https://www.faz.net/-gtl-9v9

Großstadtsurfen : Schlange stehen für die Welle

Idole der Jugend: Ein Surfer auf dem Eisbach Bild: dpa

Der Münchner Eisbach ist ein feiner Sportplatz: naturnah und stadtnah, kostenlos und klimaneutral, aggressionsfrei und alterslos. Einfach zu surfen ist er nicht.

          Seine Existenz beginnt unbeachtet. Mitten im Großstadtgetriebe zweigt er von der Isar ab und schiebt sich unsichtbar im Dunkeln unter Straßen und Häusern durch. Erst als es über ihm dröhnt, unter einer sechsspurigen Straße, sieht er Licht am Ende des Tunnels - und ist, kaum ans Tageslicht getreten, sofort berühmt. Denn er, der Eisbach, macht an dieser Stelle die Welle. Und wird zu einer Sportstätte, wie sie einmalig ist in der Welt.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Ein normaler Frühlingsnachmittag in München. Das normale Gedränge am Eisbach. Früher glotzten nur drei Steinfratzen unter den flachen Bögen der Brücke die Surfer an, wenn sie sich vom betonierten Bachrand auf die Welle schoben. Heute muss, wer sie sehen will, oben anstehen für den Platz am Geländer. Bei Touristen aus aller Welt gehört der Trip zum Bach zum München-Pflichtprogramm. Oben macht ein Doppeldeckerbus auf Stadtrundfahrt Station. Unten hält eine gelbe Kutsche, die vier ältere Damen durch den Englischen Garten fährt. Sie studieren das Schauspiel, sehen die Sprünge und 360-Grad-Drehungen der Könner und die Bemühungen der Anfänger, oben zu bleiben. Und sind entzückt.

          Viele Surfer wissen nicht, was sie von dem neuen Rummel halten sollen. „Wir wollten nie zu bekannt werden“, sagt Quirin Stamminger, ein blondgelockter Surfer, der in jedes kalifornische Klischee passen würde, aber seit fast zwanzig Jahren am Eisbach surft. „Wenn früher Kameraleute kamen, wurden sie verscheucht. Wer nicht hörte, landete schon mal im Wasser.“ Doch in Zeiten von Youtube und Facebook sind coole Nischen nicht mehr global geheim zu halten. Vor allem machte der Dokumentarfilm „Keep Surfing“ die Szene beim Kinopublikum bekannt - und beendete die beschauliche Zeit in der lokalen Subkultur.

          Auf der Münchner Welle: Der Eisbach ist das Domizil der Großstadtsurfer

          Man hatte keine Wahl, sagt Stamminger, „wir mussten die Welle retten“. Weil ein Betrunkener beim Schwimmen im Eisbach ertrunken war, drohte vor zwei Jahren wegen der unklaren Rechtslage die Schließung der Welle. Eine winzige Baumaßnahme im Bachbett hätte gereicht, sie verschwinden zu lassen. Die Surfer mussten in die Öffentlichkeit, ihre „Interessengemeinschaft Surfen in München“ sammelte 18.000 Unterschriften. Sie erreichten, dass die Stadt das Grundstück vom Freistaat übernahm und die Nutzung auf eine rechtliche Grundlage stellte. Nun ist die Welle legal. Aber auch weltbekannt. Und der Andrang der Surfer wächst.

          „Nur noch bei Regen“

          An schönen Nachmittagen wie an diesem Mai-Tag sind oft zwanzig und mehr da, dann stehen sie am Ufer Schlange und bekommen, wenn sie endlich dran sind, kaum eine halbe Minute auf dem Brett. Dieter Deventer, seit den Anfängen vor fast vierzig Jahren dabei, geht deshalb „nur noch bei Regen“ zum Eisbach. Stamminger ist, um vor Bürobeginn in seinem Marketing-Job in Ruhe surfen zu können, letzte Woche um fünf Uhr früh am Eisbach gewesen. „Aber da waren wir schon zu sechst, und um sechs Uhr war es zu voll.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hat sich zum Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Staaten bekannt: Annegret Kramp-Karrenbauer

          Akks Wehretat : Der Streit schwelt weiter

          Die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bekräftigt das Ziel der Nato, dass die Verteidigungsausgaben steigen sollen. Das provoziert Widerstand – in der Opposition und selbst beim Koalitionspartner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.