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Slackline : Das absolute Vertrauen

Lewis kam vor gut sieben Jahren über einen Freund zum Slacklinen. Der Sport ist Anfang der achtziger Jahre entstanden, als Freizeitbeschäftigung von Kletterern im Yosemite National Park in Kalifornien. Sie vertrieben sich bei schlechtem Wetter die Zeit, indem sie auf Ketten und Tauen balancierten. Als die Kletterer Adam Grosowsky und Jeff Ellington das Ganze auf Schlauchbändern versuchten und diese Idee mit in den Park brachten, war das heutige Slacklinen geboren. Bald zogen sie mit den Bändern auch in die Berge und bauten die ersten Highlines auf. Populär wurde das Slacklinen aber erst viel später - auch dank der Videos im Internet, deren aufsehenerregende Bilder viele in ihren Bann zogen. So auch einen jungen Amerikaner namens Andy Lewis.

Heute ist Lewis die prominenteste Figur der schnell wachsenden Slackline-Gemeinschaft - nicht nur wegen seiner extrovertierten Art und der charakteristischen wilden Locken. Der Amerikaner beherrscht auch alle Facetten des Sports auf beeindruckende Weise. Er macht nicht nur mit Free-Solo-Aktionen von sich reden, er bewältigte auch eine mehr als 100 Meter lange Highline, und er hat allein in diesem Jahr 70 bis 80 Basejumps hinter sich, Absprünge von der Highline mit einem Fallschirm im Rucksack. Lewis ist zudem der kreativste und prägendste Trickline-Pionier, mit immer neuen akrobatischen Bewegungselementen hat er die Entwicklung des Sports entscheidend vorangetrieben - Figuren, Sprüngen, Drehungen, Kombinationen. In Wettkämpfen wie in Brixen treten die Slackliner im K.-o.-Modus gegeneinander an, jeder hat zwei Minuten Zeit auf der rund einen Meter hohen Leine, um seine Tricks zu zeigen; fällt der eine runter, ist der andere dran. Danach bestimmt eine Jury nach Kriterien wie Stil, Kreativität oder Technik den Sieger.

Einst war Andy Lewis der Erste, der einen Rückwärtssalto auf der Slackline stand. „Ich habe fast ein Jahr gebraucht, um das zu schaffen“, sagt er. Heute zählt der Rückwärtssalto zum Standardprogramm der Weltspitze, auch bei der WM in Brixen war er, wie der Vorwärtssalto, häufig zu sehen. „Es tut sich eine Menge, es gibt viele neue Tricks und Stile“, sagt Lewis. So holt den Slackline-Profi Lewis schön langsam die Entwicklung ein, die er selbst mit angestoßen hat. „Es wird immer schwerer, in allen Formen des Slacklinens wirklich gut zu sein, es gibt inzwischen so viele gute Leute“, sagt er.

Slackline, das ist auch die Suche nach immer neuen Möglichkeiten, neuen Lines, neuen Orten, neuen Ausdrucksformen. Auf der Ispo 2010 versuchte sich Lewis schon am doppelten Rückwärtssalto. Ein Video davon ist im Internet zu sehen. Er stand ihn, auf dem Boden, mit knapper Not. „Das wird noch ein bisschen dauern, es braucht dafür einen guten Turner und einen sehr guten Slackliner. Ich bin noch nicht so gut“, sagt Andy Lewis. Und grinst. Als Slackliner weiß er: Der Weg ist das Ziel.

Slackline: die schlaffe Leine

Die Geheimnisse der Leine „Slackline“ bedeutet übersetzt „schlaffe Leine“ - und damit fangen die Probleme schon an. Anders als beim klassischen Drahtseilakt ist das zwischen 25 und 50 Millimeter breite Kunstfaserband beim Slacklinen immer mehr oder minder heftig in Bewegung - je nachdem, wie straff die Leine gespannt ist. Weil das Gefühl, auf einem Wackelpudding zu gehen, viel Balancevermögen und Körperbeherrschung verlangt und die ständigen Ausgleichsbewegungen zudem die Muskeln fordern, ist das Slacklinen in vielen Sportarten zur beliebten Trainingsform geworden - nicht nur im Klettern, sondern auch im Skifahren, Snowboarden, Surfen oder im Kampfsport. Selbst Formel-1-Pilot Nico Rosberg übt inneres und äußeres Gleichgewicht auf der Leine. So einfach der Grundgedanke beim Slacklinen ist, so vielfältig sind die Formen, die sich entwickelt haben. Klassische Disziplinen sind Low-, High- und Longline, bei denen auf niedrigen, hohen oder langen Leinen balanciert wird. Bei der Rodeoline hängt die Leine extrem weit durch, die Trickline ist bretthart gespannt, um den Trampolin-Effekt für Tricks auf der Leine zu nutzen. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt: Es gibt Leinen, die übers Wasser führen, Highlines, die zum Absprung für Basejumps verwendet werden, und Flashlines, die schnell an einem speziellen Ort aufgebaut, begangen und wieder abmontiert werden - wie etwa am Eisbach in München. So ist Slacklinen längst zur Breitenbewegung geworden und an Grenzen gestoßen. Wegen möglicher Schäden an Bäumen durch die Befestigung der Leinen und der enormen Zugkräfte, die beim Slacklinen auftreten, ist der Sport in manchen Stadtparks wie etwa in Stuttgart untersagt. Wer anderswo reinen Gewissens zwischen Bäumen Slacklinen will, sollte immer auch einen Baumschutz montieren. (nle.)

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