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Pétanque : Wo sich Leger und Schießer die Kugel geben

  • -Aktualisiert am

Kugeln, die die Welt bedeuten: Die Schätze eines Pétanque-Spielers Bild: Marcus Kaufhold

Wenn Amateure im Park spielen, heißt es Boule, wenn Könner die Kugel in die Hand nehmen, ist es Pétanque: Was nach Entspannung und Bildern wie aus dem Urlaub aussieht, ist manchem ein ernsthafter und ernstzunehmender Sport.

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          Die erste Kugel liegt scheinbar perfekt, direkt an der kleinen Zielkugel. Ein gutes Gefühl für einen Boule-Anfänger. Dann kommt Klaus Bittner und macht alles kaputt. Er peilt aus zehn Metern Entfernung sein Ziel an, schießt und - klack, aus der Traum.

          Eigentlich ist Boule einfach: Der Pointeur sucht einen Aufsatzpunkt, den Donnée, für den er je nach Beschaffenheit des Untergrunds einen hohen Wurf mit viel Effet wählt - um so nah wie möglich ans Cochonnet, an die Zielkugel, zu spielen. Dann benötigt der Tireur wenigstens eine seiner beiden Kugeln, Boules, um den Weg wieder freizuräumen. Beruhigend zu wissen, dass man als Anfänger nicht nur mit den Sprachproblemen in guter Gesellschaft ist. Rund 14.500 Spieler sind in den Vereinen des Deutschen Pétanqueverbands (DPV) organisiert, fast tausend kommen pro Saison dazu.

          Pétanque bedeutet „Füße zusammen“

          Boule bezeichnet mehrere Spiele, von denen Pétanque am weitesten verbreitet ist. Es ging einst aus dem Jeu Provençal hervor, dessen Anlauf man kurzerhand strich, damit auch Gehbehinderte mitspielen konnten - daher auch der provençalische Name: Pétanque bedeutet „Füße zusammen“. Ein Kreis mit engem Radius darf beim Wurf nicht verlassen werden. Gespielt wird einzeln im Tête-á-tête, zu zweit im Doublette oder zu dritt im Triplette, in wechselnder Besetzung.

          Auch auf die Taktik kommt es an: Welcher Spieler unternimmt den nächsten Versuch? Wird weiter gelegt oder doch erst der Weg freigeschossen?
          Auch auf die Taktik kommt es an: Welcher Spieler unternimmt den nächsten Versuch? Wird weiter gelegt oder doch erst der Weg freigeschossen? : Bild: Marcus Kaufhold

          Ziel ist es, der kleinen hölzernen Zielkugel, „der Wutz“, wie die Frankfurterin Martha sie nennt, möglichst nahe zu kommen. Wenn ein gefühlvoller „Leger“ seinem Team den Vorteil verschafft, dann ist der „Schießer“ der anderen Mannschaft gefragt, die Kugel wieder wegzukatapultieren. Klaus Bittner, der fast täglich mit den „Bornheim Boules“ im Frankfurter Günthersburgpark spielt, ist so ein Schießer. Leider.

          Seit einem Jahr gibt es eine Bundesliga

          Auch auf die Taktik kommt es an: Welcher Spieler unternimmt den nächsten Versuch? Wird weiter gelegt oder doch erst der Weg freigeschossen? Punkten kann nur, wer am Ende der Zielkugel am nächsten liegt - gehören seinem Team mehrere der besten Kugeln, gibt es mehrere Punkte. Ähnlich wie beim Curling werden Wege blockiert und Kugeln aus dem Feld bugsiert, das Spiel ist ein ständiger Wechsel aus Erfolgserlebnis und Ernüchterung. Wie bei jedem Sport entscheidet die Psyche.

          Boule ist für viele inzwischen ambitionierter Sport. Seit einem Jahr gibt es eine Bundesliga. Für den deutschen Nationalkader um den WM-Fünften Jannik Schaake aus Mannheim sind derzeit die World Games das größte Ziel, die Spiele der nichtolympischen Sportarten. Dafür müssen sie sich im November bei den Weltmeisterschaften im Senegal qualifizieren.

