bestellt, neben ihrem Mann und ihrer Tochter, die mit 58 Jahren an einem Schlaganfall starb, das Testament ist gemacht. Und doch steht jeden Morgen Gymnastik auf dem Programm – immer um halb elf, eisern. Die Fingergelenke sind geschwollen, von der Arthrose. Damit sie die nicht noch in den Zehen bekommt, bewegt sie sich: „Ich lasse mich nicht hängen.“

          Was kann man tun, um die Mobilität zu erhalten?

          Die Gesellschaft wird immer älter: Laut Statistischem Bundesamt sind heute 20 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre alt und älter. Im Jahr 2060 wird jeder Dritte die 65 und jeder Siebte die 80 überschritten haben. Krummer Rücken, Muskelabbau, Arthrose - so ist das eben im Alter, da kann man nichts machen, hieß es früher. Je mehr die Alten aber die Mehrheit der Gesellschaft bilden, desto deutlicher wird, was sie brauchen. Ein Umdenken hat stattgefunden, heute lautet die Frage: Was kann man tun, um die Mobilität möglichst bis ins hohe Alter zu erhalten - auch aus finanziellen Gründen. Denn wenn alte Menschen beweglich bleiben und gesund alt werden, entlastet das die Gesundheitskassen.

          Fitnessanlage für Senioren im Frankfurter Park Rose-Schlösinger-Anlage

          Von ihrem Fenster neben der Küchenzeile blickt Else Reinhardt auf Apfelwiesen, Schrebergärten – und auf den Bewegungspark, den das Altenheim vor mehr als einem Jahr gebaut hat. Manchmal sieht sie dort auch Karl-Heinz Lietz, der jeden Tag hierher kommt. Seit sechs Monaten erst lebt der Fünfundachtzigjährige in dem Seniorenheim. Vom Hinterausgang des Hauses marschiert er den Fußweg hoch, der sich mit kleiner Steigung nach oben schlängelt. Er stützt sich auf seine Wanderstöcke aus Aluminium. Mit den Stöcken hält er sich gerader, trotz Morbus Bechterew, sagt er und strahlt. Oben angekommen, macht Lietz seine Übungen. Zum Beispiel auf dem Balancebalken. Er hält sich links und rechts an Eisenstangen fest, tastet sich mit vorsichtigen Schritten vorwärts. Die schmale lange Platte kippt von links nach rechts, mit seinem Körpergewicht muss er sie ausbalancieren. Wer sich hier gut auf den Beinen halten kann, der stürzt auch im Alltag nicht so leicht. „Die Bewegung wirkt auf die Psyche. An der frischen Luft fühl ich mich so sauwohl“, sagt er. „Wer nicht mehr nach draußen geht, wird depressiv.“

          Ganz auf die Bedürfnisse von Senioren zugeschnitten

          Dass der Weg zum Bewegungspark den Bewohnern einige Anstrengung abverlangt, hat durchaus seinen Sinn: „Wer es da hoch schafft, der kann dann die Geräte auch allein benutzen“, sagt Ulrike Manderscheid, die als Physiotherapeutin in dem Altenheim arbeitet. Senioren, die die Steigung nicht allein schaffen, begleitet eine Pflegerin - sie leistet dann auch bei den Geräte-Übungen Hilfestellung. Und noch einen zweiten Vorteil hat die Lage des Parks: Zwar ist er öffentlich zugänglich, doch umgeben von hohen Bäumen schützt er die Senioren vor neugierigen Blicken - nicht jeder betagte Mensch möchte beim Sport beobachtet werden.

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