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Slackline : Das absolute Vertrauen

Nur gehen ist nicht genug: Andy Lewis auf einer Highline im Yosemite Park Bild: Patrick Riffel/www.urbanslackline.de

Gleichgewichtssinn, Koordination, Körperbeherrschung, Überzeugung: Slackliner wie Andy Lewis balancieren in großer Höhe auf einem schmalen Band - auch ohne jede Sicherung.

          Andy Lewis ist müde. Mit kleinen Augen, niedergestreckt vom Jetlag, liegt der Amerikaner schlapp in dem tiefen Sessel am Rand der Bühne auf dem Brixener Domplatz. Jener Bühne, auf der er zwei Tage später vor 1300 Zuschauern um den Titel des Slackline-Weltmeisters kämpfen wird. Lewis wird dort Zweiter werden, hinter seinem Landsmann Michael Payton, er wird damit die Weltcup-Gesamtwertung gewinnen, wie schon im Vorjahr, aber vielen Fans wird das herzlich egal sein. Sie sind gekommen, um Andy Lewis zu sehen. Den Superstar der Szene, den Mann, der für viele „Mister Slackline“ ist. Und für andere ein Verrückter. Womöglich gar ein Lebensmüder.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das hat mit Bildern zu tun wie denen von der „Mexican Caulk gun“. Das ist der Name einer Leine in der kalifornischen Wüste, die in 35 Meter Höhe über einen Abgrund gespannt ist, 15 Meter lang. Sie führt auf einen einsam aufragenden schmalen Felsturm hinüber. In der Mitte der Leine ist Lewis zu sehen, die Arme seitlich in der Höhe, mit freiem Oberkörper über das schmale Band balancierend. Man schaut instinktiv, wo ist er gesichert, wo ist das Seil, das ihn im Fall des Falls abfängt? Nur: Da ist nichts. Da ist nur Andy Lewis. Und die Leine. Und jede Menge Luft.

          Free Solo heißt der Stil, die Slackline ohne jede Sicherung zu begehen. Free Solo auf einer Highline unterwegs zu sein, also auf einer hoch über dem Boden gespannten Leine, ist die ultimative Form des Slacklinens. „Free Solos faszinieren mich am meisten“, sagt Lewis, „es ist die beste Seite des Slacklinens.“ Es ist nicht nur die Ausgesetztheit, die ihn reizt, das Risiko, das Aufs-Spiel-Setzen des eigenen Lebens, des größten anzunehmenden Einsatzes.

          „Die Angst ist immer da“

          Es ist auch die maximale Freiheit, das Überwinden der eigenen Grenzen, die vollkommene Konzentration, die absolute Kontrolle. „Es ist wie ein höherer Bewusstseinszustand“, sagt Lewis, „ein Zustand extremer Fokussierung.“ Im November 2010 ging der 25 Jahre alte Amerikaner ohne Sicherung über eine knapp 40 Meter lange Highline - die längste, die bis dahin Free Solo begangen worden war. Alles nur Erfahrungssache? „Die Angst“, sagt Andy Lewis, „ist immer da. Aber man trainiert, mit dieser Angst umzugehen.“

          Das Problem mit dem Slacklinen sei, sagt Lewis, dass es umso leichter aussehe, je besser es einer beherrsche. Viele hätten deshalb keine Vorstellung, wie schwierig und wie furchteinflößend der Sport wirklich sein kann. Oft ist die wahre Herausforderung die Geduld, sich über Jahre die psychische Sicherheit auf der Leine zu erarbeiten, das absolute Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu schaffen. Konzentrationsvermögen, Gleichgewichtssinn, Körperbeherrschung, Koordination, all das ist wichtig auf der Slackline.

          „...oder ich wäre tot gewesen“

          Beim Free Solo aber muss zweierlei dazu kommen: die Gewissheit, im Fall des Sturzes die Leine fangen zu können, als letzte Sicherheitsreserve; und die innere Überzeugung, der Sache gewachsen zu sein. Und selbst dann tut man gut daran, seinen Instinkten zu vertrauen. „Ich habe letztes Jahr auf einer Solo-Highline fünf, sechs Schritte gemacht und das Gefühl gehabt: Irgendwas stimmt nicht“, sagt Lewis. „Es war wirklich gruselig.“ Lewis ging zurück. Der Nächste, der die Line versuchte, stürzte, mit Sicherung. „Wenn ich gestürzt wäre, hätte ich entweder die Leine erwischt, oder ich wäre tot gewesen“, sagt Lewis. Die Leine, stellte sich heraus, war offenbar nicht richtig aufgebaut gewesen.

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