          Neuerdings gibt es Doping-Kontrollen

          Bei deutschen Meisterschaften finden neuerdings Doping-Kontrollen statt, getestet wird auf Alkohol, Drogen und Beruhigungsmittel. „Jetzt wird's deutsch“, sagt dazu Klaus Bittner und lacht. Mit all der Regulierung entferne sich der Verband immer weiter vom Freizeitspaß Pétanque, bei dem man auch mal einen Rotwein trinkt. „Allerdings darf man, wenn man der Schießer im Team ist, wirklich nichts trinken“, sagt Bittner, „sonst geht die Trefferquote in den Keller.“

          Auf dem Platz bei den „Bornheim Boules“ geht es entspannt zu. Einer trägt die typische Baskenmütze. In Kürze fahren Bittner, Martha und die anderen wieder ins Trainingscamp nach Frankreich. Sie werden gegen einheimische Klubs ihr Glück versuchen - ein mutiger Schritt, leben doch im Mutterland des Sports die einzigen Profis weltweit. Bei Turnieren wie der „Mondial Marseillaise“ mit rund 12 000 Teilnehmern werden bis zu 150 000 Euro Preisgeld ausgeschüttet.

          Schlechte Platzverhältnisse sind durchaus erwünscht

          Wer im Frankfurter Stadtteil Bornheim eines der beliebten „Nocturne“-Turniere gewinnt, nimmt höchstens zweistellige Beträge mit nach Hause. Dennoch kommen auch Bundesligaspieler aus Viernheim und die befreundete Konkurrenz vom Frankfurter Pétanque-Club aus Bockenheim hierher - nirgends sonst kann man bei Laternenlicht bis in die Morgenstunden spielen. Und wer den Platz schon kennt, hat Heimvorteil. Unter Platanen geht es über Bodenwellen leicht bergab, wechselweise über Kies und Sand. Das ist durchaus erwünscht. „Wie heißt es so schön: Dann hat man eine anspruchsvolle Bahn“, sagt Johanna Brauch, Vizepräsidentin des DPV.

          Martha hat einen anderen Namen für Stellen, an denen schlechter Untergrund das Spiel erschwert: „Das ist Bockenheim“, sagt sie etwas abschätzig. Will sagen: Den Abschnitt sollte man meiden, sonst droht, gerade für Anfänger, ein Katastrophenwurf. Der Risikofaktor Boden lässt sich besonders gut mit den Portées ausschalten, bei denen die Kugel nach dem Aufsetzen nur noch minimal weiterrollt. Das klappt regelmäßig im Bornheimer Park, echte Raritäten sind solch schwierige Schüsse wie der Carreaux-sur-Place: Dazu muss man die gegnerische Kugel so gekonnt wegschießen, dass die eigene exakt deren Platz einnimmt. Es soll Profis geben, die das auf Kommando können. In Bornheim klappt es eher zufällig.

          Im Winter mit Handwärmern

          Für die meisten ist Boule ein Schönwettersport. Doch wer ihn wirklich liebt, der spielt auch bei widrigen Verhältnissen oder weicht in die Halle aus. „In Frankfurt gibt es ein Weihnachtsturnier nahe der Gerbermühle, das findet oft auf Schnee statt“, sagt Mustafa Cetin, zweiter Vorsitzender der „Bornheim Boules“. Dann kommen eben Handwärmer zum Einsatz. Spielausfälle sind jedenfalls nicht vorgesehen.

          Als Höchststrafe unter Boule-Spielern gilt die glatte Niederlage mit 0:13. Als „Fanny“ wird so ein Spiel bezeichnet. Der Begriff stammt aus den Savoyen. Dort war es in den Anfangsjahren des Spiels üblich, dass der Verlierer ein Mädchen auf den Hintern küssen musste, das Fanny hieß. Heute wird dazu bei manchen Turnieren ein Gemälde bemüht. Aber selbst ohne Abbild: Der Stachel sitzt tief, auch bei blutigen Anfängern.

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