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Garri Kasparow im Gespräch : „Sotschi ist der völlig falsche Ort für Winterspiele“

  • Aktualisiert am

Meinungsstark: Gerri Kasparow hält die WM-Absage von Magnus Carlsen ebenso für falsch wie die Fifa-Entscheidung für Russland Bild: dpa

Sechs Jahre nach seiner Abkehr vom Schach und der Hinwendung zur russischen Politik nimmt der ehemalige Weltmeister am Sport regen Anteil. Im F.A.Z.-Interview spricht Kasparow über seinen designierten Nachfolger, Putin und die Fußball-WM 2018.

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          Seit 23. Dezember ist es offiziell: Ihr früherer Spieler Magnus Carlsen nimmt nicht an der Schach-WM teil.

          Das ist nicht gut, es ist die falsche Entscheidung. In seinem Alter und mit seiner Entwicklung hätte er kämpfen müssen. Am Brett.

          Verstehen Sie seine Beweggründe?

          Er hat recht, das System als unfair zu kritisieren. Die FIDE (der Weltschachbund) hat den ganzen Zyklus chaotisch organisiert. Mir gefällt auch nicht, dass die Kandidatenmatches ohne Pause zwischen Viertelfinale, Halbfinale und Finale über die Bühne gehen. Magnus wäre immer noch der Favorit, aber es kommen mehr physische und psychologische Aspekte ins Spiel, ein gewisser Glücksfaktor. Ich denke, seine Kritik am Modus ist aber nur vorgeschoben.

          Kasparow über Magnus Carlsen: „In seinem Alter und mit seiner Entwicklung hätte er kämpfen müssen.”

          Was ist Carlsens wirkliches Motiv?

          Es scheint ihm nicht zu behagen, sich einer so ernsten Herausforderung zu stellen.

          Manche vermuten, dass Sie ihm zur Absage rieten.

          Ich hätte nicht zugestimmt. Unsere Zusammenarbeit jedoch endete im Frühjahr.

          Bereuen Sie, dass Sie ihn ein Jahr lang gecoacht haben?

          Überhaupt nicht. Unsere Trainingspartien, die Analysen mit einem Spieler dieses Talents, das hat alles Riesenspaß gemacht. Er hat eine Fähigkeit, jede Stellung zu begreifen, wie vor ihm nur Karpow. Ich half Magnus mit etwas, was er nicht hatte: Eröffnungsvorbereitung, eine systematischere Arbeitsweise, schärfere Spielanlage.

          Was dachten Sie, als Sie von Carlsens WM-Absage hörten?

          Ich war nicht überrascht. Schon bei unserem Trainingslager in Marrakesch vor einem Jahr wich er aus, als ich seine fehlende Matcherfahrung ansprach. Er hat noch nie einen Zweikampf als Favorit bestritten. Ich riet ihm zu einem Trainingsmatch gegen einen Weltklassespieler, der nicht unter den WM-Kandidaten ist.

          Als Sie die Weltrangliste anführten, verloren Sie etwa eine Partie im Jahr. Carlsen hat allein in den vergangenen drei Monaten sieben reguläre Partien verloren. Wieso?

          Weil er nicht so hart arbeitet, wie er müsste. Das ist meine einzige Erklärung. Arbeiten heißt konstant bei der Sache zu sein, die Sinne geschärft zu halten. Wie er in London gegen Anand verloren hat, war schrecklich. Auch gegen Kramnik hätte er verlieren müssen. Dass Magnus trotzdem das Turnier gewonnen hat, zeigt, dass er es besser kann. Am Brett ist er phänomenal. Wenn er auch noch hart genug arbeitet, wird er dominieren.

          Können Sie sich vorstellen, Carlsen künftig wieder zu coachen?

          Nein. Er ist sein eigener Herr. Er ist jetzt dabei, erwachsen zu werden.

          Braucht er Zeit, um zu rebellieren?

          Er braucht Zeit, seine Zukunft zu überdenken. Alles scheint ihm zuzufliegen. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Vor einem Jahr hat er das Schach dominiert, jetzt nicht mehr. Hätte er weiter hart gearbeitet, hätte er meinen Rekord von 2851 Elopunkten brechen können. Das wären prächtige Schlagzeilen für das Schach und für ihn gewesen.

          Sie haben einmal gesagt, bevor Carlsen abtrete, werde er das Spiel erheblich verändert haben. Trauen Sie ihm das nun nicht mehr zu?

          Ein Spieler seines Talents, mit seiner Zugkraft bei den Medien und als erste Nummer eins aus dem Westen seit Bobby Fischer wäre enorm gut für das Schach. Dafür muss man seine Dominanz ständig beweisen. Das gelingt ihm jedoch nicht mehr. So reicht es nicht, in den Schlagzeilen zu bleiben, auch Leute für das Spiel zu interessieren, die sich sonst nicht um Schach kümmern. Magnus ist zwanzig. In dem Alter muss man kämpfen. Er hat ein enormes Talent und ist in gewissem Maße verpflichtet, dieses Talent der Schachwelt zu geben.

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